Axolotl Overkill

Mit ihrem Roman Axolotl Roadkill sorgte „Wunderkind“ Helene Hegemann einst für großen Wirbel und einen Diskurs über die Grenze zwischen Inspiration und Plagiat. Damals hatte der Blogger Deef Pirmasens frappierende Ähnlichkeiten zwischen seinem eigenen Werk und dem von Hegemann entdeckt. Auf den Vorwurf des Ideenklaus entgegnete die junge Literatin „dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.”. Damit büßte Hegemann bei mir spontan Sympathiepunkte ein – nicht wegen des vermeintlichen Abschreibens, sondern wegen der eloquenten Verwirrtechnik durch die prätentiös-intellektuelle Wortwahl ihrer Rechtfertigung. Schließlich wurde übrigens ein Verweis auf die Quellen ins Buch hinzugefügt.

Nun hat Helene Hegemann, die vor ihrer Karriere als Literaturwunderkind mit dem Film Torpedo schon ein Filmwunderkind gewesen war, konsequenter Weise auch die filmische Adaption ihres Romans übernommen, das Drehbuch verfasst und auch Regie geführt. Das Ergebnis ähnelt dem den obig zitierten Halbsatz: Eine bedeutungsschwangere Aneinanderreihung von Exzessen im Berliner Nachtleben, die nur durch Menschen mit einem erhöhten intellektuellen Potential zu dechiffrieren ist. Axolotl Overkill erinnert mich ein bisschen an Philosophie-Seminare an der Uni, in denen Kommiliton_innen die Zusammenfassung der wöchentlicher Lektüre derart mit Fremdwörtern und Schachtelsätzen ausschmückten, dass sich diese Kommentare noch kryptischer gestalteten als die Ausgangstexte. Und ich bin bis heute der Meinung, dass Intelligenz nicht darin besteht, komplizierte Sachverhalte kompliziert wiederzugeben, sondern vielmehr darin, sie in einfache und klare Worte zu übersetzen.

© Constantin

Dann aber wieder ist die Arroganz, die Axolotl Overkill anhaftet, einfach nur stilistisch konsequent, spiegelt sie doch die Haltung der Hauptfigur wider, die ebenso schwer zugänglich ist wie der Film, in dem sie auftritt. Mifti (Jasna Fritzi Bauer) ist eine frustrierte Jugendliche ohne Perspektive, eine dieser sogenannten „Millennials“, die ihre depressive Sinnlosigkeit kultivierend durchs Berliner Nachtleben stolpert und dabei so ziemlich allen verbal ans Bein pisst, die ihren Weg kreuzen. Die Mutter ist tot, der Vater zum zigsten Mal liiert und durch Abwesenheit glänzend. Miftis Halbgeschwister, mit denen sie in einem betont abgewrackten Berliner Altbau lebt, sind kaum weniger neurotisch als sie selbst. Am „normalsten“ wirkt ihr Bruder. Das hat in diesem Film bedauerlicher Weise System, denn während nicht nur Mifti, sondern auch ihre neue Freundin Ophelia (Mavie Hörbiger) manisch-depressiv zwischen Rückzug und Aggression oszilliert und Miftis Schwester Anika (Laura Tonke) Angstneurosen sammelt wie andere Leute Briefmarken, behalten die Männer* dieser Geschichte in der Regel die Ruhe. Das Geschlechterbild, das sich daraus ergibt, ist ein ziemlich trauriges.

Aber auch das passt irgendwie zur Hauptfigur, die – so scheint es – eigentlich gar nicht glücklich sein will. Alles und alle scheiße zu finden, ist einfach viel zu cool. Und so scheitert Mifti an jedem Beziehungsversuch, was wohl auch der Grund dafür ist, dass wir weder ihre Freundschaft zu Ophelia, noch ihre Liebesbeziehung mit der etwa doppelt so alten Alice (Arly Jover) verstehen. Wir verstehen sowieso nicht viel in diesem Film, der aus Vergangenheit, Gegenwart, Wahn und Realität ein Mosaik baut, das irgendwie kein rechtes Gesamtbild abgeben möchte. Vielleicht sind wir auch einfach nicht schlau genug, um Helene Hegemann oder Mifti zu verstehen.

© Constantin

Das viel größere Problem als die prätentiöse Kryptik des Konzepts ist die Unmöglichkeit, auch nur eine einzige Figur sympathisch zu finden. Ständig keifen sich die Menschen auf der Leinwand an, ständig liegen Aggressionen in der Luft und selbst zwischen Mifti und ihren Geschwistern kommt zu keinem Zeitpunkt Herzlichkeit auf. Das Bild, das Helene Hegemann von ihrer Generation zeichnet, ist ein unfassbar bitteres, zugleich aber eines, das die eigene Bitterkeit irritierend zelebriert – so wie es sich für Teenager gehört. Und vielleicht ist Axolotl Overkill ja genau das: die filmische Umsetzung pubertärer Entfremdung.

Das Ende der Geschichte passt dann perfekt zum Rest: Während die klugen Menschen, auf die es Hegemann ganz offensichtlich ankommt, mit einer komplexen Botschaft über die Essenz des Seins in intellektuellen Höhen aus dem Kino schweben, kann die breite Masse nur den Kopf schütteln. Wie schon bei meinen Philosophie-Kommiliton_innen ist mir auch hier die Absicht hinter dieser elitären Strategie unklar. Worum geht es denn? Um Provokation? Einen filmischen Mittelfinger? Ein demonstratives „Ich bin viel härter und klüger als ihr!“? Was sollen uns die Drogen- und Sexexzesse einer desillusionierten 16jährigen erzählen? Und wem überhaupt? Anderen 16jährigen oder den besorgten Eltern oder besonders denkbegabten Philosophiestudent_innen? Und welche Absicht steckt eigentlich hintern den wiederholten Anspielungen auf das Thema sexualisierte Gewalt, die mit beschwingten Sätzen wie „Vielleicht sollte ich wirklich mal vergewaltigt werden“ jedem Missbrauchsopfer die Zunge rausstrecken?

© Constantin

Ich kann mir nicht helfen. Mir ist Axolotl Overkill als Film aus denselben Gründen unsympathisch wie seine Hauptfigur. Film und Heldin versprühen eine Form intellektueller Arroganz, die in mir ähnliche Aggressionen weckt wie jene, denen ich auf der Leinwand beiwohnen muss. Aber wer weiß: Vielleicht war das auch das Ziel?! Sind wir nicht alle ein bisschen Mifti?

Kinostart: 29. Juni 2017

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