Truth or Dare

Der experimentelle Dokumentarfilm Truth or Dare führt uns durch leere Clubräume und sensible Porträts queerer Realitäten, die sich in Berlins sexpositiver Szene bewegen. Inspiriert durch die Sehnsucht nach Intimität und Nähe während der Covid-Pandemie geht es darum, wie Personen unterschiedlichster Lebenswege zusammenfinden, um in dieser Gemeinschaft ein neues Zuhause zu finden. 

© Poison

Ins Leben gerufen wurde dieses filmische Projekt von Maja Classen (Drehbuch und Regie).  Classen beschreibt Truth or Dare als ein sehr persönliches Projekt, getrieben von der Sorge, dass sichere Räume wie diese im Zuge des Corona-Lockdowns verloren gehen könnten. Nach Ihrem Studium an der HFF Konrad Wolf hat die Regisseurin und Drehbuchautorin mit Projekten wie u.a. Plötzlich ist die Welt ganz klein (2016), Küsse (2018) und A Body Like Mine (2023) bereits zahlreiche intime Lebensgeschichten erzählt. ___STEADY_PAYWALL___

Wir folgen drei Paaren und einer Gruppe von Menschen, die sich in unterschiedlichen Situationen begegnen. Sie berichten über die Flucht vor Faschismus, Trennung, das Eintauchen in Begehren sowie die Entdeckung des eigenen queeren Körpers. Truth or Dare fokussiert sich besonders auf Konsens-Praktiken und die Kommunikation der eigenen Grenzen.

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Mit beeindruckender Bildgestaltung und Lichtinszenierung werden Berliner Clubräume kunstfertig in Szene gesetzt. Langsame und bedachte Kamerabewegungen erzeugen einen Spannungsbogen, während bunte Lichter in dunklen Räumen eine mystische Ästhetik zeichnen. Gleichzeitig erfahren Zuschauer*innen durch musikalisch untermalte Tonspuren, Geschichten über die Lebensrealitäten einiger Castmitglieder. Die hautnahen und intimen Aufnahmen eröffnen eine Welt, in der Gespräche über die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zum Alltag gehören. Auch Zuschauer*innen die auf ausdrucksstarken Tanz und Bewegung hoffen, sollen in Truth or Dare nicht zu kurz kommen. 

Praktiken, die gängig in sexpositiven Gruppen sind, werden beispielhaft dargestellt. Grenzen- und Konsens-Check-ins, Safer Sex und die eigene sexuelle Vorgeschichte. Die Art und Weise, wie der Cast miteinander kommuniziert, bietet ein positives Beispiel für alle – sanft, klar, wertschätzend und verständnisvoll. So ermutigt Classen durch den Dokumentarfilm Zuschauer*innen auf eine Reise zu gehen, um ihre Beziehung zu Sexualität und Intimität neu zu erforschen. 

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Wie schon der Titel verrät, tauchen wir unter anderem in eine Runde des Spiels Truth or Dare (zu Deutsch: “Flaschendrehen”) ein. Die Person, die von der drehenden Flasche ausgewählt wird, muss sich entscheiden, eine Frage zu beantworten oder eine Aufgabe zu erfüllen. Auch hier legt die Regisseurin Wert darauf, achtsame und wertschätzende Kommunikation darzustellen, wodurch der Umgang mit dem Thema Konsens und persönliche Grenzen schnell deutlich wird. 

Das Besondere an diesem Projekt ist die Kombination aus Dokumentarfilm und sexuell expliziten Inhalten. Der Film hat insgesamt einen bodenständigen Ton, das Filmmaterial ist sinnlich und authentisch, was ihn zu einer stilvollen Erkundung queerer Intimität macht. Zuschauer*innen begegnen echten Menschen, ihren Körpern, Geschichten und Gefühlen. Sie zeigen sich offen und verletzlich. Classen geht es nicht nur darum, wie positiv und verantwortungsvoll mit Begehren umgegangen wird, sondern auch um die Auswirkungen, wenn nicht auf persönliche Grenzen geachtet wird. Beispielsweise wird die Geschichte einer solchen Überschreitung beschrieben sowie die Auswirkungen auf Betroffene. 

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Es fällt positiv auf, dass im Film Truth or Dare Wert auf eine vielfältige Besetzung gelegt wurde, denn die Diversität der repräsentierten Personen in Bezug auf Gender, Sexualität, Beziehungsmodelle, Herkunft und Sexarbeit reicht über die üblichen Grenzen anderer Filmbeispiele hinaus. Auch sticht heraus, dass der Film mit einem Inhaltshinweis startet, was auf einen verantwortungsvollen Umgang mit den Themen hinweist.  

Mit kunstvoller Bildsprache widmet sich Truth or Dare somit den zentralen Themen der Menschen in Berlins sexpositiven Räumen; stets sensibel, umfassend und mit einem aufgeklärten Blick. 

Truth or Dare erscheint am 13. November 2025 in deutschen Kinos.

 

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