Interfilm 41: Queer Fever

Der Kinosaal des Rollberg Kinos in Berlin-Neukölln ist fast ausverkauft, grade so habe ich mit meiner Akkreditierung noch ein Ticket zum zweiten Screening des Queer Fever-Programms des diesjährigen Interfilm Festivals bekommen. Es ist bereits das zwölfte Mal, das Queer Fever ein Teil der Sektion „Specials“ ist und laut der Kurator*innen Marcel Danner und Ilana Glizer steigt die Qualität der Einreichungen stetig, sodass die Entscheidung für die finalen Kurzfilme in diesem Jahr enorm schwergefallen ist. Diese fünf Filme, die ich im Folgenden besprechen werde, sind: Capitanes von Edu Hirschfeld und Kevin Castellano,  I Hate Helen von Katie Lambert, A Place To Belong von Theingi Win Tin, Ademi von Zhamilya Sakhari und La era de las plantas con flor (The Age of Flowering Plants) von Magaly Ugarte de Pablo

Es ist natürlich immer ein Unterschied, ob ich einen Film zu Hause auf dem Laptop oder im Kino schaue, gutbesuchte Screenings queerer Filme sind dennoch eine besonders schöne und eindrucksvolle Erfahrung – jedenfalls dann, wenn das Publikum überwiegend queer zu sein scheint. Obwohl ich die Filme zur Vorbereitung bereits zu Hause geschaut hatte, war es ein völlig anderes Erlebnis, das verhalten bis schallend lachende Publikum und die Reaktionen der Personen neben mir beobachten zu können. Die Filme konnten viel intensiver auf mich einwirken und das Filmeschauen fühlte sich nach einer kollektiven Erfahrung an. Ich unterlasse es an dieser Stelle, künstlich Verbindungen zwischen den Filmen herzustellen oder die Fieber-Metapher auszudehnen, da der Programmtitel ein wiederkehrender ist. Das, was die queeren Kurzfilme für mich aber dennoch gemeinsam haben, ist, dass sie alle widerständige oder trotzige Elemente beinhalten, sei es beim Anerkennen eines Crushes oder gegenüber queerfeindlichen gesellschaftlichen Strukturen. So habe ich den Kinosaal mit neuer, queerer Kraft verlassen. ___STEADY_PAYWALL___

Capitanes von Edu Hirschfeld und Kevin Castellano   

© Kevin Castellano & Edu Hirschfeld

Capitanes beginnt in  einem vermeintlich extrem heterosexuellen Setting: dem Männerfußball. Es ist ein wichtiges Spiel in der spanischen Liga, die Dramatik wird durch die Kommentator*innen unterstützt – als Zuschauer*in fühlt es sich so an, als verfolge ich ein Spiel im Fernsehen. Aufgrund einiger Aufruhr wird der Kapitän des einen Teams ausgewechselt und geht in die Kabine. Die Kamera bleibt bei ihm und nicht auf dem Spielfeld, kurz danach folgt aufgrund einer roten Karte der Spieler, der zuvor die Kapitänsbinde übernommen hatte. Die Emotionen zwischen den beiden Männern kochen hoch, sie beschimpfen sich, beginnen miteinander zu kämpfen. Der Ursprung des Konfliktes scheint zu sein, dass über einen der beiden bekannt geworden ist, dass er Sex mit Männern hat und dies zu Auseinandersetzungen auf dem Spielfeld und zu Spannungen zwischen den beiden Kapitänen führt. Das Rangeln der Männer führt – wie so oft bei Darstellungen queerer Männer, die sich in durch cis-hetero Männlichkeit geprägten Kontexten befinden – zu vorsichtigen und dann immer leidenschaftlicher werdenden Küssen. Bis hierhin folgt der Film von Edu Hirschfeld und Kevin Castellano einem erwartbaren Muster, umso überraschender und wirkungsvoller ist die plötzliche Wendung, die jedenfalls in dem von mir besuchten Screening zu Gelächter führte: Die Männer unterbrechen ihre Make-Out-Session und sehen, dass beide Teams in die Kabine gekommen sind und zuschauen. Nach einem kurzen Moment des Innehaltens küssen sie weiter. Die zuschauenden Fußballer sind erst schockiert, dann aber sichtlich erregt und beginnen, sich mit den Händen über die Körper zu reiben und zu küssen. Capitanes entwickelt sich so zur queeren Orgie, voller Lust, Begehren und Spaß, untermalt von orchestraler Blasmusik. Es entsteht ein queerer Fiebertraum in der Kabine, eine utopische und humorvolle Vorstellung, die aufzeigt, welche Potenziale im Männerfußball schlummern, wäre er nicht durchzogen von patriarchalen und homofeindlichen Strukturen. Mit dem letzten Shot sorgt der Film dennoch für die Einordnung in die Realität: Zwei dunkel gekleidete Personen mit Schlagstock und Flagge stürmen in die Kabine, der Bildschirm wird schwarz, bevor die weiteren Geschehnisse zu sehen sind.

I Hate Helen von Katie Lambert

Priya hasst ihre Mitschülerin Helen. Jedenfalls behauptet sie das ziemlich vehement. Die Gründe ihrer Abneigung: die Art, wie Helens Po wackelt, wenn sie sich freut, dass sie Priyas Stift benutzt oder, dass sie andauernd Jungen mit ihren goeey, wet sex eyes anschaut. Während sich Priya über Helen auslässt, sehen wir als Zuschauende Priyas Gedanken dazu, zum Beispiel ein Close-Up von Helens Mund, während sie auf Priyas Stift kaut. Schnell ist also klar: Priyas Abneigung ist eigentlich ein Crush.

Mit I Hate Helen erzählt die Regisseurin Katie Lambert zwar keine neue Geschichte, aber sie schafft es, mit prägnanten und effektiven Dialogen eine universelle queere Erfahrung greifbar und sehr humorvoll darzustellen. Die Effektivität wird auch in der sechsminütigen Laufzeit deutlich, kein Shot oder Dialog ist überflüssig und die jungen Darsteller*innen schaffen es, ihren Charakteren die nötige Tiefe zu geben.

I Hate Helen zeigt erstes queeres Verlangen, ist aber kein Coming-out-Film. Priya durchläuft einen kurzen Prozess des Realisierens, aber es geht nicht darum, dass sie ihre queeren Erkenntnisse ihren Freundinnen oder Eltern erzählt. Dieser Prozess scheint für Priya nicht schmerzhaft zu sein, abgesehen von dem Stress, den ein Crush mit sich bringen kann. Es ist ein Film, der Spaß macht, weil er das sexuelle Begehren junger Mädchen ernst nimmt, dabei aber nicht sexualisiert. Die humorvoll geschriebenen Dialoge werden durch pointierte Einstellungen unterstützt, sodass der Film von einer ansteckenden Energie durchzogen ist und das Potenzial, das in Kurzfilmen liegt, voll ausschöpft.

A Place To Belong von Theingi Win Tin

In der Dokumentation A Place To Belong begleitet Theingi Win Tin die Protagonistin Ko Nge in ihrem Alltag als trans Frau in Myanmar. Der Film bleibt immer nah an seiner Protagonistin und den Perspektiven auf ihr Umfeld.Der zentrale Ort ist dabei der Schönheitssalon, in dem sie arbeitet und lebt und der gleichzeitig ein sicherer Ort für junge trans Sexarbeiterinnen ist. Es ist ein Raum mit vielen Funktionen, dessen Bedeutung weit über die sehr begrenzte räumliche Fläche hinausreicht. Ko Nge hadert mit dem Älterwerden, ihrem Aussehen und ihrer HIV-Erkrankung und scheint trotz der Gemeinschaft um sie herum in manchen Momenten einsam. Sie erzählt von ihren romantischen Beziehungen und der Sehnsucht, einen Mann zu finden, der sie als Frau liebt und schätzt und nicht fetischisiert. A Place To Belong ist eine ruhig erzählte und melancholische Doku über das Altern und Einsamkeit, ohne dabei in Trostlosigkeit zu verfallen und zeichnet so ein berührendes, aber kein tragisches Porträt von Ko Nge, deren Kämpfe auch kontextunabhängig greifbar sind: Obwohl ich um einiges jünger bin als die Protagonistin und meine Identität und mein Umfeld anders sind, lässt mich der Film über meine eigenen Wünsche und Gespräche zu queerer Gemeinschaft nachdenken und über das Älterwerden außerhalb heteronormativer Strukturen reflektieren. 

Ademi von Zhamilya Sakhari

© Zhamilya Sakhari

Ali ist bisexuell und lebt in Kasachstan, einem Land, in dem queere Gemeinschaft im Untergrund stattfindet, und, so erzählt Ali, in dem viele queere Personen von ihren Eltern rausgeschmissen werden und den Kontakt zur Kernfamilie abbrechen (müssen). Nicht so Ali, der auch nach seinem Outing weiterhin mit seiner Mutter leben kann, die mit ihm Stoffe kaufen geht und Kleider für seine Dragperformances näht. Eine Beziehung, die zwar im ersten Moment schön und harmonisch wirkt, sich dann aber doch als komplizierter herausstellt – was sie nicht weniger beeindruckend macht. Zhamilya Sakharis Ademi  (әдемі bedeutet „wunderschön“ auf Kasachisch) porträtiert Ali mit seiner Kernfamilie und in queerer Gemeinschaft, beide Orte stellen eine Form des Zuhauses dar. Was mir besonders im Gedächtnis bleibt, ist die Beziehung zwischen Ali und seiner Mutter, die durch die Widersprüche zwischen den Worten und dem Handeln der Mutter geprägt ist: Ihre Aussagen sind zum Teil queerfeindlich; sie hofft sehr, dass Ali letztendlich eine Frau heiratet und kann seinen Wunsch, als Dragqueen zu performen, eher weniger nachvollziehen.Trotzdem begleitet sie ihn zu seiner Performance in einem queeren Club, den es offiziell nicht gibt. Ademi gibt seinen Protagonist*innen Raum, zu erzählen und erlaubt Zuschauer*innen die Widersprüche selbst einzuordnen. Auch auf der Bildebene bietet die Doku einen Gegenpol zu Queerness, die wenig Raum in der Öffentlichkeit einnehmen kann: Der erste und letzte Shot des Filmes zeigen ein Fotoshooting in Dragkostümen in der weiten kasachischen Steppe. 

La era de las plantas con flor (The Age of Flowering Plants) von Magaly Ugarte de Pablo

Valeria erlebt ein queeres Erwachen, nachdem sie im Blumenladen, in dem sie arbeitet, zwei Menschen beim Küssen beobachtet.  La era de las plantas con flor  von der Regisseurin Magaly Ugarte de Pablo erzählt eine klassische Coming-out/Coming-of-Age-Geschichte, allerdings geht es nicht primär um Queerness bezogen auf Sexualität oder Geschlecht, sondern um die elfenähnlichen Ohren und Flügel, die Valeria nach ihrer ersten queeren sexuellen Erfahrung wachsen. Es scheint aber so, dass in der Welt, in der Valeria lebt, vor allem Personen, die sich in queeren Kontexten bewegen, lang gewachsene, verschnörkelte Ohren wachsen. La era de las plantas con flor ist ein Film über die erste Anziehung, die ersten sexuellen Erfahrungen und den ersten Herzschmerz und zeigt Valerias Prozess, während dem sie zu sich findet und – wie die Schmetterlinge an den Blumen – aufblüht und buchstäblich ihre Flügel findet. Obwohl ich Ugarte de Pablos Bildsprache und die fantastische Welt, die sie kreiert, schätze, ist La era de las plantas con flor der Film im Queer Fever Programm, der bei mir am wenigsten nachwirkt. Vielleicht, weil Valerias Geschichte zwar nachvollziehbar ist, für mich aber der Eindruck entsteht, dass es durch den visuellen und inhaltlichen Fokus auf das Fantasy-Setting etwas an charakterlicher Tiefe der Protagonistin fehlt. 

Das Interfilm 41 fand vom 4.-9. November statt.


© privat

Gast-Löw*in:

Lina Heimann (keine Pronomen) hat Angewandte Kulturwissenschaften und Kultursemiotik in Potsdam studiert,  die Masterarbeit über Queerness in der Serie A League of Their Own geschrieben und beschäftigt sich im akademischen Kontext gerne mit Serien, Queer Theory in Verbindung mit (pop)kulturellen Themen und queerer Representation. Lina wohnt in Berlin und schreibt Film- und Serienkritiken auf Deutsch und Englisch.