Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen

Das Ende naht. Eigentlich sollte das für niemanden mehr eine Überraschung darstellen. Eigentlich sollten wir doch alle wissen, dass sich die Menschheit sukzessive selbst abschafft, ihren Planeten herunterwirtschaftet, Tierarten ausrottet und eine Klimakatastrophe heraufbeschwört. Und was auf indirektem Wege nicht zerstört werden kann, erledigen Kriege, Völkermorde und andere Ausgeburten fehlenden Verständnisses und wachsenden Hasses. Die Populärkultur ist voller Weltuntergangsszenarien, wie z.B. aktuell in X-Men: Apocalypse, und die Flut an Superhelden-Geschichten markiert eine wachsende Hoffnungslosigkeit: Ohne übernatürliche Kräfte sind wir nicht mehr zu retten. Es ist aus.

Mit dieser Einstellung beginnt auch Tomorrow. „Na toll“, denkt sich das Publikum in den ersten Minuten, „das mit der Realitätsflucht im Kino hat dann wohl nicht geklappt.“ Doch was als erschreckende Darstellung der menschlichen Abwärtsspirale beginnt, entpuppt sich schließlich als eine Hoffnungsträgerin, mit der es Spider Man und Konsorten nicht aufnehmen können.

© Pandora

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Den Regisseur_innen Mélanie Laurent und Cyrial Dion geht es nicht darum, mit mahnendem Zeigefinger die Übel dieser Welt zu benennen. Es geht ihnen nicht um Probleme, sondern um deren Lösung. Die zu Beginn zitierte vernichtende Studie von Anthony Barnosky und Elizabeth Hardly, die einen Zusammenbruch aller Ökosystem zum Ende des Jahrhunderts vorhersagt, ist nur der Ausgangspunkt für eine hoffnungsvolle Reise um die Welt. Entgegen der apokalyptischen Logik der Bibel bzw. ihrer sogenannten prämillenaristischen Auslegung, die das Ende der Welt als zwangsläufig annimmt, zeigen Laurent und Dion, dass es noch lange nicht zu spät ist, diese Erde und das Leben darauf zu retten.

In fünf Kapiteln zu Landwirtschaft, Energie, Wirtschaft, Demokratie und Bildung stellen die Filmemacher_innen Initiativen vor, die sich für eine andere, für eine bessere Welt einsetzen. Und siehe da: Manuelle Landwirtschaft produziert mehr Nahrung als voll automatisierte Großkonzerne. Ganze Städte können ohne Erdöl mit Strom und Wärme versorgt werden. Alternative Währungen durchbrechen den Schuldenkreislauf, Bürgerpartizipation behebt die Probleme der aktuellen Scheindemokratie und motiviert Menschen, sich an der Gestaltung ihres Lebensumfelds aktiv zu beteiligen. Und ein Bildungssystem, das keinen Wettkampf, sondern Kooperation fördert, schafft die Grundlage für dieses Weltbürgertum, das sich gemeinschaftlich für eine bessere Welt einsetzen kann.

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Aber warum sind uns so viele dieser Initiativen unbekannt? Warum ist vieles, was sie erarbeitet haben so erstaunlich? Und am allerwichtigsten: Warum werden erfolgreiche Systeme, wie beispielsweise das finnische Bildungssystem, nicht weltweit adaptiert?

Auch wenn sich Tomorrow einem lösungsorientierten Ansatz verschrieben hat, versäumen es Mélanie Laurent und Cyrial Dion nicht, ganz nebenbei auch die Wurzel allen Übels zu benennen. Das geschieht glücklicher Weise sehr subtil. „Der böse Kapitalismus“ wäre eine viel zu plakative Aussage, doch das Fazit aus diesem Film kann kein anderes sein, als eben jenes Wirtschaftsmodell grundsätzlich in Frage zu stellen. Denn wann immer die Frage aufkommt, warum offensichtlich dysfunktionale Strukturen keine Veränderung erfahren, ist die Antwort eine ganz einfache: Weil eine kleine Hand voll Menschen vom Status Quo finanziell profitiert.

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Um diese Botschaft möglichst vielen Menschen nahezubringen, haben Laurent und Dion ihren Film recht unterhaltsam gestaltet. Die einzelnen Stationen der gemeinsamen Reise werden zügig abgearbeitet, eine dominante Musikuntermalung erzeugt verschiedene Stimmungen von Depression, über Hoffnung bis hin zu Elan. Dass die Filmemacher_innen hiermit manchmal über das Ziel hinausschießen, ist in Anbetracht des resultierenden Mainstream-Appeals leicht zu verschmerzen.

Ein bisschen Skepsis bleibt dennoch. Zu utopisch wirken die vorgestellten Initiativen, kein noch so kleines Problem trübt die alternativen Konzepte und die sanfte Farbgebung des Films spiegelt diese weichgewaschene Schönfärberei wieder. Tomorrow wirkt manchmal wie ein Märchen, von dem wir uns zwar wünschen, dass es wahr sei, das wir aber letztlich als Fantasiegebäude ad acta legen müssen.

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Auch der Eurozentrismus der dokumentierten Entdeckungsreise stößt negativ auf. Bis auf ein Projekt in Indien scheinen die Europäer_innen, insbesondere die Skandinavier_innen, die Vorreiter_innen für nahezu alles zu sein. Abseits dieses angenommenen Weltzentrums lohnt sich maximal der Blick in die USA. Afrika, Südamerika und Asien (mit Ausnahme von Indien) haben zur Weltrettung scheinbar nichts beizutragen. Bedauerlich ist auch die Überzahl männlicher* Experten. Natürlich darf auch die eine oder andere Frau* ihr Projekt vorstellen, doch wann immer es um wissenschaftliche Grundlagen oder technische Zusammenhänge geht, scheinen ausschließlich Männer* kompetente Ansprechpartner zu sein.

Nichtsdestotrotz ist Tomorrow nicht nur ein informativer, sondern vor allem ein bereichernder Film. Mélanie Laurent und Cyril Dion distanzieren sich erfolgreich von einer Kultur der Angst, die das Kinopublikum mit dem unausweichlichen Weltende konfrontiert und ihnen ihre Verfehlungen auflistet, und kontern dieser Dystopie mit der Utopie: Wenn wir als Zuschauer_innen das Kino verlassen und sofort einen Bio-Bauernhof gründen wollen, dann nicht aus Angst vor dem Untergang, sondern aus purer Freude am Leben und seiner unbegrenzten Möglichkeiten.

Kinostart: 2. Juni 2016