PFF 2016: The Bedroom und 7 Gründe, feministische Pornos zu gucken

In ihrem neuen Film The Bedroom, der das diesjährige Pornfilmfestival in Berlin eröffnete, führt Regisseurin Anna Brownfield durch sechs Epochen Sexualgeschichte, von den 60er Jahren bis heute: Im immer gleichen, aber natürlich der jeweiligen Epoche entsprechend umdekorierten, Schlafzimmer finden sexuelle Begegnungen und Erfahrungen statt.

The Bedroom ist insofern ein klassischer Porno, als dass er sich klar auf die sexuelle Interaktion konzentriert. Die sparsame Handlung wird binnen der ersten 30-60 Sekunden einer jeden Episode zügig etabliert, bevor es dann ohne Umschweife zum Eigentlichen geht: Sex. Und trotzdem ist The Bedroom ganz anders als das, woran die meisten Menschen beim Thema „Porno“ denken.

Regelmäßig werde ich gefragt, wie sich der feministische oder alternative Porno von seinem Mainstream-Pendant unterscheidet und The Bedroom ist ein gutes Beispiel, um diese Frage einmal strukturiert und ausführlich zu beantworten.

© Anna Brownfield

© Anna Brownfield

  1. Körper

The Bedroom zeigt eine Vielfalt unterschiedlicher Körper: kleine, große, schlanke, dicke. Große Brüste, kleine Brüste, gemachte Brüste. Große Schwänze, kleine Schwänze, behaarte und rasierte Muschis. Wir sehen verschiedene Hautfarben ebenso wie verschiedene Hauttypen. Die Performer_innen haben Pickel und Cellulite, Warzen und Narben – kurzum: sie sind nicht makellos. Die dargestellte Körpervielfalt hat eine zweifache Wirkung: Erstens konstruiert The Bedroom kein statisches Schönheitsbild, macht keine normativen Vorgaben darüber, wie Körper auszusehen haben, um sexy zu sein. Das führt zweitens zu einer Darstellung von Sexualität, die frei von Körperkult und damit auch dem Appell ist, einem bestimmten Bild nachzueifern. Die Zuschauenden haben nicht nur Freude an dem erotischen Schauspiel, sondern auch an sich selbst. Sie dürfen sich selbst schön und sexy finden wie sie sind, anstatt sich auf unvorteilhafte Weise mit aalglatten Pornopuppen zu vergleichen. The Bedroom macht nicht nur geil, sondern streichelt auch die Seele!

  1. Sexualitäten und Identitäten

So wie The Bedroom nicht nur einen einzigen normativen Körpertyp kennt, verzichtet der Film auch auf die Darstellung einer normativen Sexualität. Frau* und Mann*, Mann* und Mann*, Frau* und Frau* oder einfach Mensch und Mensch – egal wer da vögelt, Hauptsache es macht Spaß. Und weil es so egal ist, welchem biologischen oder sozialen Geschlecht sich die einzelnen Figuren zuordnen, ist auch auf selbstverständliche Weise Raum für Trans*personen.

© Anna Brownfield

© Anna Brownfield

  1. Interaktion

Die Menschen, die in The Bedroom aufeinander treffen, gehen auf unterschiedliche Weise miteinander um. Da gibt es ein frisch getrautes Ehepaar ebenso wie einen heißen One Night Stand nach einer Party. Und weil unterschiedliche Konstellationen eben unterschiedlichen Sex bedeuten, zeigt Regisseurin Anna Brownfield uns auch in dieser Hinsicht Vielfalt: mal mehr, mal weniger heftig, mal zärtlicher, mal leidenschaftlicher und wilder. Aber eines ist allen Szenen gemeinsam: Die Menschen begegnen sich mit Respekt. Da wird gefragt, ob dieses oder jenes angenehm sei, ob noch ein Finger mehr in eine Körperöffnung passt. The Bedroom demonstriert einen respektvollen sexuellen Umgang, bei dem niemand (ohne sein Einverständnis) erniedrigt wird, der niemandem Schaden zufügt und der selbst in Momenten von entfesselter, wilder Leidenschaft Raum für Intimität und Zärtlichkeit lässt. Da wird gelacht, gekichert und gekuschelt, und nicht einfach nur gefickt.

  1. Bildausschnitte

Und weil es nicht nur ums Ficken geht, sondern um die Begegnungen von Menschen, mit sich selbst oder anderen, konzentriert sich die Kamera auch nicht ausschließlich auf Genitalien. Im Gegenteil: Manchmal sind sie kaum zu sehen! Ab und an gibt es ein Close-Up auf eine Vulva, doch meistens sehen wir den ganzen Menschen. Es geht also nicht nur um Penetration, sondern um Interaktion, um Berührung, Erregung und Freude an der Sache. Die drückt sich in Gesichtern und Körpern aus, in vor Verzückung zappelenden Zehen und vor Erregung angespannten Muskeln. Wer ausschließlich Mainstreampornographie konsumiert, wird dies vielleicht anzweifeln, aber: Diese Art Sexualität zu filmen ist um einiges erregender als Großaufnahmen von mechanisch interagierenden primären Geschlechtsorganen.

Übrigens: The Bedroom zeigt keinen einzigen Come-Shot/Money-Shot, verzichtet also auf das im Mainstream-Porno obligatorische Spermagespritze.

© Anna Brownfield

© Anna Brownfield

  1. Geschlechterverhältnisse

Der Mann* schaut, die Frau* wird angeschaut – so die klassische Rollenverteilung – nicht nur, aber auch im Mainstreamporno. Wenn Frauen* etwas mit Frauen* anfangen, dann im Grunde nur zur Ergötzung der gaffenden Kerle. Die weibliche Lust ist ohnehin hauptsächlich dann von Bedeutung, wenn sie die Potenz des Mannes* belegt.

The Bedroom zeigt gleichberechtigte Menschen in gleichberechtigter Interaktion. Alle Performer_innen sind zugleich Subjekt und Objekt der Begierde – bis auf eine Szene, in der eine Frau* ihren neuen Vibrator ausprobiert, während sie über Videochat einem anonymen Penis beim Masturbieren zusieht. Tendenziell steht die weibliche* Lust in The Bedroom ein wenig stärker im Zentrum als die männliche*, zumindest in den Szenen, in denen sich diese Geschlechter-Pole klar unterscheiden lassen. Es handelt sich jedoch nicht um eine Umkehrung der in der Mainstreampornographie omnipräsenten Reduktion der Frau* auf ein Sexobjekt, sondern nur um ein graduelles „Ungleichgewicht“.

  1. Safer Sex

In The Bedroom wird verhütet – auch in partnerschaftlichem Geschlechtsverkehr. Kondome und Gleitgel kommen ebenso selbstverständlich zum Einsatz wie Handschuhe und Lecktücher, wobei vor allem letztere vielen Zuschauer_innen unbekannt sein dürften. Damit erfüllt The Bedroom auch einen sexualpädagogischen Auftrag. Der Film zeigt nicht nur ganz praktisch, wie Safer Sex in den verschiedensten Konstellationen funktioniert, sondern auch, wie natürlich und sogar sexy der Umgang mit Verhütungsmitteln sein kann.

© Anna Brownfield

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  1. Botschaft

Wie eingangs erwähnt, ist The Bedroom ohne Einschränkung als Pornographie einzuordnen, also als Film, dem es primär um die sexuelle Erregung seines Publikums geht. Die Narration wird hintenangestellt, kopulierende und masturbierende Körper, an deren Anblick wir uns erfreuen sollen, stehen im Vordergrund. Und doch hat The Bedroom auch etwas zu sagen: Jede Epoche etabliert Anna Brownfield durch eine Titelsequenz, die ein zeitgenössisches Zitat zum Thema Sexualität enthält und der folgenden Episode einen Kontext gibt. Das ist beispielsweise die Einführung der Anti-Baby-Pille in den 60ern, das Auftauchen von Aids/HIV in den 80ern oder der aktuelle Diskurs um Geschlechtsidentität. Wir lernen: Erregende Pornographie und emanzipatorisch bzw. sexualpädagogisch wertvolle Inhalte müssen sich nicht ausschließen!

ABER

Ich möchte hier nicht missverstanden werden: The Bedroom ist nicht der beste feministische Porno, den ich jemals gesehen habe. Der Film eignet sich meines Erachtens nur ziemlich gut, um die Charakteristika dieser Sorte erotischer Filme herauszustellen. Es gibt durchaus auch Kritik an Anna Brownfields Inszenierung zu üben, beispielsweise die Abwesenheit von Menschen mit Behinderung, die einer anderen Form der Normativität Raum gibt, dem sogenannten Ableismus. Auffällig ist auch, dass beide Masturbationsszenen von Frauen* performt werden, was auf der einen Seite die Figuren als unabhängige und selbstbewusste sexuelle Akteurinnen in Szene setzt, gleichzeitig aber auch das Klischee der Frau* als Anschauungsobjekt bestätigt. Denn sexy Männern* beim onanieren zuzusehen, ist auch im alternativen bzw. feministischen Porno noch ein seltenes Vergnügen.

Mein Fazit ist dennoch eindeutig: Wäre The Bedroom nicht „alternativ“, sondern „mainstream“ hätte unsere Gesellschaft ein paar Probleme weniger und dafür deutlich besseren Sex!

Sophie Charlotte Rieger

Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.
Sophie Charlotte Rieger

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