Interview: Queer Cinema Now – Liebeserklärungen an das queere Kino

Seit 2009 steht die sissy für eine Auseinandersetzung mit queeren Geschichten, wie sie so an kaum einer anderen Stelle zu finden ist. Das Magazin, herausgegeben vom Filmverleih und Verlag Salzgeber, bespricht Filme und Bücher mit einem dezidiert queeren Blick. Mit Queer Cinema Now ist nun ein Buch erschienen, das sowohl die Highlights aus zwölf Jahren Filmbesprechungen in der sissy bündelt, als auch einen Überblick über das queere Kino der Gegenwart bietet. Die Texte sind einfühlsam, witzig und radikal. Sie sprengen nicht ohne Grund regelmäßig den Rahmen einer klassischen Kritik. In den zwölf Jahren ihres Bestehens hat die sissy, so wird deutlich eine eigene Art der queeren Filmkritik etabliert. Während deutsche Feuilletons bei der Besprechung queerer Filme oft eine merkwürdige Sprachlosigkeit befällt, geht die sissy neue Wege und schafft so eine Plattform für queere Texte über queeres Kino. ___STEADY_PAYWALL___

Die Filmbesprechungen in Queer Cinema Now bieten Einsichten in queere Filme, machen aber auch Identifikationsangebote. Filme und Texte verschränken sich zu einem ein Ort für Menschen und Geschichten, die im heteronormativen Raum keinen Platz finden, die an den erzählerischen und gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Widerstand, so zeigt das Buch, kann auch liebevoll sein.

Jan Künemund war Mitgründer und von 2009 bis 2015 Redakteur der sissy – damals noch als Printausgabe. Seit 2016 führt Christian Weber, der auch Pressesprecher bei Salzgeber ist, die sissy als Onlineformat weiter. Filmlöwin hat mit den beiden über die Anfänge der sissy und das queere Kino in Deutschland gesprochen und darüber, was in der sissy-Redaktion anders läuft als in herkömmlichen Filmmagazinen.

Frontcover Queer Cinema Now © Salzgeber

© Salzgeber

Wie kam es zu dem Buch? Hat der Gedanke, im Lockdown etwas übers Kino zu machen, eine Rolle gespielt, oder hattet ihr das Buch schon länger geplant?

Christian Weber: Den Plan zu einem sissy-Buch gab es eigentlich schon, als Jan 2015 bei Salzgeber und als sissy-Redakteur aufgehört hat. Damals wurde auch die Print-sissy eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt gab es zusammen mit Björn Koll, Salzgeber-Chef und Herausgeber der sissy, erste Überlegungen, die Print-sissy noch mal in einer Buchform zusammenzufassen. Dann hat es aber tatsächlich ein paar Jahre gedauert, bis alles ein bisschen konkreter geworden ist. Im zweiten Corona-Jahr hatten wir etwas mehr Zeit, das Buchprojekt voranzutreiben, bis zur finalen Umsetzung hat es dann aber trotzdem nochmal ungefähr ein Dreivierteljahr gedauert. Dabei waren die Texte im Prinzip alle schon da, es sind die Besprechungen, die im Magazin bzw. online erschienen sind.

Was war euch bei der Auswahl der Artikel wichtig? Ging es in erster Linie darum, den aktuellen Stand des queeren Kinos abzubilden, oder war euch auch eine Mischung verschiedener Filmkritiken, Autor:innen und Herangehensweisen wichtig?

Jan Künemund: Die sissy ist erst einmal mehr als Filmkritik gewesen. Als wir damals mit der Print-sissy angefangen haben, gab es schnell auch einzelne Rubriken. Es gab eine Fotorubrik, die hieß „Mein DVD-Regal“, es gab eine literarische Rubrik, wo Autor:innen ganz frei bestimmte Momente nacherzählt haben, an die sie sich in queeren Filmen erinnerten. Und dann gab es noch Überblicksartikel. Das Buch ist jetzt eine Komprimierung, also eine Schnittmenge von interessanten Filmen und interessanten Texten. Zum einen haben wir Texte rausgelassen, wenn die besprochenen Filme über LGBTQI+ zu heteronormativ ausgefallen waren, Parada (Srdjan Dragojevic, 2011) ist so ein Beispiel. Und zum andern waren die Texte manchmal einfach so toll, dass wir dann den anderen Teil dieser Schnittmenge gestärkt haben.

CW: Es ist natürlich eine subjektive Auswahl. Wir hatten aber auch den Anspruch, dass diese Auswahl repräsentativ ist. Es sind 211 Texte über 212 Filme, ein einziger Text bespricht zwei Filme zusammen. Das ist natürlich eine Menge, selbst für eine Zeitspanne von zwölf Jahren. Wir haben versucht, einerseits die wichtigsten Filme, die auch in den queeren Diskursen eine Rolle gespielt haben, ins Buch zu nehmen. Andererseits sollten auch Entdeckungen dabei sein, also kleinere Filme, die kaum besprochen wurden und die jetzt noch einmal Aufmerksamkeit bekommen und wiederentdeckt werden können.

JK: Und noch kurz zu deinem Punkt von der Unterschiedlichkeit der Texte. Das ist von Anfang an auch das Konzept gewesen. Also, dass wir abbilden, auf wie viele unterschiedliche Arten und Weisen über queeres Kino nachgedacht und geschrieben werden kann. Anstatt einen Pool von Autor:innen aufzubauen, die alle in eine bestimmte Richtung gehen. Beispielsweise in eine akademische Richtung oder eine journalistische oder auch eine ideologische Richtung. Das alles haben wir versucht zu vermeiden. Wir haben unterschiedliche Leute aus unterschiedlichen Bereichen angefragt und auch immer aktiv gefördert, dass sie sehr frei, sehr eigenwillig schreiben können und sollen.

Still aus Kokon von Leonie Krippendorf © Salzgeber

© Salzgeber

Die Filmbesprechungen verbindet, dass sie unabhängig von der Form – ob poetische Annäherung, innerer Monolog oder imaginierter Dialog – immer persönlich und sehr liebevoll geschrieben sind. Ich hatte beim Lesen oft Gänsehaut. Und obwohl es nicht immer klassische Filmkritiken sind, besprechen sie die Filme oft besser als eine typische Feuilleton-Kritik. Was läuft in der sissy-Redaktion anders als bei anderen Magazinen? Es scheint euch oft weniger ums Urteilen und mehr ums Fühlen zu gehen. Im Vorwort schriebt ihr auch, dass jeder Film etwas besitzt, was man an ihm lieben kann, was ich sehr schön finde.

JK: Ja… das ist schwierig zu beschreiben. Es war auch Learning by Doing. Als ich als Redakteur der sissy anfing, habe ich Leute gefragt, bei denen mir aufgefallen ist, dass sie auf eine besonders sensible Art und Weise über queeres Kino schreiben können. Das ist ja auch schwierig. Es gibt sehr viele, sehr gute Filmkritiker:innen, die einen tollen analytischen Blick haben, denen es aber an einer bestimmten Sensibilität fehlt, finde ich. Und auch an einer bestimmten Erfahrung, um über queeres Kino zu schreiben, was ihnen als Problem oft nicht unbedingt bewusst ist. Ich konnte und wollte nicht nur Leute fragen, die sich als schwul, lesbisch oder trans identifizieren. Das wollte ich auch gar nicht bei den Einzelnen erfragen. Es ging eher um eine Sensibilität. Ich habe die Leute aktiv gebeten, möglichst frei, möglichst persönlich zu schreiben. Etwas zu machen, in der sissy etwas auszuprobieren, was sie sonst woanders nicht können. In den meisten Fällen hat das super geklappt. Ich habe relativ wenig lektorierend eingegriffen, sondern tatsächlich versucht, die Leute so schreiben zu lassen, wie sie das wollten.

CW: Und ich hatte dann den Luxus, auf die Arbeit, die Jan gemacht hat, und auf den ganzen Stil, den er redaktionell etabliert hat, zurückgreifen zu können. 2015/16 kannten eigentlich alle, die sich mit Filmkritik beschäftigt haben, die sissy und es war klar, dass es bei uns um eine andere Art von Filmkritik ging. Ich habe mit vielen Autor:innen weitergearbeitet, die auch schon für die Print-sissy geschrieben haben. Natürlich habe ich aber auch immer wieder versucht, neue Stimmen mitreinzubringen.
In der sissy geht es ja immer um Liebeserklärungen. Es gibt relativ wenig Verrisse im Buch. Jan hat versucht und ich versuche, für den speziellen Film immer eine:n Autor:in zu finden, der bzw. die persönlich wirklich etwas mit ihm anfangen kann. Da muss ich vielleicht zwei, drei oder auch vier Leute fragen und ihnen den Film vorstellen, bis ich eine Person finde, die sagt: Ja, mit dem Film kann ich was anfangen! In der Regel schreiben die Leute für uns, weil sie wirklich Bock haben, weil sie in dem Film was sehen und auch genau im Rahmen der sissy darüber schreiben wollen.

Ich finde es immer besonders faszinierend, wenn ein Autor oder eine Autorin über einen Film zweimal schreibt: einmal vielleicht sogar an namhafter Feuilletonstelle, wo ein toller Text bei herauskommt, und dann noch einmal für die sissy. Dieser Text ist dann oft ganz anders und geht in eine komplette andere Richtung, darf vielleicht auch Grenzen überschreiten, die in einem anderen Rahmen noch gesetzt sind. Ich glaube, das ist genau das, was unsere Autor:innen toll finden: dass es in der sissy kaum Grenzen gibt, weder inhaltlich noch stilistisch. Es darf durchaus auch transgressiv geschrieben und das Format gesprengt werden. Der Text von Toby Ashraf über Geron (Bruce La Bruce, 2013) ist da paradigmatisch – und wurde sogar mit dem Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik ausgezeichnet. Es ist ein fiktiver Briefwechsel, ein transgressiver Text über einen transgressiven Film, geschrieben von einem Autor, der sich richtig eingefühlt hat.

Still aus Du Sollst Nicht Lieben von Chaim Tabakman © Salzgeber

© Salzgeber

Um noch mal zum Buch zurückzukehren, Queer Cinema Now hat ein sehr spannendes Layout. Persönlich gefällt mir der silberne Schriftzug, der je nach Lichteinfall regenbogenfarben schimmert, sehr gut. Das ist ein schönes Bild für queeres Kino, finde ich. Aber das Buch ist auch groß und schwer, ich kann es nicht in der S-Bahn lesen, sondern muss mich hinsetzen und mich damit auseinandersetzen. War euch das bei der Konzeption des Buches wichtig?

CW: Es sollte schon ein Buch sein, das umfangreich ist und das man gerne in die Hand nimmt. Wir wollten, dass es eine Anthologie ist, die einen Überblick über diese zwölf Jahre queeres Kino bietet. Ursprünglich war sogar die Idee, dass jeder Film eine Doppelseite bekommt. Das haben wir dann nicht ganz umsetzen können, weil das Buch ansonsten noch dicker geworden wäre und wir auch nicht für jeden Film ein gutes Bild hatten. Aber der Gedanke, dass es ein wuchtiger und schöner Text-Bild-Band wird, der war von Anfang an da. Ich hab allerdings auch schon von einigen die leichte Kritik gehört, dass man sich das Buch nicht mehr gut im Bett auf den Bauch legen kann. Da wird man schon ein bisschen eindrückt.

Das ist jetzt eine sehr große Frage, aber es würde mich interessieren, was queeres Kino für euch bedeutet. Macht sich queerer Film für euch an Sexualität und Geschlechtsidentität fest? Der Untertitel des sissy Magazins und auch des Buchs ist ja „nicht-heteronormatives Kino”. Was macht einen queeren Film für euch aus?

JK: In der Tat eine große Frage. Also das „nicht-heteronormativ“ war ein bisschen ein Witz am Anfang. Vorher hieß es „nicht-heterosexuell” und wir wollten einfach mal die Norm markieren und nicht etwas anderes erschaffen, das wir dann immer erklären müssen. Die sissy hat schon einen breiten Begriff von queerem Kino. Das zeigt schon allein die Auswahl, also worüber wir in den zwölf Jahren einen Text geschrieben haben und worüber nicht. Natürlich sind das Filme, die sich sehr bewusst in eine Tradition einreihen. Es sind manchmal Filmemacher:innen, die für queeres Kino stehen, wie Angelina Maccarone oder Pedro Almodóvar. Da war die erste spannende Frage, ob wir auch dere Filme besprechen, die kein LGBTQI+ Personal haben, keine LGBTQI+ Konstellationen abbilden und auf den ersten Blick kein LGBTQI+ Begehren darstellen. Die haben wir dann meistens doch besprochen, weil es einfach interessant ist. Christian ist zum Beispiel Fachmann für die Filme von Gus Van Sant, hat über das Thema promoviert und auch in der sissy mal einen Text darüber geschrieben, was an den letzten Gus-Van-Sant-Filmen eigentlich queer ist. Aber eben als eine offene Frage, die, wo wenn nicht in der sissy, diskutiert werden kann.
Dann ist uns aber auch bewusst, dass queer einerseits eine Geschichte hat und andererseits auch eine Praxis ist. Da sind wir dann auch durchaus bei der Sexualität und der Frage, wie wird Sexualität dargestellt. Da war uns wichtig, das nicht zu besprechen im Sinne von „darum geht es nicht”, sondern zu zeigen, dass im queeren Kino ganz viel experimentiert wird. Die meisten Filme des queeren Kinos haben nicht ohne Grund relativ viele Sexszenen.

Und dann gibt es noch die Frage, was das mit Ästhetik zu tun hat. Also, was hat queeres Kino nicht nur mit Repräsentation zu tun, mit Sichtbarkeit, sondern was hat es auch mit einer Ästhetik zu tun, die sich an einer Norm abarbeitet, die normatives Erzählen benutzt, es twistet. Da gibt es verschiedene Theorien, denen man auf die Spur gehen kann. Das sind große Fragen, die auch in die Vielstimmigkeit der Texte einfließen. Denn natürlich passiert die Bitte an die Autor:innen, anders zu schreiben oder sich Freiheiten zu nehmen, auch im Hinblick darauf, dass queeres Kino nicht normativ beschrieben werden kann.

CW: Das Vorwort zum Buch hat die Überschrift „Andere Blicke“, und das ist mindestens doppeldeutig gemeint. Zum einen geht es um die Frage: Wo findet sich der queere Blick von einer:einem Filmregisseur:in auf ein bestimmtes Thema wieder? Dabei muss es nicht unbedingt um schwule oder lesbische Sexualitäten gehen. Die Filme des New Wave Queer Cinema haben zum Beispiel auch andere marginalisierte Gruppen in den Blick genommen. Zum anderen steckt in dem Begriff „andere Blicke“ aber auch noch die Frage nach der Rezeption, also dem Rezeptionsblick. Deswegen haben wir auch Filme im Buch, die große Hollywood-Produktionen sind, zum Beispiel einen Film wie Cats (Tom Hooper, 2019). Beatrice Behn hat ihn an seiner Campiness gepackt und darüber wunderbar besprochen, das war im Prinzip eine Art Aneignungsgeste. All das sind queere Blicke, andere Blicke, die in der sissy einen Platz haben.

Still aus 120BPM von Robin Campillo © Salzgeber

© Salzgeber

Durch die chronologische Anordnung der Artikel wird deutlich, wie die Perspektiven in der sissy über die Jahre hinweg diverser werden. Es werden zum Beispiel mehr Filme von Frauen besprochen, es kommen nicht-weiße Perspektiven dazu. Wie war da der Prozess für euch? Kam der Wunsch nach mehr Diversität auch von den Lesenden?

JK: Ich weiß nicht, wie das bei dir war, Christian, aber bei mir war es tatsächlich so, dass wir diesbezüglich nie Kritik bekommen haben, sondern die Kritik hab ich irgendwann selber entwickelt. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich nicht ausreichend über das Thema nachgedacht hatte. Es war manchmal sehr naheliegend, die Filme von Männern zu besprechen und die Texte darüber von Männern schreiben zu lassen. Ich erinnere mich an ein paar problematische Zusammenarbeiten, oft mit Autorinnen, wo ich dann erst mal verärgert war und mich zurückgezogen habe, bis ich irgendwann merkte, dass Autorinnen unter einem ganz anderen Druck stehen und auch viel mehr machen. Da kann dann am Ende ein Text einfach mal um die Ohren fliegen oder so. Das hat für mich auch bedeutet, dass ich aktiv mehr nach Autorinnen gesucht habe. Außerdem war es mir von Anfang an wichtig, dass mindestens ein:e trans Autor:in dabei ist. Da war dann immer die Frage, ob diese Person jetzt alle trans Filme besprechen muss, aber oft wollte sie das genau aus ihrer Perspektive machen. Das sind so Dinge, die dann in einem persönlichen Gespräch sehr schnell klar werden.

Durch die Studien von ProQuote Film ist ja statistisch belegbar, dass Frauen vor und hinter der Kamera unterrepräsentiert sind. Das schlägt sich natürlich noch mal deutlicher im queeren Kino nieder, wo der Zugang ohnehin erschwert wird. Vor allen Dingen, wenn Frauen ihren zweiten oder dritten Film machen wollen, ist es für sie noch mal sehr viel schwieriger. Das sind alles Dinge, die mir beim Machen mehr und mehr bewusst geworden sind und wo ich dann versucht habe, aktiv gegenzusteuern. Mich über das Thema auszutauschen und dann nicht immer den nahe liegenden Weg zu gehen.

CW: Wenn wir uns die letzten zwölf Jahre angucken, lassen sich natürlich auch inhaltliche Entwicklungen bei den Filmen beobachten. Das queere Kino ist diverser und vielstimmiger geworden. Diese Entwicklungslinien nachzuverfolgen ist etwas, das die Struktur des Buchs erlaubt, weil wir chronologisch vorgehen. So kann man nachlesen, dass es in den letzten drei, vier Jahren mehr trans und genderqueere Filme gegeben hat als zuvor. Auch mehr Filme mit weiblichen Perspektiven, die aber trotzdem immer noch weit unterrepräsentiert sind.

Still aus Tiefe Wasser von Adrian Lyne © Salzgeber

© Salzgeber

Wo steht eurer Meinung nach der queere deutsche Film gerade? Wir hatten letztes Jahr #ActOut, wir haben mehr queere Serien im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, aber wie sieht das im Verleih und in der Produktion aus. Sind queere Filme nach wie vor so prekär finanziert wie 2009, als ihr angefangen habt mit der sissy?

CW: 2020 war in der Hinsicht ein sehr interessantes Jahr mit drei großartigen queeren Filmen aus Deutschland: Futur Drei (2020) von Faraz Shariat, Kokon (2020) von Leonie Krippendorf und Neubau (2020) von Johannes Maria Schmit und Tucké Royale. Das sind alles drei Kino-Projekte, in denen mit sehr persönlicher Formsprache sehr individuelle Filme gemacht wurden, und das teilweise sogar in queeren Produktionsstrukturen: Jünglinge, die Produktionsfirma hinter Futur Drei, ist ein queeres Künstler:innen-Kollektiv, ebenso wie das Team hinter Neubau. Tatsächlich konnten wir in zwei von diesen drei Fällen beobachten, dass der nächster Schritt die Filmemacher:innen ins TV bzw. Streaming geführt hat: Faraz und die Jünglinge haben unter anderem die vorletzte Staffel von Druck gemacht, Leonie Krippendorf hat die lesbische ZDF-Serie Loving Her inszeniert.

JK: Ich hab gerade mal wieder recherchiert, was im deutschen queeren Kino der letzten 20 Jahre passiert und nicht passiert ist. Das ist eine relativ trostlose Untersuchung. Bis heute gibt es ganz wenig queere Filme, die mit größeren Budgets ausgestattet werden. Im Prinzip sind es kleine, periphere Filme, die teilweise von Salzgeber selbst produziert werden. Einfach, weil es nichts anderes gibt. Die sissy ist damals ja auch entstanden, weil wir das Gefühl hatten, es gibt keine guten Texte über queeres Kino. Deswegen haben wir es selber gemacht oder zumindest initiiert.

Heute gibt es natürlich die Streaming-Dienste, das ist spürbar geworden. Es findet eine Diversifizierung statt, die es aber auch schon länger gibt. Seit den 80ern gibt es eine eigene Infrastruktur für queeres Kino. Also Festivals, einen Verleih wie Salzgeber oder den Teddy-Award, der bei der Berlinale im Panorama verliehen wird. Vereinzelt gibt es also sehr starke Initiativen, aber über den Zeitraum der letzten 40 Jahre ist bemerkenswert wenig passiert, mehr Zugänge aber vielleicht auch eine Vereinzelung des Publikums. Natürlich gibt es immer wieder Filme, die rausknallen, wo plötzlich was passiert. Das ist so alle sieben bis zehn Jahre und dann denken wieder alle, jetzt sei ein Durchbruch geschafft. Aber selbst Brokeback Mountain (Ang Lee, 2005) war, was Hollywood angeht, kein Durchbruch. Und auch Futur Drei wird keiner sein, würde ich jetzt mal sagen.

Heute gibt es ein Bewusstsein und eine aktive Forderung nach Diversität, das ist neu. Die Frage ist, was damit gemeint ist. Sind es Checklisten bei Filmförderungen, gibt es ein Monitoring, das sich relativ schnell bedienen lässt, wenn man schlau ist? Beispielsweise in irgendwelchen Nebenfiguren oder Verkomplizierungen von Heterogeschichten, so macht es Netflix ja zum Teil. Oder gibt es tatsächlich eine Diskussionskultur, einen Diskurs, gibt es eine Neugier? Die vermisse ich nach wie vor in Deutschland. Diversität ist irgendwie sowas, das jetzt gemacht werden muss, das jetzt geleistet werden muss.. So wird diese Debatte gerade geführt. Als wär es ein Hemmnis, das eingeführt wurde, wodurch es sich nicht mehr so flowig produzieren lässt. Tatsächlich könnten wir es aber ganz anders denken. Es gibt Menschen, die Filme vielleicht anders und innovativ machen würden, die ganz andere Geschichten erzählen würden. Warum sehen wir darin nicht eine Bereicherung? Warum wird davon ausgegangen, dass Menschen nicht neugierig sind auf Dinge, die sie selber noch nicht erfahren haben, von denen sie aber wissen, dass es sie gibt, dass sie zur Lebensrealität von vielen Menschen gehören. Das als einen Reichtum zu erkennen, auch wenn das jetzt ein bisschen neoliberal klingt. Das ist auch was Schönes und was genuin Cinephiles, denn der Film lebt von Bewegung und Impulsen und nicht fixierten Gegenständen.

In der Online-Ausgabe der sissy, die frei und kostenlos gelesen werden kann, werden queere Filme und Bücher nach wie vor mit viel Sensibilität und Liebe besprochen. Hier findet ihr nicht nur einen Überblick über das queere Kino der Gegenwart, sondern auch solche Filmperlen, die in Deutschland oft gar nicht erst ins Kino kommen. „Sissies were fun” – zitieren Jan Künemund und Christian Weber den Filmhistoriker, LGBTQI+ Aktivisten und Autor von The Celluloid Closet (1981), Vito Russo, im Vorwort zu Queer Cinema Now. Das sissy-Magazin macht auch nach zwölf Jahren noch Spaß und ist immer einen Klick wert.