Latte Igel und der magische Wasserstein

Die Tiere im Wald sind besorgt: Der Fluss ist ausgetrocknet, die angesammelten Vorräte gehen bereits zur Neige. Bei der Ratsversammlung erzählt der Rabe Korp von einem magischen Wasserstein, den der Bärenkönig im Nordwald gestohlen haben soll, und bis dieser nicht wieder an die Quelle gebracht wird, bleibt das Wasser aus. Niemand glaubt an die Legende, nur Latte, das Igelmädchen, macht sich auf den Weg, dieser Hoffnung nachzugehen. Der vorsichtige Eichhörnchenjunge Tjum wird nur widerwillig zu ihrem Weggefährten. In Latte Igel und der magische Wasserstein wird aus den zwei sehr unterschiedlichen Charakteren ein Team, das für eine große Aufgabe zusammenwächst.

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Latte Igel und Tjum vor einem Baum

© Koch Media

Aktuelle Themen, detailverliebte Animation und Protagonist:innen, die nicht nach den Schablonen traditioneller Geschlechterrollen funktionieren: Nichts am Film der Regisseurinnen Nina Wels und Regina Welker verrät, dass die Vorlage, ein Kinderbuch von Sebastian Lybeck, bereits 1958 veröffentlicht wurde. Der Heldin gelingt die Zeitreise aus dem letzten ins laufende Jahrtausend nicht zuletzt dank des modernen Drehbuchs von Andrea Deppert und Martin Behnke. Die beiden Autor:innen spannen den größeren Bogen der Erzählung über mehrere kleine Episoden mit abwechslungsreichen Figuren, die es dem jungen Zielpublikum leicht machen, der vorwitzigen Latte bei ihrem Abenteuer zu folgen. Das Igelmädchen kommt stachelig daher, sowohl im wörtlichen wie übertragenen Sinn, denn es verteidigt seine Rolle als Einzelgängerin am Rand der Waldgemeinschaft mit energischem Auftreten und frechen Sprüchen. Ihr Draufgängertum steht in deutlichem Kontrast zu Tjums Zaghaftigkeit – der Film stellt jedoch klar heraus, dass die gegensätzlichen Wesensarten sowohl Vorzüge wie Nachteile haben. Wo Tjum sich nicht traut, für sich selbst einzustehen, lässt Latte sich nicht unterkriegen; umgekehrt bringt jedoch Latte sich und andere leichtfertig in Gefahr, während Tjums Umsicht sich des Öfteren als Rettung herausstellt.

Latte und Tjum in einer bunt erleuchtete Höhle, im Gespräch mit einer Kröte

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Die Entwicklung zwischenmenschlicher (bzw. in diesem Fall: zwischentierischer) Fähigkeiten steht überhaupt und für einen Kinderfilm nicht überraschend im Vordergrund. Zwar klingt im Anstoß für das Abenteuer, der Wassernot im Wald, die aktuelle Klimakrise leise an, doch bleibt ein weiterer Bezug auf reale Umweltprobleme und ihre Ursachen aus; verzeihlich in Anbetracht des Alters der angesprochenen Zuschauer:innen. Statt Ängste um ökologische Zustände zu schüren, wird die Suche nach dem magischen Stein in Latte Igel und der magische Wasserstein zum MacGuffin einer Geschichte um soziale Konflikte, die das junge Publikum nachvollziehen kann. Andere Tierkinder im Wald hänseln und grenzen Latte und Tjum aus unterschiedlichen Gründen aus, eine schmerzhafte Erfahrung, die viele Kinder kennen und fürchten dürften. Lattes Streitlust und Tjums Ängstlichkeit sind als individuelle Bewältigungsstrategien gekennzeichnet, die auch im Umgang mit den Gefahren auf ihrer gemeinsamen Reise zum Tragen kommen. Der krasse Unterschied zwischen den beiden wird humoristisch so betont, dass er sich zu einer Art running gag entwickelt, dessen Erwartung und Wiederholung immer wieder für Lacher sorgt.

Latte und Tjum werden von Wölfen umkreist, Tjum hält sich seinen Eichhörnchenschwanz vor das Gesicht

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Während Latte und Tjum also auf individueller Ebene lernen müssen, zusammen zu arbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, hat auch der zugrundeliegende Konflikt seine Ursache ebenso wie seine Lösung in den Verhaltensweisen der Tiere. Ein kurzsichtig denkender Bärenkönig, der nur das Wohl seines Bärenclans und das eigene Behagen berücksichtigt, verursacht den Wassermangel. Ein Rudel Wölfe, das ebenfalls die Macht über das Wasser erlangen will, stellen sich Latte und Tjum in den Weg. Die chauvinistische Denkweise dieser Antagonist:innen stellt sich als das Kern des Problems heraus, die Rettung liegt folgerichtig darin, dass alle Beteiligten die größeren Zusammenhänge verstehen und sich der Folgen ihres Handelns bewusst werden. Latte Igel und der magische Wasserstein betont schlussendlich die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Zusammenhaltes in Zeiten der Krise, ebenso wie er für Toleranz und Rücksichtnahme auf weniger Privilegierte plädiert.

Ratsversammlung der Waldtiere: Ein Hase steht auf einem Baumstumpf, umgeben von Wildschweinen, Eichhörnchen und anderen, Latte und Tjum stehen rechts im Vordergrund

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Was hier aus der analytischen Sicht einer erwachsenen Zuschauerin wie schwerer und trockener Stoff klingt, ist allerdings für die junge Zielgruppe ausgesprochen unterhaltsam verpackt und noch dazu wunderschön anzusehen. Die Animation insbesondere der Hintergründe ist nahezu realistisch und in stimmungsvollen Farben gehalten, während die Charaktere der Tiere auch in ihren liebevoll gestalteten Erscheinungsbildern zum Ausdruck kommen. Die kessen Bemerkungen, die Deppert und Behnke Latte Igel in den Mund legen, fügen sich mit dynamischen Actionsequenzen und gefühlvollen Momenten zu einem kurzweiligen Vergnügen zusammen. Und im Wasserballett der Bären verzeichnet der Film der Regisseurinnen Wels und Welker einen narrativen Höhepunkt, in dem Humor und hochwertige 3D-Animation sich nicht nur die Hand reichen, sondern geradezu in den Armen liegen. Die Chancen stehen gut, dass das über 60-jährige Igelmädchen dank dieses Films einen zweiten Frühling erlebt.

Kinostart: 25. Dezember 2019

 

Leena M. Peters

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