Kim hat einen Penis – Eine Frau* mit Penis macht noch keinen queeren Film

Lea Gronenberg

Kim (Martina Schöne-Radunski) und Andreas (Christian Ehrich) führen eine solide Beziehung, in der allerdings Vieles unausgesprochen bleibt. Anna (Stella Hilb), Kims beste Freundin und zugleich die Ex von Andreas, teilt ihrer Umwelt eher zu viel mit und verhält sich dabei mitunter distanzlos. Als ihr Partner eine andere Frau* schwängert, zieht sie vorübergehend zu Kim und Andreas. Außerdem gibt es noch Kims spießigen Bruder Tim (Matthias Lier), der seine Schwester am liebsten mit Kindern im Eigenheim mit Garten sehen würde. Diese Konstellation bietet an sich ausreichend Stoff für eine Liebeskomödie mit allerlei Verwirrspiel.

Philipp Eichholtz setzt jedoch noch einen drauf und verpasst der Hauptdarstellerin einen Penis. Er greift dafür zur Fiktion eines neuartigen Verfahrens auf dem Gebiet der Genitaloperation, mit der in der Schweiz unkompliziert und kostengünstig ein Penis geschaffen werden kann, der innerhalb von 24 Stunden voll funktionstüchtig ist. Mit diesem Kunstgriff schafft der Regisseur etwas Abstand zur Realität von Geschlechtsangleichungen. Für Kim ist der Penis ein Ad-On, ein Spiel. Dieser spielerischer Umgang mit der Idee von Geschlecht und eine größere Offenheit für beispielsweise Frauen* mit Penis ist absolut wünschenswert. Die Idee von Kim hat einen Penis birgt also  emanzipatorisches, queeres Potential.
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© Fee Scherer

Allerdings erfahren Menschen, die aus der heteronormativen Ordnung fallen, in der Realität nach wie vor Diskriminierung. Für Trans*- und Interpersonen ist eine Genitaloperation kein Spiel, sondern ein ebenso persönlicher, wie politischer Kampf, den Philipp Eichholtz hier ausblendet.  Die Auseinandersetzung um das biologische und das soziale Geschlecht ist zudem eng verbunden mit den Kämpfen der LGBTI*-Bewegung um Gleichberechtigung und den noch immer durch Diskriminierung oder auch Gewalt geprägten Realitäten von Trans*- und Interpersonen.  Aus diesem Grund ist es notwendig zu hinterfragen, inwiefern Kim hat einen Penis  sein queeres Potential  auch tatsächlich nutzt oder ob der Film lediglich Stereotype bedient und festigt.

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Im Beratungsgespräch erläutert der Arzt verschiedene Schritte einer Transition, als würde er eine Essensbestellung aufnehmen. Nur einen Penis aufzusetzen sei noch einfacher und sogar am selben Nachmittag machbar. Auch wenn Kim hat einen Penis den Prozess der Transition nicht wirklichkeitsgetreu beschreiben will, weil es ja eben nicht um eine Geschlechtsangleichung, sondern eine Lifestyle-Entscheidung geht, droht hier doch der Eindruck zu entstehen, es handele sich bei der OP um einen simplen Eingriff.

Leider ist der Weg zur Operation für Trans*personen nicht so einfach wie es hier erscheinen mag. Ärzt_innen nehmen solche Eingriffe erst vor, wenn ihnen ein schriftliches Gutachten von Psychotherapeut_innen bzw. Psychiater_innen vorliegt. Voraussetzung für das Gutachten sind eine Therapie über mindestens eineinhalb Jahre, ein sogenannter Alltagstest, bei dem die entsprechende Geschlechterrolle ebenfalls über eineinhalb Jahre kontinuierlich erprobt wird, sowie eine Hormonbehandlung seit mindestens einem halben Jahr. Die Anforderungen zur Kostenübernahme durch die Krankenkasse gehen teilweise sogar darüber hinaus, Kliniken können zudem eigene Bedingungen aufstellen. Für Betroffene bedeutet dies einen langwierigen, belastenden und kostenintensiven Prozess, in dem sie abhängig von der Beurteilung anderer sind. Wenn Kim im Film innerhalb weniger Stunden einen Penis bekommt, werden diese Kämpfe von Trans*personen unsichtbar gemacht.

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Kim hat einen Penis ist kein Film über Trans*, dennoch spielt er mit dem Thema, weshalb die Abwesenheit von LGBTI*-Figuren im Film auffällig ist. Kims Seitensprung mit einer Automechanikerin ist die einzige nicht-heterosexuelle Erfahrung und bleibt als „lesbisches Abenteuer“, das im weiteren Verlauf des Films keine weitere Erwähnung findet, ohne Konsequenzen. Die Heteronormativität setzt sich insofern fort, dass der Film innerhalb der binären Geschlechterordnung verbleibt, nach der es Männer* und Frauen* gibt.

Dass Philipp Eichholtz sich kaum mit LGBTI*-Themen beschäftigt hat, wird außerdem im Werbespot der Schweizer Klinik für das Verfahren der „smooth gender transition“ deutlich. Im Film wird der Spot mit dem Slogan „decide your gender“ mehrfach eingeblendet. Allerdings verändert Kim nicht ihr Gender, also das soziale Geschlecht, sondern lediglich ihre Genitalien. Einerseits ließe sich argumentieren, dass der Film hier auf gelungene Weise die Geschlechtsidentität einer Person von ihren Genitalien löst: Die Identität Frau* ist unabhängig davon, ob die betreffende Person eine Vulva oder einen Penis oder beides besitzt. Andererseits verstärkt Kim hat einen Penis aber auch die trans*feindliche Haltung des biologisch determinierten Genders: Wer bei Geburt als Frau* zugeordnet wurde, bleibt auch nach einer Operation demnach noch immer eine Frau*.

„Ein Penis ist nie eine Metapher. Ein Schwanz ist immer ein Schwanz“, stellt Andreas fest. Dennoch steht der Penis im Film für Macht und Status. So wird Kim zeitgleich zu ihrer Operation befördert. Was möglicherweise als augenzwinkernde Kritik an patriarchalen Strukturen gemeint ist, geht leider völlig an der Realität vorbei und vermischt erneut Geschlecht und Gender. Für die Karriere sind nicht Pennisse, sondern Männer*netzwerke von zentraler Bedeutung, also die Zugehörigkeit zu einem sozialen Geschlecht. Das Netzwerken unter Männern* und die dafür notwendigen Machtbehauptungen lernen Jungen* beispielsweise über sportlichen Wettkampf bereits im Kindesalter, oft führen Väter* ihre Söhne in informelle Strukturen, wie Treffen unter Geschäftspartnern oder den regelmäßigen Kneipenabend mit Freunden, ein. Ein Penis allein reicht nicht aus, um Zugang zu erhalten.

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Die naive Gleichsetzung eines Penis‘ mit einem Zugewinn an Macht und Selbstbewusstsein wiederholt sich in einer Szene, in der Kim beim Joggen das Cat Calling einer Gruppe Bauarbeiter unterbricht, indem sie kurzerhand die Hosen runter lässt und ihnen vor die Füße pisst. Diese Intervention scheint zunächst unfassbar witzig, ist aber in zweierlei Hinsicht problematisch.

Zum einen blendet Philipp Eichholtz vollkommen aus, dass Kims Outing in der Realität mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem gewalttätigen Übergriff geführt hätte und verharmlost damit die Gewalt, der Trans*personen alltäglich ausgesetzt sind. Im Jahr 2018 wurden in Deutschland insgesamt 313 politisch motivierte Straftaten gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*personen und Intersexuelle behördlich erfasst, darunter 91 Gewalttaten. Tatsächlich dürfte die Anzahl trans*- und homophober Angriffe noch deutlich höher liegen. Einen Hinweis darauf liefern die Zahlen von LGBTI*-Organisationen.

Zum anderen reproduziert der Film das sozialchauvinistische Klischee sexistischer Bauarbeiter, die im Kontrast zu Kims gebildeten mittelständischen Umfeld stehen. Die Bauarbeiter sind keine Identifikationsfiguren für das Publikum, sondern nur Staffage. Damit schafft der Regisseur das Bild eines Sexisten, von dem sich das Publikum leicht abgrenzen kann. Aber nicht erst seit #aufschrei oder #metoo sollte bekannt sein, dass Sexismus in allen Bevölkerungsschichten vorkommt.

In der Beziehung zwischen Kim und Andreas geht es ebenfalls um Macht. Kim ist neugierig auf das Gefühl einen Penis zu tragen, Sex mit einem Penis zu haben und trifft für sich die Entscheidung zur Operation, ohne das im Vorfeld mit ihrem Partner zu besprechen. Sie trifft diese Entscheidung über ihren Körper ebenso eigenständig, wie die Entscheidung gegen Kinder. Das Selbstbestimmungsrecht Kims über ihren Körper spielt also in vielerlei Hinsicht eine dominante Rolle und steht immer wieder im Konflikt mit den Wünschen ihres Partners.

Die Reaktionen auf den neuen Penis sind entweder Ekel oder eine Fetischisierung. Insbesondere Anna verhält sich dabei distanzlos und teils übergriffig, indem sie beim Abendessen Kims Penis diskutiert, obwohl das Kim sichtlich unangenehm ist. An dieser Stelle trifft Kim hat einen Penis die Realität ziemlich gut: Trans*personen werden von der Mehrheitsgesellschaft als Abweichung von einer heterosexistischen Norm wahrgenommen und entsprechendexotisiert. Aus dieser Haltung ergeben sich häufig grenzüberschreitende Fragen zu Genitalien oder Sexualleben.

Kim betont außerdem wiederholt, dass ihre Entscheidung gegen eigene Kinder ganz allein bei ihr liege. Andreas reagiert darauf schließlich beleidigt. Im Gespräch mit Anna thematisiert er, dass er sich nie gegen eigene Kinder ausgesprochen habe und beschließt kurzerhand deren Kinderwunsch zu befriedigen, indem er mit ihr schläft. Über die Frage, ob Andreas nur der Erzeuger bleiben oder eine Vaterrolle übernehmen möchte, sprechen die beiden nicht.

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Ein echter Austausch über Wünsche und Bedürfnisse zwischen den Personen findet im Film an keiner Stelle statt. Insbesondere die Beziehung zwischen Kim und Andreas leidet darunter, dass die beiden nicht miteinander in den Dialog treten. Auffällig ist allerdings, wie sehr Andreas* Gefühle in den Fokus rücken und wie egoistisch und unsympathisch Kim daneben  erscheint. Andreas wirft ihr vor, sie wolle immer alles gleichzeitig – ein beliebtes, aber konservatives Argument gegenüber emanzipierten Frauen*, die etwas im Leben erreichen wollen. Über Kims Motive verrät der Film wenig, stattdessen thematisiert er Andreas‘ Unzufriedenheit, sowie seine Angst, nicht männlich* genug zu sein und folgt damit einem im Kern antifeministischen Narrativ, das Männer* als Verlierer des Feminismus darstellt. An dieser Stelle bleibt Kim hat einen Penis unterkomplex. Natürlich verändern feministische Diskurse, wie körperliche Selbstbestimmung, die Dialoge zwischen Beziehungspartner_innen. Dem spannenden Thema, wie diese gesellschaftlichen Veränderungen ins Privatleben integriert werden können, schenkt Eichholtz jedoch zu viel zu wenig Aufmerksamkeit.

Der Film mündet in einem großen Showdown: Bei einer Gartenparty springt Kim in Anwesenheit von Andreas, Anna, Tim und dessen Freundin auf einen Tisch und präsentiert ihren Penis. Andreas gesteht Kim, dass er sie mit Anna betrogen hat, woraufhin Kim auf ihre Freundin losgeht. Es folgt eine Rangelei, die alle sexistischen Klischees des „Bitch Fight“ bedient. Im Hintergrund verlangt Tim lautstark nach Aufklärung. Die kann der Film leider nicht bieten: Kim hat einen Penis bleibt eine klamaukige Liebeskomödie, die weder aufklärt, noch das queere Potential ihrer Grundidee nutzt.

 

Danke an @gnurpsnewoel  für die wichtigen Hinweise zur Darstellung von Trans* in den Medien und der Lebensrealität von Trans*personen.

 

Vorführungen beim Achtung Berlin Film Festival
Mi 10.04. 20:00 Kino International (Eröffnungsfeier)
Fr 12.4. 20.00 Schukurama (Beeskow)
Sa 13.4. 15:00 Schukurama (Beeskow)
Sa 13.4. 18:30 City Kino Wedding
So 14.4. 22:15 Babylon 2

 

Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
Lea Gronenberg