Dark Eden – Der Albtraum vom Erdöl

Lea Gronenberg

Fossile Energieträger wie Erdgas, Erdöl oder Kohle stehen wegen der Zerstörung der Landschaft bei ihrem Abbau, giftigen Abfallstoffen und dem CO2-Ausstoß bei der Verbrennung in der Kritik. Dennoch ist Erdöl der wichtigste Energierohstoff weltweit, viele Arbeitsplätze hängen an der Ölindustrie. Dark Eden – Der Albtraum vom Erdöl von Jasmin Herold widmet sich diesem Zwiespalt von wirtschaftlichem Wachstum und Ökologie.
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In Kanada besteht eines der größten Erdölvorkommen der Welt, allerdings ist das Öl als sogenanntes Bitumen in Sand gebunden, der etwa 30 Meter unter dem Erdboden liegt. Um an das Öl zu gelangen, muss zunächst der Wald gerodet und der Waldboden ausgehoben werden, anschließend wird der Ölsand abgetragen, aus dem mithilfe von Wasser und Lösungsmitteln Rohöl gewonnen wird. Ein alternatives Verfahren zum Tagebau ist, das Bitumen unter Hochdruck mit Wasserdampf aus dem Boden zu pumpen. In beiden Prozessen wird das Wasser mit Schwermetallen und zum Teil krebserregenden Kohlenwasserstoffen verunreinigt und verbleibt in Klärgruben.

© W-film / Andreas Köhler

Fort McMurray ist einer der Orte, die von der Ölgewinnung geprägt sind und erlebte mit Beginn des Ölsandbooms einen enormen Bevölkerungszuwachs. Regisseurin Jasmin Herold reist nach Kanada, um der Frage nachzugehen, warum Menschen sich für einen solchen Ort entscheiden und warum sie bleiben. Sie begleitet die Protagonist_innen des Films zuhause, auf dem Weg zur Arbeit oder in ihrer Freizeit und kommt ihnen dabei sehr nah ohne aufdringlich zu wirken.

Markus, der mit seiner Partnerin Olga den „Canadian Dream“ mit Eigenheim lebt, wanderte aus Deutschland aus, weil die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für ihn in Fort McMurray besser waren. Barnabas, der als Reinigungskraft arbeitet, träumt ebenfalls von einem eigenen Haus, damit seine Kinder aus Uganda zu ihm kommen können. Obwohl ihm die Trennung von seiner Frau* und seinen Kindern sichtlich zu schaffen macht, sagt er, dass es ihm in Kanada besser ginge. Er ist in Sicherheit vor dem Krieg und kann seine Familie finanziell unterstützen. Die Arbeit auf dem Ölfeld trennt viele Familien kurz- oder langfristig. Während der siebentägigen Arbeitswoche sind die Arbeiter_innen in Siedlungen beim Ölfeld untergebracht.

© W-film / Andreas Köhler

Herold begegnet den Protagonist_innen des Films auf Augenhöhe. Sie weiß, dass die meisten Einwohner_innen in der Ölindustrie arbeiten. Die Alternative dazu ist für viele die Arbeitslosigkeit. Das Verhältnis zu ökologischen Fragen ist für die Arbeiter_innen auf dem Ölfeld eher pragmatisch. Einer von ihnen stellt im Interview fest: „Idealismus ist schön und gut, aber es bringt kein Essen auf den Tisch“.

Proteste gegen die Ölindustrie kommen weniger aus der Bevölkerung Fort McMurrays. Herold filmt einen Besuch Jane Fondas, die extra anreist, um auf die ökologischen Auswirkungen aufmerksam zu machen und fängt anschließend die Reaktionen der Einwohner_innen ein. Promis wie sie werden von vielen als Fremdkörper betrachtet, die sich nicht in die Situation vor Ort hineinversetzen können. Ihnen wird vorgeworfen, Ökoaktivismus ohne Rücksicht auf die Arbeiter_innen zu betreiben und selbst keine Einschränkungen ihres Lifestyles hinzunehmen.

Ein erbitterter Gegner der Umweltschützer_innen ist Robbie Picard, der mit seiner Kampagne „I love Oilsands“ nach eigener Aussage die Falschinformationen über die Ölindustrie berichtigen möchte. Die Kampagne nutzt Picard vor allem zur Selbstdarstellung, auf kritische Nachfragen der Regisseurin reagiert er wütend und bricht das Interview ab. Er leugnet den menschengemachten Klimawandel und propagiert, Oilsands sei das Beste, was allen Menschen auf der Welt passiert sei.

© W-film / Andreas Köhler

Picard wirkt unsympathisch. Es wäre leicht ihn als Abziehbild des unreflektierten und unbelehrbaren Lobbyisten abzustempeln. Stattdessen zeigt Jasmin Herold, wie alle in Fort McMurray ihre Augen vor den verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt verschließen. Die Regisseurin verliert aber die kritische Distanz und wird zur Protagonistin ihres eigenen Dokumentarfilms, wenn sie schließlich mit Hund und Partner selbst nach Fort McMurray zieht: „Keiner von uns wollte wissen, was wir einatmen, aber alle hatten Angst, dass der Ölpreis sinkt“. Anders als Jane Fonda wird sie zum Teil einer Gemeinschaft, die von der Ölindustrie abhängig ist. Nur so gelingt es ihr überhaupt einen Zugang zum abgeschotteten Fort McMurray zu erhalten. Herold reflektiert ihre Involviertheit, den Verlust der Distanz und vermittelt auf diese Weise glaubwürdig die Ambivalenz zwischen wirtschaftlicher Abhängigkeit und dem Bewusstsein für die ökologischen Konsequenzen. In Fort McMurray ist diese Abhängigkeit in besonderer Weise sichtbar. Heroldzeigt bildgewaltig die ständige Präsenz von Industriegebäuden, die bedrohlich das Stadtbild beherrschen. Es wird deutlich, dass die Überlebensstrategie des Augenverschließens auf Dauer nicht funktionieren wird – weder für die Einwohner_innen von Fort McMurray, noch für den Rest der Weltbevölkerung.

© W-film / Andreas Köhler

Mehr als zwei Jahre begleitet Jasmin Herold die Protagonist_innen des Films und zeigt deren persönliche Wege in Interviews. Indem sie schließlich selbst Teil der Gemeinschaft wird, gelingt es Herold eine große Nähe zu Fort McMurray zu erzeugen und damit auch den Zuschauer_innen eine Brücke zu bauen. Umso dramatischer ist die Wahrnehmung der sich anbahnenden Katastrophe. Die gesundheitliche Belastung durch die Emissionen und die Giftstoffe im Wasser lässt sich nicht weiter verdrängen, als ihr Partner und Co-Regisseur, Michael Beamish, an Krebs erkrankt. Schließlich erleben wir als Zuschauer_innen hautnah die Zerstörung Fort McMurrays durch immer heftigere Waldbrände als Folge des Klimawandels. Herold filmt die Evakuierung, im Hintergrund hören wir sie wimmern „Let us go“. Für viele Protagonist_innen des Films endet damit ihr Lebensabschnitt in Fort McMurray – zurück bleibt eine Schicht weißer Asche, die alles bedeckt.

© W-film / Andreas Köhler

Dark Eden ist ein emotionaler Dokumentarfilm, der die Notwendigkeit einer konsequent nachhaltigen Klimapolitik deutlich macht und zugleich Verständnis für die Beschäftigten der Ölindustrie aufbringt. Jasmin Herold schafft eine erschütternde Nähe, die keine Ausflüchte zulässt: Unser Lebensstil ist mitverantwortlich für den Klimawandel. Wir alle werden die Konsequenzen tragen, wenn sich nicht bald etwas ändert.

Kinostart: 11. April 2019

Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
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