Die Peanuts und das Problem mit der Perfektion

Charlie Brown ist nicht perfekt. Im Gegenteil: Alles misslingt ihm und so vollendet auch der Plan, so nobel auch die Intention, am Ende steht der arme Kerl mit seinem rotzfrechen Hund dann doch wieder als Verlierer da. In Die Peanuts – Der Film wird dem legendären Comic-Helden seine Unzulänglichkeit besonders schmerzlich bewusst, als er sein Herz an ein rothaariges Mädchen verliert, das er unbedingt erobern möchte. Aber wie nur, wo doch alle Versuche, positive Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, auf peinlichste Art und Weise scheitern?

© 20th Century Fox

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Ich war nie ein großer Fan der Peanuts, habe mich nie eingehender mit den Comics oder auch den bisherigen Verfilmungen beschäftigt. Während der Kinofilm für viele ein Wiedersehen mit Held_innen der Kindheit darstellt, sind Charlie Brown und seine Freund_innen für mich also eine Neuentdeckung.

Auf den ersten Blick schien mir die Zusammenstellung der Kinderschar vielversprechend. Da tummeln sich nahezu ebenso viele Mädchen* wie Jungen*, da gibt es zart besaitete kleine Männer* wie Linus und einen Tomboy wie Peppermint Patty, einen Schöngeist wie Schroeder und eine tonangebende Schreckschraube und Hobbypsychiaterin wie Lucy. Genug Stoff also, um sich von ausgetretenen Pfaden der Kinderfilmdramaturgie zu lösen und mal eine ganz andere, eine ganz neue Geschichte zu erzählen.

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Doch das Gegenteil ist der Fall. Zugegeben: Die Vorlagentreue macht Charlie Brown zwangsläufig zur Hauptfigur, zum Helden der Geschichte, aus dessen Perspektive das Kinopublikum die Geschichte erlebt. Der zweite „Erzähler“ ist Snoopy, hier ebenfalls eindeutig als männliche* Figur inszeniert. Beiden Erzählsträngen ist die Eroberung einer passiven Frau* gemein. Snoopys Herzensdame, die rosa (!) Pudelfrau Fifi, hat immerhin noch einen Namen, während Charlie Browns Schwarm „das kleine rothaarige Mädchen“ ausschließlich über ihr äußeres Erscheinungsbild definiert ist.

Auch dramaturgisch bleibt Die Peanuts – Der Film sexistischen Märchenstrukturen treu. Charlie Brown muss zum Prince Charming werden, um als Held das Herz des noblen Burgfräuleins zu gewinnen. Snoopy wiederum rettet in seinen Weltkriegsfantasien die rosa Pudelin “in distress” vor dem garstigen historischen Kampfflieger „Roter Baron“. Zusammengefasst ist also bei den Peanuts die Welt noch in Ordnung: Die Männer* sind die Helden, die Frauen* die Objekte der Anbetung und die Belohnung. Aktiv werden sie nur als romantisch-irre Furien, denn interessanter Weise wirken die Zuneigungsbekundungen der Mädchen, allen voran Lucy, in erster Linie bedrohlich.

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Aber es zeigt sich noch ein anderer grundlegender Unterschied zwischen Charlie Brown und dem „kleinen rothaarigen Mädchen“ ab, der bezeichnend ist für die Art und Weise wie Frauen* in Film und Fernsehen dieser Tage inszeniert werden. Während Charlie der tollpatschige Unsympath sein darf, den wir lieben, obwohl ihm alles misslingt, stehen die weiblichen Figuren unter dem Druck der Perfektion. Das kleine rothaarige Mädchen ist nicht nur bildschön, obwohl dies ihr hervorstechendstes Merkmal ist, sie ist auch immens klug und natürlich sozial, so wie es sich für eine Frau* gehört. Snoopys Fifi wiederum ist nicht nur eine putzige rosa Pudeldame, sondern auch eine talentierte Pilotin, die ihr Flugzeug sogar selbst reparieren kann.

Sind Frauen weniger perfekt – wie beispielsweise die dominante Lucy oder die burschikose Peppermint Patty – bleiben sie als Sonderlinge außen vor, kommen keinesfalls als Love Interest in Frage und bieten sich nicht als Identifikationsfiguren an.

Für Mädchen* gibt es in Die Peanuts – Der Film also nur jene Rolle zu erblicken, die sie auch durch Disney-Märchen vermittelt bekommen: Wer perfekt ist, die wird eines Tages von einem Helden gerettet und erobert. Die Perfektion, das Kultivieren von Fähigkeiten, ist hierbei freilich kein Selbstzweck, der der eigenen Entfaltung dient, sondern ausschließlich Lockmittel für die männliche* Spezies.

© 20th Century Fox

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Die Botschaft für das männliche* Publikum ist da schon ausgewogener. Während es zunächst so scheint, als würde Die Peanuts – Der Film den klassischen Helden postulieren – stark, mutig und souverän – ist die Botschaft am Ende doch eine völlig andere: Charlie Brown erobert das Herz des kleinen rothaarigen Mädchens auch ganz ohne klassische Heldentaten, sondern durch seine moralische Integrität, die schließlich viel mehr zählt als die angestrebten Auszeichnungen und vorzeigbaren Erfolge. Während die weiblichen* Figuren also in besonderem Maße dem Druck der Perfektion ausgesetzt sind, werden die männlichen* Figuren dieser vollständig entbunden.

Es ist schade, dass somit das Potential all der tollen Mädchen*figuren ungenutzt bleibt, dass der Mut fehlt, sich einen Schritt von der Vorlage zu entfernen, um sie weiterzuentwickeln und progressiveren Vorstellungen von Geschlechterrollen anzupassen. Das einzig „moderne“ an Die Peanuts – Der Film bleibt die nicht besonders spektakuläre 3D-Optik. Dafür hat sich diese Wiederauflage nun wirklich nicht gelohnt.

Kinostart: 24. Dezember 2015

Sophie Charlotte Rieger
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