Selma – Gelungener Pathos

© Studiocanal

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Spätestens seit der Verkündung der Oscar-Nominierungen sind Ava DuVernay und ihr Film Selma in aller Munde. Wieso, weshalb, warum hat die Regisseurin keine Nominierung erhalten? Feministische Kritikerinnen wittern Sexismus in den Reihen der Academy und echauffieren sich fleißig über diesen Missstand. Nachdem ich den Film nun bei der Berlinale 2015 gesehen habe, stellt sich mir allerdings eine andere Frage: Wieso wurde Selma in der Königskategorie „Bester Film“ nominiert?

Selma ist klassisches Hollywoodkino. Das ist auch positiv zu sehen, zeigt der Film doch deutlich, dass auch Frauen in der Lage sind, dieses Genre zu bedienen (schlimm genug, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die das anzweifeln). Mit einer ordentlichen Portion Pathos zeigt Ava DuVernay das Wirken Martin Luther King Juniors vom Erhalt des Friedensnobelpreises bis zum großen Marsch von Selma nach Montgomery. Eine filmische Offenbarung ist dieses sehr klassische Bio-Pic jedoch nicht. Insbesondere das Drehbuch Paul Webb kann kaum überzeugen. Während Kings elaborierte Sprache durchaus dem eloquenten Prediger und Aktivisten entspricht, der er war, wirken die übrigen, druckreifen Dialoge seltsam unnatürlich und affektiert. Zudem stellen die Gespräche oft keine glaubwürdige Interaktion, sondern zu offensichtlich eine Informationsvermittlung für die Zuschauer_innen dar. Auch die Mechanismen, mit denen Paul Webb das Geschehen kommentiert, stammen aus dem Handbuch „Drehbuch für Anfänger“. Wenn ein Journalist per Telefon seinen Artikel diktiert und dabei die Eskalation in Selma zusammenfasst, kann wahrlich nicht von einem intelligenten dramaturgischen Kniff die Rede sein.

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Ava DuVernay überzeugt als Regisseurin allerdings durch die respektvolle Inszenierung von Gewalt. Zeitlupen, Unschärfe und Nebelschwaden verhindern einen voyeuristischen Blick auf die Ereignisse. Die Brutalität der weißen Südstaatler gegen die Demonstranten transportiert DuVernay stattdessen vornehmlich über Geräusche, wie beispielsweise das dumpfe Klatschen von Schlagstöcken. Mit dieser Inszenierung verhindert DuVernay, dass King und seine Mitstreiter_innen durch das Kinopublikum vornehmlich als Opfer wahrgenommen werden. Schließlich geht es hier um eine der beeindruckendsten Menschenrechtsbewegungen des 20. Jahrhundert!

Dementsprechend viel Zeit nimmt sich der Film auch für die Reden Martin Luther King Juniors. Was in anderen Filmen konstruiert und unnötig pathetisch wirkt, ist hier eine notwendige Charakterisierung der Hauptfigur, war King doch vor allem für seine Rhetorik bekannt, mit der er seine Zuhörer_innen immer wieder begeistern und motivieren konnte. Doch Martin Luther King Jr. ist hier kein makelloser Heiliger, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, dem neben seinen Qualitäten auch Schwächen zu gestanden werden. Trotz allem bleibt die Hauptfigur ein wenig unnahbar, vermutlich mit Absicht. Es geht in Selma weniger um die Erhöhung einer einzelnen Person als um die Wertschätzung einer ganzen Bewegung, die – und das müssen wir uns dabei dringend vor Augen führen – gerade mal 60 Jahre zurück liegt.

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Am Ende des Tages ist Pathos an dieser Stelle vielleicht sogar das richtige Mittel. Was Martin Luther King Jr. und seine Unterstützer in den 50er und 60er Jahren in den USA mit gänzlich gewaltfreien Mitteln erreichten, verdient Respekt und Bewunderung. Der Mut, mit dem sich diese Menschen der Aggression ihrer Gegner aussetzten, ohne jemals zurückzuschlagen, mag dem einen oder anderen eher wahnsinnig erscheinen. Tatsache jedoch ist, dass die Bürgerrechtsaktivist_innen auf diese Weise sowohl die Rassentrennung als auch ihr Wahlrecht durchsetzen konnten und damit das Bild der USA für immer verändert haben.

2006 hatte ich Gelegenheit, in den USA persönlich mit einem Zeitzeugen zu sprechen, der Martin Luther King Jr. mehrfach begegnet war. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wo er gewesen war, als ihn die Nachricht von Kings Tod erreichte. Ein derart verstörendes Erlebnis, so meinte er, vergisst man niemals. Damals wurde mir erstmalig klar, was Martin Luther King Jr. für seine Zeitgenoss_innen bedeutet hat!

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Insofern hätte Ava DuVernay in Puncto Pathos hier noch sehr viel dicker auftragen können und wäre dem „Phänomen King“ vermutlich noch immer gerecht worden. Doch um ein Einzelphänomen geht es hier nicht. Das zeigt auch das Finale: Selma endet nicht mit dem Tod eines Einzelnen, sondern mit dem Sieg Vieler.

Oscar-Potential sehe ich hier trotzdem nicht und das ist auch völlig in Ordnung. Es wäre ungerecht, von Ava DuVernay etwas anderes zu verlangen, nur weil sie eine der wenigen Frauen ist, die mit einem derartigen Budget und Thema arbeiten durfte. Vielmehr hat DuVernay bewiesen, dass Regisseurinnen ebenso gute pathetische Bio-Pics über amerikanische Helden drehen können wie ihre männlichen Kollegen. Nein, vielleicht sogar bessere, nämlich Bio-Pics, die Opfer mit Respekt behandeln anstatt ihre Qualen auszuschlachten und die nicht der Versuchung erliegen, die Errungenschaften einer Bewegung auf eine einzige Person zu projizieren.

Kinostart: 19. Februar 2015

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