#NichtMeinFreund Harvey – Eine Replik

Unter dem Titel „Mein Freund Harvey“ hat Filmkritiker und Filmemacher Rüdiger Suchsland vergangene Woche auf der Webseite “artechock” im Rahmen seiner Kolumne “Cinema Moralia” zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegen den Produzenten Harvey Weinstein sowie den daran anknüpfenden Diskurs um sexualisierte Gewalt Stellung genommen. Sein Text, eine Aneinanderreihung von Rape Culture Mythen, Whataboutism und misogynen Rhetoriken, ist ein vernichtendes Zeugnis für den deutschen Filmjournalismus

Wie ist es allein möglich, einen Titel zu wählen, der Harvey Weinstein, den Mann*, den inzwischen über 80 Frauen* der sexuellen Belästigung beziehungsweise Vergewaltigung beschuldigt haben, als einen Freund zu bezeichnen? Aber nein, wird jetzt Herr Suchsland krakelen, das tue er ja gar nicht. Er zitiere doch nur einen Filmtitel.

Rüdiger Suchsland tut hier etwas, das der Filmkritiker (generisches Maskulinum sehr bewusst gewählt), gerne tut: Er zieht sich in einen abstrakten Kunstraum zurück, in dem alles erlaubt ist. Dieser Raum existiert in einem gesellschaftlichen Vakuum, fernab von Diskursen über Sexismus, Rassismus, Klassismus. Film darf alles, denn Film ist Kunst. Und wer über Film, also Kunst, schreibt, so die Logik des Filmkritikers, darf auch alles schreiben. Und überhaupt ist Filmkritik ebenfalls Kunst und darf deshalb sowieso schon mal alles. Wer etwas gegen diese Argumentation einzuwenden hat, die (generisches Feminimum sehr bewusst gewählt) hat Filmkritik, Film und Kunst einfach nicht verstanden

En détail: Schritt für Schritt durch intellektuelle Untiefen

Wer jetzt ganz genau wissen will, was ich an Rüdiger Suchslands Text kritisiere, für diejenigen habe ich „Cinema Moralia – Mein Freund Harvey“ im Folgenden seziert.

Ein Ausflug in die Geschichte der Misogynie und Rape-Culture-Mythos No. 1. “Die Teilschuld”

Die Überschrift selbst ist schon ein Affront, impliziert eine Solidarisierung mit einem zigfach der Vergewaltigung Angeklagten unter dem Deckmantel des Kino-Connaisseurs. Es folgt die rhetorische Frage, ob man Mr. Weinstein verbrennen solle, eine Anspielung auf das Bild der Hexenjagd. Die Hexenjagd aber, übrigens ein Kapitel aus der Geschichte der Misogynie, steht für blinde Wut gegen Unschuldige, für Aberglauben und Anklagen, die jeglicher Grundlage entbehren. Bereits im ersten Satz hat Rüdiger Suchsland den Vergewaltiger Harvey Weinstein hiermit also nicht nur freigesprochen, sondern auch alle Ankläger_innen als Hysteriker_innen gebrandmarkt und ihnen die Glaubwürdigkeit entzogen.

Auf den Teaser folgen drei Zitate. Eines davon ist aus der Bibel: „Der, der ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Der Satz stammt aus einer Geschichte, in der es – Überraschung! – um Misogynie geht, nämlich um die Steinigung einer Prostituierten, die von Jesus mit dem Argument in Schutz genommen wird, dass die Steiniger nicht weniger sündhaft seien als die Angeklagte. Das hat freilich ebenso wenig mit Harvey Weinstein zu tun wie das Bild der Hexenjagd. Auch hier wird fälschlicher Weise wieder die Idee von ungerechtfertigter Aggression heraufbeschworen. Gleichzeitig suggeriert Rüdiger Suchsland eine Mitschuld der Frauen*, dass diese nämlich ebenso sündhaft seien, und nährt damit einen beliebten Vergewaltigungsmythos: Die Frau* ist selbst schuld.

Rape-Culture-Mythos No. 2: Die Falschaussage

Dann erst beginnt der eigentliche Artikel. „Hörensagen, Verdacht, anonyme Anschuldigungen, vages, ‚unangemessenes Benehmen’“ – das sind die Begriffe, mit denen Rüdiger Suchsland die betroffenen Frauen* diskreditiert und sie der Übertreibung oder gar Falschaussage beschuldigt – dies übrigens ebenfalls ein Rape Culture Mythos: Die Frau* lügt. Er geht sogar noch weiter und beschreibt Asia Argentos Aussagen als „dummes Zeug“, unterstellt ihr überdies auch „dummes Zeug“ gemacht zu haben, womit er ihr – mal wieder – eine Teilschuld gibt. Auf geradezu unerträglich süffisante und verlogene Weise schiebt er dann noch eine leise Kritik an Weinstein hinterher, denn „das muss man ja heute besser dazu sagen“. Und mit diesem arroganten Nachsatz ist die viel zu vorsichtige Anklage Weinsteins im Grunde schon wieder negiert. Wenn Rüdiger Suchsland schreibt, dass Weinsteins Verhalten nicht zu entschuldigen sei, dann schreibt er das, weil er das muss, nicht aber, weil er das meint. Das Ganze rangiert auf dem Niveau von „Das wird man wohl doch noch sagen dürfen“ und spricht Bände über die Bereitschaft des Journalisten, sich mit der Materie seines Artikels, nämlich dem Vergewaltigungsdiskurs, auseinanderzusetzen.

Anti-Feminismus ohne Vorkenntnisse: Whataboutism

Es folgt ein Lehrbuchbeispiel für Whataboutism, die große Kunst, ein Problem mit einem anderen klein zu reden, was freilich nur ein rhetorischer Kniff ist, da noch kein Problem durch den Vergleich mit einem anderen gelöst wurde. Genauso wenig wie jemals jemand weniger Schmerzen hatte, weil er einen anderen Menschen hat leiden sehen. Oder wie noch nie ein Kind mit Freude seinen Teller aufgegessen hat, weil die Eltern an den Hunger in Afrika erinnerten. Warum hier nur Juden angeklagt seien, will Rüdiger Suchsland wissen und unterstellt dem Vergewaltigungsdiskurs einen „verkappten Antisemitismus der Öffentlichkeit“.

Antisemitismus ist scheiße. Vergewaltigung ist auch Scheiße. Das lässt sich aber gegeneinander nicht aufwiegen. Und außerdem geht es hier gerade nicht um Antisemitismus, sondern um Vergewaltigung und in diesem Fall hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Es ist in deutschen Kontexten aber ein formidabler Trick, einfach mal das Wort „Jude“ in den Raum zu werfen, um Menschen an ihre Kollektivschuld zu erinnern. Über deren Berechtigung will ich hier gar nicht diskutieren, weil – noch einmal! – es darum überhaupt nicht geht. Harvey Weinstein als Vergewaltiger zu bezeichnen ist nicht antisemitisch. Antisemitisch wäre es zu behaupten, Harvey Weinstein würde vergewaltigen, weil er Jude sei. Das hat aber niemand getan und ich fühle mich auf ziemlich sicherem Boden, wenn ich behaupte, dass das nicht einmal jemand gedacht hat.

Rape-Culture-Mythen No. 3 und 4: Täter-Opfer-Umkehr und Prüderie

Es geht dann aber noch weiter in einer neuen Runde von Rape-Culture-Bullshit-Bingo: Täter und Opfer werden einmal mehr miteinander vertauscht, wenn Rüdiger Suchsland nun eine Verschwörung gegen „die Linken“ wittert, wer auch immer diese Linken seien mögen. Ja, es ginge sogar um eine Abrechnung mit einer ganzen Epoche, den 60er Jahren nämlich, und zwar der damit verknüpften Einstellung zu Sexualität: „Es geht um ein Zurück zum Puritanismus.“ Und wieder ein Kreuzchen auf dem Bingo-Feld der Rape-Culture-Mythen: Wer auf “consent” besteht, ist einfach nur prüde.

Es folgt eine für mein Empfinden recht kryptische und zusammenhangslose Passage zur Rolle der Medien, die vornehmlich aus einem Zitat von Verena Lueken besteht. In ihrem FAZ-Kommentar beschäftigt sie sich mit dem Schweigen der Medien und nimmt diese in die Verantwortung, erklärt sie zum Teil des Systems, das Harvey Weinsteins Taten erst möglich machte: Wegschauen statt Eingreifen. Rüdiger Suchsland jedoch reißt Luekens Zitat aus dem Zusammenhang und nutzt es als Ausgangsbasis für eine weitere geschickte rhetorische Ideenimplementierung: Vielleicht stimmt das alles einfach nicht und deshalb haben sich seriöse Medien zuvor von der Story ferngehalten. Da ist er wieder, der Mythos der Falschaussage.

Anti-Feminismus für Einsteiger mit Vorkenntnissen: Die armen missachteten Männer

Zurück zur Hexenjagd, in der laut Suchsland „jedes Maß verloren wird“, der Rechtsstaat verloren ginge, die Unschuldsvermutung nicht mehr existiere. Dazu zwei Dinge:

  1. Auf Twitter veröffentlichte Asia Argento kürzlich eine Liste von 82 (!) Frauen*, die – größtenteils unter Nennung ihres Namens – sexuelle Übergriffe durch Harvey Weinstein zu Protokoll gegeben haben. Um ebenfalls mal eine rhetorische Frage zu formulieren: Ist das der richtige Moment, um auf eine Unschuldsvermutung zu pochen?
  2. Im Vergleich zu anderen Verbrechen, steht bei Vergewaltigung die Aussage der betroffenen Person besonders stark im Zweifel. Verantwortlich dafür sind unter anderem Rape Culture Mythen, die den Betroffenen die Schuld an der Tat geben, sowie die Mär der Falschaussage. Wie unterschiedlich wir beispielsweise einer Aussage über Raub und einer Aussage über Vergewaltigung begegnen, zeigt unten stehendes Video auf bitter-humorige Weise. Umgekehrt ist also die Unschuldsvermutung gegenüber den Täter_innen im Fall einer Vergewaltigung nicht einfach nur existent. Sie ist deutlich stärker als bei anderen Verbrechen. Mit einer Sache hat Rüdiger Suchsland allerdings Recht: jedes Maß geht verloren. Nämlich das Maß dafür, wie viel apologetischer Wohlwollen dem Angeklagten entgegen gebracht wird. Zu behaupten, dass ausgerechnet bei Vergewaltigungsvorwürfen die Unschuldsvermutung inexistent sei, ist ein Zeichen für die völlige Ignoranz des Autors gegenüber dem Diskurs, an dem er sich zu beteiligen vorgibt.

Anti-Feminismus für Forgeschrittene: Hysterie

Angeblich wurde Herr Suchsland nach seiner Reaktion zur Enthüllung der sexuellen Übergriffe durch Harvey Weinstein gefragt. Die ersten Worte seiner Antwort klingen vielversprechend. Er ist – wie ich – erstaunt über das Erstaunen. Das aber führt er leider nicht genauer aus, sondern empört sich stattdessen über die angebliche Lust an der Enthüllung und den darin ausagierten Voyeurismus. Als ginge es bei den Statements der betroffenen Schauspielerinnen, den Frauen, die mit dem Hashtag #metoo ähnliche Erfahrungen bezeugten, und der Abbildung dieser Ereignisse durch die Medien nur um Aufmerksamkeit und nicht um das Markieren eines sehr realen Problems.

Whataboutism für Fortgeschrittene – Ein Appell an die deutsche Filmkritik

Doch die intellektuellen Untiefen des Herrn Suchsland haben sich hier noch nicht erschöpft. Es folgt ein weiterer Ausflug in den Whataboutism, noch ätzender als der vorhergehende, weil er für die deutsche Filmkritik so bezeichnend ist: „Mich stört das Missverhältnis zwischen der jetzigen Aufmerksamkeit für Weinstein und der sonstigen Aufmerksamkeit für das Kino“. Das Problem des sterbenden Kulturjournalismus ist also viel größer als das einer Rape Culture? Vielleicht, Herr Suchsland, hat aber der Kulturjournalismus im allgemeinen und die Filmkritik im Besonderen auch deshalb ein so großes Problem, weil sie sich diesen Diskursen gegenüber verschließen und von der realen Welt in einem ästhetischen Elfenbeinturm abkapseln? Verliert die Filmkritik vielleicht auch deshalb zunehmend ihre Relevanz, weil sie sich weigert, in einer Zeit oft bedrohlich wirkender Umwälzungen Teil eines anschlussfähigen gesellschaftspolitischen Diskurses zu sein?

Feminismus ohne Vorkenntnisse: Das Private ist Politisch

Immerhin bezeichnet Suchsland Vergewaltigung als Verbrechen. „Sexuelle Belästigung“ allerdings ist ihm zu „vage“, relativ und vor allem Privatsache. Das ist schlichtweg falsch. Sexuelle Belästigung ist Teil der komplexen strukturellen Gewalt gegen Frauen* und als solcher keineswegs Privatsache, sondern ein Phänomen und damit Angelegenheit der ganzen Gesellschaft. Mal ganz abgesehen davon, dass auch das Private politisch ist. Und das nicht erst seit gestern.

Anti-Feminismus für Profis: Mansplaining

Aber Herr Suchsland weiß es besser, er mansplaint uns sogar noch, was gut oder schlecht für den Feminismus ist. Diese ganze Diskussion um Harvey Weinstein nämlich ist schädlich. Womit er Recht hat: Die stereotype Aufteilung in männliche* Täter und weibliche* Opfer ist ein Problem, das beispielsweise Mithu Sanyal in ihrem Buch Vergewaltigung detailliert analysiert. Von dieser Kontextualisierung jedoch fehlt in Suchslands Text jede Spur. Bei ihm klingt es eher, „So ein Rollenverständnis wäre in jedem anderen Lebensbereich heute undenkbar“, als sei die Ursache hierfür ebenfalls bei den nun aufbegehrenden Frauen*, die sich aus Jux an der Freude als Opfer inszenierten, nicht aber in einem soziokulturellen System zu suchen.

Völlig zusammenhangslos, aber Mann* muss das ja wohl noch sagen dürfen, folgt nun auch noch eine Absage an den Terminus „Sexismus“, der laut Suchsland nämlich ebenfalls „vage“ ist. Ihn näher zu definieren, dafür ist in seinem Artikel allerdings kein Platz, viel wichtiger ist es ja, vom Kino weg und in andere Branchen oder Länder zu verweisen, Stichwort “Whataboutism”. Auch das führt er allerdings nicht aus.

Anti-Feminismus Zusatzqualifikation: Reduktion auf den Einzelfall

Den Schluss dieses traurigen Zeugnisses für den deutschen Filmjournalismus bildet eine Kritik am Vorgehen des Missy Magazines. Unter dem Pseudonym Bernadine Harris hatte eine Autorin auf der Webseite des feministischen Mediums von sexueller Belästigung durch Berlinale-Direktor Dieter Kosslick berichtet, nach einer Entschuldigung seinerseits aber die Löschung des Artikels erwirkt. Den Text selbst fand Suchsland gut. Allerdings nicht wegen seines Beitrags zum Rape Culture Diskurs, sondern auf Grund der formulierten Kritik an Dieter Kosslick und seiner Leitung des Festivals. Whataboutism. Mal wieder. Was Suchsland deshalb gar nicht gefällt, ist die Löschung des Artikels, für die er das Missy Magazine besonders scharf kritisiert. Wir lernen: Sexuelle Belästigung anzuzeigen ist nur dann in Ordnung, wenn ein Mann* angeklagt wird, den andere Männer* nicht mögen. Filmkritiker lästern nämlich in der Tat außerordentlich gerne über Dieter Kosslick.

Am Ende formuliert Rüdiger Suchsland noch die Hoffnung, dass sich doch endlich einmal jemand mit den Arbeitsbedingungen bei der Berlinale beschäftigen werde, gerne dann auch im Zusammenhang mit Sexismus und Rassismus. Statt eines größeren gesellschaftspolitischen Diskurses um sexualisierte Gewalt und ihre Darstellung in den Medien sowie einer kritischen Selbstreflektion der Filmkritik, will Rüdiger Suchsland lieber eine Auseinandersetzung mit Dieter Kosslick als Einzelperson: „Und wo sind die Redakteurinnen und Redakteure der Qualitätsmedien und der sogenannten Hauptstadtpresse? Wirklich ‚eine Kampagne gegen Kosslick’ wie eine leitende Redakteurin den Vorfall heute kommentierte?“

Das aber ist natürlich keine Hexenjagd…

Wir haben Verantwortung!

Die schlechte Nachricht ist die folgende: Selbst wenn Filmkritik Kunst ist, haben die Autor_innen eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, in der sie leben und arbeiten. Sie sind Journalist_innen. Sie prägen Meinungen. Oft wollen sie auch genau das. Deshalb strotzt der Text von Rüdiger Suchsland auch von rhetorischen Fragen und suggestiven Formulierungen, die weniger Informationen vermitteln als eine Haltung vorgeben. Eine Haltung, die jeglichen Respekt vor dem Thema entbehrt. Denn auch wenn Suchsland mockiert, es sollte doch viel mehr über Film und weniger über Missbrauch geschrieben werden, tut er es ja trotzdem: Er thematisiert sexualisierte Gewalt. Als Journalist, der Meinungen prägt und prägen will, befindet er sich aber auch in der Verantwortung, mit gutem Beispiel voran zu gehen und diskriminierende und menschenverachtende Strukturen aufzudecken anstatt sie zu konsolidieren. Sein Text hingegen festigt Rape Culture Mythen, leistet damit einen Beitrag zu (struktureller) Gewalt gegen Frauen* und ist ergo misogyn.

Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass nicht nur Filme und Fernsehen einen Einfluss auf unser menschliches Miteinander haben, sondern auch der Diskurs über diese Medien, also der Filmjournalismus beziehungsweise die Filmkritik. Feministische Stimmen, die Geschlechterrollen, sexistische Narrative oder eben auch die Verharmlosung von sexualisierter Gewalt in Film und Fernsehen öffentlich hinterfragen sind also wichtig, um Geschlechtergerechtigkeit jenseits der Leinwände zu fördern. Wir brauchen sie dringend, weil die Verharmlosung von sexualisierter Gewalt in den Medien zu einer Rape Culture beiträgt, in der sich kaum mehr Frauen* ohne Belästigungs- oder Missbrauchserfahrungen finden. Vor kurzem startete Pinkstinks die Kampagne #youtoo, die Medienschaffende dazu aufruft, insbesondere sprachlich genau zu arbeiten, anstatt Vergewaltigung zu bagatellisieren. Rüdiger Suchslands Text ist das beste Beispiel für die Notwendigkeit dieser Petition.

© Pinkstinks

#NichtMeinFreund Rüdiger

Mich ärgert es grundsätzlich, dass feministische Perspektiven keinen selbstverständlichen Teil von Filmkritik darstellen, sondern immer noch ein Exotinnendasein pflegen. Aber inmitten eines Diskurses um die Omnipräsenz sexualisierter Gewalt einen solchen Text zu schreiben wie der Kollege Suchsland ist kein reines journalistisches Versagen mehr, sondern auch eine Form misogyner Respektlosigkeit wie sie meines Erachtens allermindestens öffentlich gerügt werden sollte.

Stattdessen aber: Stille. Niemand sagt etwas. Seit Tagen diskutieren wir darüber, was wir gegen unsere Vergewaltigungskultur unternehmen können. Immer wieder haben Männer* gefragt, welchen Beitrag sie leisten können. Immer wieder kam die Antwort: Verantwortung. Verantwortung bedeutet, andere Männer* darauf hinzuweisen, wenn sie sich übergriffig und respektlos verhalten. Verantwortung bedeutet, Frauen* zu glauben, wenn sie von derlei Situationen berichten. Verantwortung bedeutet, sich an die eigene Nase zu fassen und das eigene Verhalten zu hinterfragen.

Quelle: http://www.11thprincipleconsent.org/

Und alle Männer* nicken, nicht wenige feiern sich in ihren Bekenntnissen zu eben jenem Kampf für die Ehre der Frauen*. Denn das ist es was Männer* tun: Für die Ehre von Frauen* kämpfen. Das erzählt ja auch das Kino. Muss ja stimmen. Aber in diesem Moment, in dem ein Filmkritiker einen derart respektlosen, misogynen Text schreibt, sind alle mucksmäuschenstill. Verantwortung bedeutet aber auch, einen Autor öffentlich für seine misogynen Äußerungen zu kritisieren. Vielleicht bedeutet Verantwortung sogar, einen solchen Text gar nicht erst zu veröffentlichen.

Raus aus dem Elfenbeinturm!

Liebe Kolleg_innen, liebe Filmjournalist_innen und -kritiker_innen, lieber Verband der Deutschen Filmkritik: Unsere Arbeit findet nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum statt. Die Kunst, mit der wir uns auseinandersetzen, ebenso wenig. Es ist unsere Aufgabe, diskriminierende Strukturen auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene aufzubrechen, sie zu benennen, offen zu legen und zu ihrer Überwindung beizutragen. Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus, Ageism und dergleichen gehen auch uns etwas an! Filmkritik und Filmjournalismus müssen mehr sein als Bauchpinselei für Geeks, der verlängerte Arm der PR und das elitäre Baden in der mit Löffeln gefressenen Filmhistorienweisheit hoch oben auf dem Elfenbeinturm der elitären Conaisseurs. Es geht nicht immer nur um das heilige Abstraktum Filmkunst. Es geht auch um die Welt, in der wir leben und aus der diese Filmkunst entspringt. Es muss nicht jede_r feministische Filmkritiken schreiben, nicht jeder Text alle „-ismen“ behandeln. Aber sich diesen Themen zu widmen, sollte nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein. Vor allem aber sollten sich alle Journalist_innen aller Themenbereiche um diskriminierungsfreie Inhalte und eine entsprechende Wortwohl und Sprache bemühen.

Deshalb sollte ein Text wie „Mein Freund Harvey“ nicht unkommentiert auf einem respektablen Filmportal veröffentlicht werden. Das ist, mit Verlaub, eine Schande!

(to be continued)

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