High Society

Um gleich mal etwas Positives über Anika Decker und ihren Film High Society zu sagen: Diese Regisseurin kann es im deutschen Kino weit bringen, denn sie ist in der Lage Promi-Faktor, oberflächliches Unterhaltungskino und Humor auf Kosten von Minderheiten genauso gut zu einem mainstreamtauglichen Film zusammenfügen wie die männlichen* Kollegen Schweiger und Schweighöfer. Feministisch argumentiert ließe sich vielleicht gar von der weiblichen* Aneignung eines männlichen* Genres reden. Aber hier höre ich jetzt auf zu faseln und gehe über zu einer klaren Ansage: Liebe Leser_innen, tut mir einen ganz großen Gefallen und schaut euch High Society nicht an.

Der Auftakt des Films ließ mich bereits fast aus dem Kino stürmen. Da führt nämlich ein überhebliches männliches* Voice Over in die Haupthandlung ein, indem es uns die ohnehin jeglichen Tiefgangs beraubte Handlung mainsplaint und sie in einen zutiefst frauen*verachtenden Rahmen steckt: Getragen von ihrer maßlosen Dummheit und gekleidet in ein Kostüm aus dem Beate Uhse Restposten vertauschen zwei Krankenschwestern in einer Kulisse, die mit einem Krankenhaus nicht das Mindeste zu tun hat, zwei weibliche* Säuglinge und demonstrieren hiermit einleitend, welches Frauen*bild sich hinter Anika Deckers Film verbirgt: dumm, dümmer, am dümmsten. Aber Hauptsache sexy!

© Warner

Und dann geht sie los, diese irgendwie vertraut klingende Geschichte von Glamour-Girl und Plattenbau-Trulla, die nicht nur die Familie, sondern auch das ganze Leben tauschen. Anika Decker liefert quasi die Spielfilmversion von Frauentausch – Das Aschenputtel-Experiment, nur dass sie nicht gleichberechtigt aus beiden Perspektiven, sondern konsequent aus der klassistischen Sicht der titelgebenden High Society erzählt.

Anabel von Schlacht (Emilia Schüle) kann nichts außer Geld ausgeben, hat mit ihren 25 Jahren noch immer keinen Beruf erlernt und auch ihren Realschulabschluss nur durch Bestechung erlangt. Weil Töchter aus reichem Hause nämlich einfach so sind: dumm. Auf der Seite des Präkariats steht Aura Schlonz (Caro Cult), eine Supermarktkassiererin mit Gier nach gesellschaftlichem Aufstieg, den sie durch Flirts mit Porschebesitzern zu erreichen sucht. Ach ja, und dumm ist sie natürlich auch. Die Mütter stehen den jungen Damen* in nichts nach: Botox- und Opiate-Junkie Trixi von Schlacht (Iris Berben) hat ihr Vermögen selbstredend nur durch die Heirat mit einem 30 Jahre älteren, inzwischen komatösen Mann* erlangt und ist so doof, dass sie eine Rede über Brustkrebs nicht von einer über straffällig gewordene Jugendliche unterscheiden kann. Auras Mutter Carmen (Katja Riemann), wie ihre Tochter Kassiererin, allerdings auch All-Round Aktivistin, ist auf Grund ihrer grenzenlosen Selbstüberschätzung ebenso wenig ernstzunehmen, lässt sich beispielsweise eine Abstellkammer ohne Weiteres als Verhörzimmer verkaufen. Diese vier nicht unbedingt durch ihre Auffaussungsgabe charakterisierten Damen* werden nun durch das Auffliegen des Säuglingtauschs durcheineinander gewürfelt: Anabel zieht in die Platte, Aura in die Villa und das Chaos beginnt.

© Warner

Anabels Geschichte, die hier den roten Faden der Handlung bildet, kreist jedoch nicht darum, sich von einer verwöhnten Tochter zu einer unabhängig und selbstständigen Frau* zu mausern, sondern darum sich in den richtigen Mann* zu verlieben. Dieser Mann* ist Polizist Yann (Jannis Niewöhner) und eigentlich langjähriger Partner von Aura (aber getauscht ist getauscht, ne?!) und übrigens auch die einzige Figur im gesamten Film, die etwas auf dem Kasten hat. Die Aufstellung ist ein absoluter Klassiker: Während alle Frauen* vornehmlich durch ihre Defizite charakterisiert sind, ist Yann die wandelnde Perfektion. Er ist nett, gut in seinem Job, souverän, im Leben stehend, moralisch integer und dazu auch noch gutaussehend. Yann ist in diesem primär an ein weibliches* Publikum gerichteten Film die einzige Figur mit der zu identifizieren auch nur den Hauch eines empowernden Effekts hätte, während wir uns bei den Frauen*figuren eigentlich nur zwischen dem kleinsten Übel und der größten Verliererin entscheiden dürfen.

Bonbon-bunt, popmusikalisch unterlegt und immer hart an der Grenze des Klamauks ist High Society eine Klischee-Parade vom Feinsten, die sich ihrer zwischen den Zeilen vorgetragenen menschenfeindlichen „-ismen“ nicht ansatzweise bewusst ist. Während die reiche Oberklasse bloßgestellt wird, weil sie Trans*personen und Menschen mit Behinderung nur als Charity-Aushängeschilder betrachtet, treten in High Society KEINE Trans*personen oder Menschen mit Behinderung auf, sondern dienen ausschließlich als unsichtbare Witzmotoren. Dafür gibt es einen chronisch-depressiven Frührentner in einer Nebenrolle, der streng genommen als Mensch mit Behinderung gezählt werden muss, dessen Funktion aber ebenfalls alleinig in Witzen auf seine Kosten besteht. Liebe Anika Decker… merkste jetzt selber, oder?!

Auf dem gleichen Niveau rangiert der Umgang des Films mit dem Thema „Körper“. Obwohl die Bonzen-Damen* Trixi und Anabel bereits bei ihrem ersten Auftritt über Sinn- und Unsinn von Schönheitskorrekturen debattieren und Trixis Obsession mit ihrem künstlichen jugendlichen Erscheinungsbild wiederholt ins Lächerliche gezogen wird, hat High Society eine ziemlich klare Körperpolitik: Schlank und puppengleich ist schön. Deshalb ist Emilia Schüle auch die einzige der Frauen*, die sowohl unter der Dusche als auch in Reizwäsche zu sehen ist. Und deshalb ist es auch Jannis Niewöhner, der uns eine Portion Handwerker-Erotik schenkt, die wahlweise an den Coca Cola Light Mann oder auch einfach nur Barbies Ken erinnert.

© Warner Brothers

Selbst wenn die Oberschicht mit ihren Werten von äußerlicher Schönheit und materiellem Besitztum in diesem Klamauk vermeintlich ebenso ihr Fett wegbekommt wie das Plattenbau-Präkariat, bleibt die Perspektive und Haltung des Films eben doch die der privilegierten weißen High Society. Deshalb kann das Happy End auch nur mit Cocktails im Pool der Dahlemer Villa stattfinden, denn nirgends sonst ist der Mensch wahrhaft glücklich.

Selbst wenn ich diesen gesellschaftspolitischen Niveau-Limbo großzügig übersehe, bleibt High Society übrigens immer noch ein schwacher Film. Die Geschichte versucht nicht einmal durch Kohärenz zu überzeugen, verzichtet beispielsweise komplett darauf uns zu erklären, wie eigentlich dieser merkwürdige Sexy-Schwestern-Babytausch aufgeflogen ist. Ein tieferer Sinn, beispielsweise eine Verhandlung der sich wandelnden Definition von „Familie“, ist auch mit viel gutem Willen nicht zu entdecken, das hierfür eindeutig vorhandene Potential bleibt vollkommen ungenutzt. Ohne Mehr- oder Nährwert ist der Film quasi ein Eisbergsalat des zeitgenössischen Kinos. Die Starbesetzung ist durch das Drehbuch gezwungen am eigenen Talent vorbei ins Extrem zu spielen – bis auf Jannis Niewöhner, der wie oben erwähnt als einziger einen sympathischen Menschen anstatt eines exaltierten Klischees verkörpern darf.

Ich habe mir irgendwann mal vorgenommen, keine bösen Verrisse von weiblich* dirigierten Filmen zu schreiben. Aber trotz aller Solidarität mit Filmfrauen* im Allgemeinen kann ich gerade nicht anders als sehr deutlich zu formulieren: Solche Filme möchte ich im Kino einfach nicht mehr sehen!

Kinostart: 14. September 2017

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