FFHH 2017: Die singenden Vögel von Kigali

Viel zu nah ist die Kamera am Anfang von Die singenden Vögeln von Kigali, der letzten Koproduktion von Krzysztof und Joanna Kos-Krauze. Verschwommene Bilder, Handkamera, Chaos. Eine polnische Wissenschaftlerin verhilft einer jungen Tutsi zur Flucht aus Ruanda. Es ist 1994.

In Polen angekommen werden die Bilder ruhiger. Die Wege der beiden Frauen* trennen sich: Anna (Jowita Budnik), die Wissenschaftlerin, kündigt ihren Job und versucht wieder so etwas wie einen Alltag zu finden. Claudine (Eliane Umuhire) will zunächst lieber in der Flüchtlingsunterkunft wohnen. Später zieht die Geflohene bei Anna ein. Die gemeinsamen Erlebnisse scheinen die Frauen* jedoch nicht zu verbinden, sondern sie zu entzweien: Ihre Traumata stehen zwischen ihnen.

So wie Anna und Claudine keinen Zugang zueinander finden, bleiben auch wir als Zuschauer_innen stets auf Abstand. Die Kamera, die in den ersten Filmminuten noch unerträglich nah schien und es in kurzen Erinnerungssequenzen noch immer ist, wirkt nun viel zu weit entfernt. Es tut sich plötzlich ein Raum auf, in dem störende Gegenstände den Blick auf die Protagonist_innen verstellen. Aus der anfänglichen Unmittelbarkeit wird Indirektheit – und interessanter Weise ist beides gleichsam irritierend.

© Kosfilm

Was die beiden Frauen* entzweit, bleibt diffus. Die Erinnerungen an den Bürgerkrieg sind fragmentarisch und symbolisch: Naturaufnahmen, die Brutalität und Tod vermitteln. Im Vertrauen darauf, dass uns die Bilder und Geschichten des Völkermords in Ruanda ohnehin bekannt sind und wir die Assoziationsketten alleine zu knüpfen im Stande sind, vermeiden die Regisseur_innen einen voyeuristischen Blick auf die Gewalt des Krieges und lassen sie vornehmlich in unseren Köpfen und weniger als anschauliche Bilder denn als Gefühl entstehen. Erst gen Ende des Films geben Aufnahmen des Nachkriegs-Ruandas auch visuell Aufschluss über das Ausmaß der Gewalt.

In dieser Herangehensweise liegt großer Respekt, der den gesamten Film durchzieht. Ein Respekt vor unfassbaren Erlebnissen, denen der Mensch weder in Sprache noch in Bildern gerecht werden kann. Schon gar nicht, wenn es sich nicht um eigene Erfahrungen handelt. Vielleicht ist das auch der Grund für die Entscheidung, den Film vornehmlich um Anna und ihre Geschichte kreisen zu lassen. Was als eurozentristische Perspektive Kritik auf sich zieht, kann auch als Demut verstanden werden. Vielleicht wollen sich Krzysztof und Joanna Kos-Krauze als polnische Filmemacher_innen einfach nicht anmaßen, Claudines Perspektive einnehmen zu können?

Im ersten Drittel der Handlung taucht die Ruanderin kaum auf und es wird vornehmlich über sie, nicht aber mit ihr gesprochen. Im letzten Drittel wiederum, wenn beide Frauen* nach Ruanda zurückreisen, erobert Claudine die Geschichte vorübergehend zurück. Anfang und Ende schließlich bestreiten die Frauen* gemeinsam: Es sind Momente der unbedingt notwendigen Verbundenheit, der Hilfsbereitschaft, der Solidarität.

© Kosfilm

Trotzdem mag das Konzept von Die singenden Vögeln von Kigali nicht recht aufgehen. Der Handlung fehlt ein roter Faden und Spannungsbogen, vor allem aber eine Richtung. Worum und um wen geht es hier? Wessen Geschichte möchte dieser Film erzählen und mit welcher Absicht? Es ist als würden sich Krzysztof und Joanna Kos-Krauze nicht recht trauen, ihrem Thema mit jener Intensität zu begegnen, die sie in den Naturbildern andeuten, in denen gruselige Gedärme wabern und Geier gierig über Kadaver herfallen. Es ist als würden die Filmemacher_innen aus Respekt einen Sicherheitsabstand wahren, in der Konsequenz aber den eigenen Figuren letztlich fremd bleiben.

Im Vergleich zum vorherigen Film des Duos, Papusza, dem epischen und zuweilen melodramatischen Portrait der titelgebenden Roma-Dichterin, wirkt Die singenden Vögel von Kigali nüchtern und kühl. Trauma wird als Abwesenheit von Emotion verstanden und illustriert, als Rückzug und Abschottung, die das Kinopublikum bewusst außen vor und nur an der Oberfläche kratzen lassen.

Es birgt eine ganz eigene Tragik, dass Krzysztof Krauze während der Produktion verstarb und Joanna Kos-Krauze den Film alleine fertig stellte. So wie die Heldinnen Claudine und Anna einen Verlust verarbeiten, steht vielleicht auch die Regisseurin vor der Aufgabe eines Abschieds. Vielleicht scheitert Kos-Krauze an dieser Aufgabe ebenso wie ihre Figuren, vielleicht ist Die singenen Vögel von Kigali für alle drei nur ein kleiner Schritt auf einem langen, steinigen Weg.

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