Detroit

Detroit, 1967. Die Räumung eines illegalen Nachtclubs für People of Color löst anhaltende Unruhen aus, bürgerkriegsähnliche Zustände in jenen Teilen der Stadt, in denen die schwarze Bevölkerung durch die Willkür weißer Polizeigewalt terrorisiert wird, immer bedroht von einer unsichtbaren Pistole, die ebenso unvermittelt wie grundlos einen tödlichen Schuss abgeben kann. Ein Pulverfass, das nun explodiert und alle Beteiligten erbarmungslos mit sich reißt – egal welcher Hautfarbe. Der Slogan „Mittendrin statt nur dabei“ erlangt eine neue Bedeutung, wenn es keinen Ort mehr gibt, an dem mensch sich vor der eskalierenden Gewalt verstecken kann. Es gibt keine Unbeteiligten, denn auch das sich nicht Beteiligen, das Wegdrehen, Wegsehen, wird zu einer Form der Gewalt an jenen, die vor der Mündung der Waffe stehen, und zu einer Solidaritätsbekundung an jene, deren Finger am Abzug liegt.

© Concorde

All das ein Bild. Keine Geschichtsstunde. Keine Belehrung, sondern nur Kontextualisierung. Detroit bietet keine klare Botschaft, keine moralische Leitlinie – das macht diesen Film so unbequem, schwer zu ertragen gar. Chaos herrscht auf allen Ebenen: Auf der Leinwand ebenso wie in den Köpfen der Zuschauenden, die sich nach einer klassischen Narration aus Exposition, Höhepunkt und Auflösung sehnen. Aber nichts da! Selber denken, ist die Devise. Weil uns nichts vor dem selber Denken bewahren kann. Weil das selber Denken der einzige Weg ist, dieser Welt einen Sinn abzuringen. Weil es keinen objektiven Sinn gibt, sondern immer nur einen persönlichen.

Vielleicht wirkt es in diesem Zusammenhang feige, dass Detroit auf den moralischen Fingerzeig verzichtet. Ja, einzelne Personen versagen, agieren unmoralisch oder gar grausam. Aber Regisseurin Kathryn Bigelow und Drehbuchautor Mark Boal weigern sich beharrlich gegen die Dämonisierung einer einzelnen Figur oder auch nur Institution. Der Einsatzleiter ist ein rassistisch-sadistisches Arschloch, doch wirkt er nie als Teufel, sondern stets als Mensch, so wie seine Gegenüber auch keine wandelnden Opferschablonen, sondern komplexe Charaktere darstellen, die Sympathie und Empathie statt Mitleid verdienen. Ohne jemanden aus der Verantwortung zu nehmen, will Detroit seine Figuren doch vor der Passivität einer Opferposition bewahren. Die Überlebenden überleben tatsächlich. Ihr Leid muss nicht als Beweis für die Schuld der Täter herhalten. Sie dürfen wieder aufstehen.

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Denn Frustration führt zu Aggression, das erzählt uns dieser Film, ohne jemals apologetisch zu sein. Du hast nicht das Recht, Häuser anzuzünden und Steine zu werfen, weil Du ungerecht behandelt wirst. Gewalt erzeugt in Detroit (wie auch überall sonst) in erster Linie Gegengewalt und Eskalation statt Sympathie und Empathie. Detroit beschreibt, wie eine Situation, eine Gesellschaft eskaliert, wie die Genese der explodierenden Gewalt verläuft, ohne für sich Allwissenheit zu beanspruchen. In der Zurückhaltung des Films gegenüber seinem Thema ist die soziologische Kontextualisierung eine von vielen möglichen Erklärungen. Nicht weniger wahr als andere aber auch nicht mehr.

Das Splitten der narrativen Perspektive zwischen verschiedenen Figuren unterstreicht diese Distanz zwischen Filmemacherin und Thema, die sich in eine Unmittelbarkeit zwischen Publikum und Film verwandelt. Das Drehbuch von Mark Boal folgt einer ungewohnten dramaturgischen Linie: Eine ausführliche Exposition führt weniger Figuren als das historische Setting ein und verankert die Zuschauenden fest an Ort und Zeit, vor allem aber in Atmosphäre und Stimmung. Chaos ist das oberste Prinzip, das Narration, Handkamera und Schnitt verfolgen. Den roten Handlungsfaden, etwas woran wir uns festhalten können, suchen wir lange vergebens. Und dann plötzlich scheint alles Sinn zu ergeben: Darauf will all das hinaus, auf die Zusammenkunft der verschiedenen jeweils nur kurz begleiteten Figuren im schicksalhaften historischen Moment im Hotel Algiers, der unerträgliche Intensität entwickelt, als wären es wir, die an der Wand stehen, mit Gewehren bedroht werden, der Willkür entfesselter, sadistischer Polizisten ausgesetzt sind. Angst fesselt uns an den Kinositz, macht uns handlungsunfähig, ähnlich wie die Leinwandfiguren, die – wie mit Klebstoff fixiert oder zu Salzsäulen erstarrt – selbst dann nicht fliehen können, wenn sich die Möglichkeit bietet. Flucht kommt für uns ebenso wenig in Frage, als würde uns ein_e Platzanweiser_in bei diesem Versuch hinterrücks erschießen. Und so rast der Mittelteil des Films an uns vorbei und ist doch unerträglich lang. Aber wir vergessen, dass wir im Kino sind, dass wir hinausgehen könnten, wenn wir wollten. Weil Bigelow uns kein Entrinnen und Entkommen gönnt. Wir müssen da durch. Keine Gnade. Für niemanden.

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Auch die Auflösung der Geschichte will uns diese Gnade nicht geben, keine Genugtuung schaffen. Kein kathartischer Pathos, der uns den Sieg der Gerechtigkeit vorgaukelt, der impliziert, dass die Guten mit Heldentum belohnt würden. Aber es geht eben nicht um Gut und Schlecht, genauso wenig wie es um Schwarz und Weiß geht. Weil jede_r ein Arschloch und jede_r ein guter Mensch sein kann. Und weil niemand entscheiden kann, wer wer ist – auch nicht und schon gar nicht die Regisseurin, die hier nur eine Geschichte erzählen will, mit der größtmöglichen Demut vor der Komplexität der Realität. Es gibt keinen Frieden in der Trauer um die Opfer oder im Feiern der Held_innen, stattdessen müssen wir uns damit abfinden, dass die Welt ist wie sie ist: Oft erschreckend, zum Fürchten, zum Schreien, zum Heulen, zum Verrücktwerden.

Keine (Auf)Lösung, nur Chaos, aber eben auch keine Attacke auf die Tränendrüse. Detroit packt uns stattdessen tief in der Magengrube, wo der Film ein zentnerschweres Gewicht platziert, eben jenes, das uns in den Sitz drückt und da verharren lässt, auch wenn schon der Abspann läuft. Weil wir wissen, dass es kein Entkommen gibt. Nicht vor dem Leben und nicht vor diesem Film.

Kinostart: 23. November 2017

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