Der Blockbuster-Check: Ant-Man

Weil der Bechdel-Test zwar ziemlich cool ist, aber dennoch manchmal zu kurz greift, nehme ich im Blockbuster-Check fortan Mainstream-Filme hinsichtlich einzelner Elemente kritisch unter die Lupe.

© Disney

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Held_innen

Ohne große Vorrede kommen wir hier direkt zum sexistischen Kern des neuesten Marvel-Streichs: Ant-Man hat keine weibliche Heldin. Stattdessen präsentiert der Film mit „Hope“ (Evangeline Lilly) eine Frau, deren Name zwar die Bedeutung der Figur für das Wohl der Menschheit suggeriert, die sich jedoch in vollkommener Abhängigkeit von den männlichen Charakteren maximal als verlängerter Arm derselben und mitnichten als selbstbestimmte Akteurin beschreiben lässt.

Obwohl Hope sowohl klug als auch „schlagfertig“ ist (es ist tatsächlich sie, die den Ant-Man in die Kunst des Nahkampfes einführt), darf sie ausschließlich die Rolle des Lockvogels spielen. Sie ist also weder durch ihren Intellekt noch durch ihre körperliche Kraft und martialische Bewegungsbegabung definiert, sondern einzig über ihre sexuelle Anziehungskraft. Geradezu haarsträubend ist dabei der Umstand, dass die patriarchale Restriktion von Seiten ihres Vaters (Michael Douglas als Dr. Pym) als liebevolle Fürsorge getarnt wird. Hope darf nicht selbst in den Superhelden-Anzug steigen, da dies zu gefährlich sei. Liebe Patriarchen: Es geht nicht darum, wie gefährlich das Leben als Superheldin tatsächlich ist oder sein könnte, sondern einzig allein darum, dass auch eine Frau das Recht haben muss, selbst über die Risiken ihres Lebens zu entscheiden. Verdammt noch mal!

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Statt Hope also eine eigene Agenda oder auch einfach nur die Regie über das eigene Leben zu geben, wird sie von einer männlichen Hand in die andere gereicht, was bereits durch den Satz „She is in good hands“, der ihren ersten Auftritt subsummiert, mit dreister sexistischer Deutlichkeit postuliert wird. Hope kann nicht für sich selbst stehen, sondern ausschließlich an der Seite eines – übrigens ausschließlich weißen und angelsächsischen – Mannes, egal ob es sich dabei um Bösewicht Darren Cross (Corey Stoll), ihren Vater oder den Ant-Man (Paul Rudd) handelt.

Tatsächlich gibt es einen winzigen Bezug zu einer tatsächlichen Heldin, den ich hier aus Spoiler-Gründen jedoch nicht näher beleuchten möchte. Der Satz „She made her choice“ markiert eben jene Entscheidungsfreiheit, die Hope versagt wird, denn Frauen – so erzählt uns hier das Hollywoodkino zum millionsten Mal – dürfen einfach keine Märtyrerinnen sein.

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Gegenspieler_innen

Wie auch in Terminator: Genisys gibt es auf der Seite des Bösen keine Frauen. Denn Frauen sind ja gut. Darren Cross heißt hier der fehlgeleitete männliche Zögling Dr. Pyms. Er ist der Sohn, den der Wissenschaftler nie hatte und immer haben wollte. (Warum Pym nicht einfach seine Tochter entsprechend fördern konnte, bleibt übrigens völlig unklar. Vielleicht weil Frauen einfach dumm sind….) Freilich sind auch die bösen Militärs, die Darren Cross’ Erfindung für teuer Geld kaufen und gegen die Menschheit richten wollen, ausschließlich männlichen Geschlechts.

Mit viel gutem Willen könnten wir noch die Ex-Frau des Ant-Mans, Maggie (Judy Greer), als Gegenspielerin interpretieren, untersagt sie doch dem rechtschaffenen Helden bösartiger Weise den Kontakt zur gemeinsamen Tochter Cassie (Abby Ryder Fortson) und verkörpert damit ganz klar das Klischee der „grundlos böshaften Ex“. Leider schenkt das Drehbuch ihr kaum Dialog und keinerlei dramaturgische Macht. Doch dazu später mehr.

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Geschlechterrollen allgemein

Ant-Man ist im Kern ein Film über das Drama des Mannes im 21. Jahrhundert. Wir sollen Mitleid für Scott alias Ant-Man empfinden, dem auf Grund seiner kriminellen Vorgeschichte der Kontakt zur eigenen Tochter verwehrt wird. Aber mal ehrlich: Wenn mein_e Partner_in das Wohl unserer Familie durch ungesetzliche Handlungen gefährden würde, wäre ich auch nicht sonderlich begeistert. Und dann wäre da noch Dr. Pym, der seiner Tochter zwar die Förderung vorenthalten hat und ihr noch heute auf Grund ihres Geschlechts das Heldentum versagt, für dessen problematisches Vater-Tochter-Verhältnis wir aber trotzdem nicht nur Verständnis, sondern auch Mitleid aufbringen sollen. Häh?

So wie der Ant-Man im Grunde weniger um die Rettung der Menschheit als um das Sorgerecht für seine Tochter kämpft („oh, der Moderne Vater, wie toll!“…), geht es für Dr. Pym auch um die ersehnte Versöhnung mit Hope, wobei er bis zum Ende (unbedingt den Abspann sehen!) nicht realisiert, dass er nicht das Recht hat, über das Leben seiner Tochter zu entscheiden und dass sein als liebevoller Schutz getarntes Hardcore-Patriarchat ein absolutes Armutszeugnis darstellt.

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In der Welt von Ant-Man sind Frauen schwach, hilflos und auf die Unterstützung der Männer angewiesen. Sie haben keine individuelle Agenda, keinen Einfluss auf die Haupthandlung und ebenso wenig auf das eigene Leben. Die Männer kämpfen derweil um ihr Recht auf Liebe und Familie – ein Recht, das ihnen von einer fiesen, überemanzipierten Gesellschaft vorenthalten wird. Willkommen im 19. Jahrhundert.

Dresscode und Sexappeal

Dies ist wohl die einzige Kategorie, in der Ant-Man punkten kann. So passiv Hope auch auftritt, so wenig wird ihr Körper visuell ausgestellt. Stattdessen dürfen wir durch ihre Augen einmal lüstern auf Paul Rudds Sixpack glotzen. Die Unschuld hinsichtlich Kostüm und Nacktaufnahmen ist aber wohl auf die Familientauglichkeit des Konzepts zurückzuführen (Ant-Man ist zwar wie alle Superheldenstorys aus dem Hause Disney zwar ein recht brutaler, zugleich aber auch immens unkörperlicher und asexueller Film) und tröstet nicht einmal im Ansatz über die übrigen Schwachstellen hinweg.

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Dramaturgie

Ant-Man scheitert auf ganzer Linie daran, den weiblichen Figuren strukturelle Macht zu verleihen. Keine der Frauen hat tatsächlich einen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte. Sowohl Hope als auch Maggie bleiben passiv, reagieren ausschließlich auf die Handlungen von Vätern, Partnern, Exmännern und Konsorten, ohne jemals selbst proaktiv voranzuschreiten. Maggies Funktion beschränkt sich alleinig darauf, Scott/Ant-Man zum tragischen Helden zu machen, doch bleibt ihr Charakter derart eindimensional, dass hier nicht von einer Agenda die Rede sein kann. Die Vernachlässigung der Figur sticht insbesondere im Vergleich mit Maggies Partner Paxton (Bobby Cannavale) ins Auge, der als Cop und Konkurrent um den Besitz „Frau und Kind“ zum aktiven Gegenspieler des Helden wird.

Hope ist wie oben erwähnt lediglich eine Marionette ihres Vaters, folgt brav seinen Anweisungen, ohne jemals in Frage zu stellen, das ihre eigene Agenda erst durch einen Mann abgesegnet werden muss.

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Botschaft

Der Film zementiert ein vollkommen gestriges Frauenbild, während er die sensible Vaterfigur als tragischen Stellvertreter für den modernen Mann unkritisch überhöht. Oder anders gesagt:

Hört doch mal auf über Misogynie und Alltagssexismus zu debattieren und kümmert euch endlich mal um die Belange der armen weißen, heterosexuellen Männer!

Gesamtwertung: 1

von 0 (Sexistische Kackscheiße) bis 10 (Emanzipatorisch Wertvoll)

Kinostart: 23. Juli 2015

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