Las Insoladas – „Hugo-Frauen“ in Argentinien

Es gibt da diesen weiblichen Typ, den ich – zugegebener Maßen recht gehässiger Weise – als „Hugo-Frau“ bezeichne. „Hugo-Frauen“ treffen sich in meiner Vorstellung am Freitagabend mit ihren Freundinnen in einer vermeintlich schicken, aber im Grunde austauschbar-geschmacklos und steril eingerichteten Cocktailbar, um – genau – gemeinsam einen Hugo zu trinken. Währenddessen reden sie dann über ihr Fitnessstudio, die letzte Diät, welche Farben diesen Sommer in sind, die letzte RomCom, die sie im Kino gesehen haben, und das Geschenk des Gatten zum letzten Hochzeitstag (Parfüm, Schmuck, Blumen – was das „Hugo-Frauen“-Herz eben begehrt). Ich stelle mir vor, dass die „Hugo-Frau“ ein einfacheres Leben hat als ich. Sie denkt nicht über Feminismus nach, stellt ihre Rolle in der Gesellschaft ebenso wenig wie ihre Geschlechtsidentität in Frage. Politik und Wirtschaft sind Männerkram und ihre Beschäftigung mit sozialer Gerechtigkeit beschränkt sich auf die SOS-Kinderdorf-Patenschaft, dessen_deren Empfänger_in sie alljährlich zum Weihnachtsfest eine Karte schreibt. Ich stelle mir auch deshalb vor, dass sie es einfacher hat, weil sie einem ungefährlichen Weiblichkeitstyp entspricht, der Männer nicht beängstigt oder herausfordert, sondern ihnen ermöglicht, es sich in der privilegierten Rolle gemütlich zu machen, die unsere Gesellschaft in den letzten 100 bis 200 Jahren für sie konstruiert hat.

© Real Fiction

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Wie Las Insoladas von Gustavo Taretto beweist, gibt es „Hugo-Frauen“ auch in Argentinien, wenn sie hier auch Cuba Libre trinken. Oder anders formuliert: Die männliche Sehnsucht nach „Hugo-Frauen“ ist international. Sein Film zeigt eine Gruppe von Freundinnen, die es sich an einem heißen Tag im argentinischen Sommer auf den Dächern von Buenos Aires gemütlich machen, um sich für den anstehenden Salsa-Auftritt angemessen zu bräunen. In Bonbon-Farben glänzen die haarlosen Körper vor der grau-weißen Stadtkulisse und bieten dem männlichen Auge jede Menge wohlgefälligen visuellen Inputs.

Es ist hoch interessant, wie sich Gustavo Taretto als Mann so einen Frauentag in der Sonne vorstellt. Da werden Nägel lackiert und Augenbrauen gezupft, wild über Sexgeschichten gekichert (das Wort „Analsex“ darf als solches nicht ausgesprochen werden, denn welche Frau tut das schon…), eifrig gelästert und von einem gemeinsamen Urlaub in Kuba geträumt. Was laut Regisseur ein universelles Bild von naiver Sehnsucht sein soll, entpuppt sich als fieses „Hugo-Frauen“-Klischee.

© Real Fiction

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Immerhin zwei der nicht nur charakterlich, sondern auch äußerlich austauschbaren Frauen, haben so etwas wie Persönlichkeit. Diese ist jedoch derart nach Reißbrett konstruiert, als habe Herr Taretto diese Spezies noch nie selbst erlebt, sondern müsse sich auf Sekundärliteratur berufen. Die einzige Studentin (Fach Psychologie) ist selbstredend eine Hippie-Frau, wenn auch recht pseudo, denn bis auf Therapien von Farbenergien kann sie nur wenig Inhaltliches zu den Gespräch beisteuern. Sie fungiert hier offenbar als der intellektuelle Typ, dem ein Bilderbuch-Dummchen entgegengestellt wird. Dieses ist natürlich auffallend attraktiv und als einzige der Anwesenden nicht abgeneigt, ihre finanziellen Nöte durch einen Pornodreh zu bewältigen.

Denn der gemeinsame Traum vom Kuba-Urlaub droht an den kleinen Budgets der Protagonistinnen zu scheitern. Wie aber nun zu Geld kommen? Da kann es ja für eine Frau nur zwei Möglichkeiten geben: Als Pornodarstellerin anzufangen oder den anstehenden Tanzwettbewerb zu gewinnen. Spätestens wenn das Dummchen für ihre Pornobereitschaft als Heldin der Gruppe gefeiert wird, hat Las Insoladas seinen sexistischen Tiefpunkt erreicht.

© Real Fiction

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Warum mich das ärgert? Das Regiestatement spricht von „Mädchen“, obwohl alle Figuren – und das gehört zu den wenigen positiven Aspekten der Inszenierung – deutlich als Frauen fortgeschrittenen Alters zu erkennen sind. Doch spiegelt sich in dieser Verniedlichung seitens Gustavo Tarettos auch der Umgang mit sein Protagonistinnen wider. Sie sind austauschbare weibliche Wesen, deren Gespräche letztlich hohl und nichtig sind und deren einziger Traum in einem All Inclusive Urlaub in Kuba besteht. Statt ihres Intellekts bleibt ihnen als Weg zum Ziel nur der Körper, wie auch der Film sie vornehmlich als anonyme Körper in Szene setzt. Schöne, attraktive Körper, an denen der Schweiß auf grazile Weise abperlt. Keine hochroten Gesichter, keine unrasierten Beine, kein nennenswertes „Übergewicht“ – lauter schöne, ansehnliche Frauen, die hier durch die vermeintliche Bandbreite (von intellektuell bis dumm) suggerieren, die weibliche Spezies komplett abzubilden. Doch handelt es sich hier nicht einmal im Ansatz um realistische Frauenbilder, sondern um ein patriarchales und vor allem künstliches Ideal, das meinen – natürlich ebenfalls vollkommen eindimensional entworfenen – „Hugo-Frauen“ erschreckend gleichkommt.

Allein: Ich würde keinen Film über „Hugo-Frauen“ drehen. Denn mir ist bewusst, dass ich sie nur als Gegengewicht zu meinem queer-feministischen Ego konstruiert habe. Sie sind nicht real. Sie sind das Bild, von dem der patriarchale (und damit überwiegendere) Teil der zeitgenössischen Gesellschaft sich wünscht, es sei “typisch weiblich”. Las Insoladas lädt mit einem gebleachten und Lippenstift-verzierten Lächeln dazu ein: “Komm, werde auch Du eine ‘Frau-Frau’. Dann kannst auch Du politische Gespräche guten Gewissens im Keim ersticken und weiter von einer Maniküre-Karriere träumen.”

Aber ich bin keine “Hugo-Frau”, werde nie eine sein. Darauf bin ich sehr stolz. Seid ihr es auch!

Kinostart: 30. Juli 2015

Sophie Charlotte Rieger
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