Veronica Mars könnte auch Dein Leben verändern!

© Warner

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Ich wusste eigentlich nichts über Veronica Mars. Fast nichts. Ich wusste, dass es eine Serie mit einer beträchtlichen Fan-Base gibt. Ich wusste, dass der auf der Serie basierende Kinofilm von den Fans in einer legendären Crowdfunding-Aktion finanziert wurde. Ich wusste, dass es um eine jugendliche Detektivin geht. Aber ich wusste nicht, dass Veronica Mars mein Leben verändern würde.

Nun interessiert ihr euch natürlich nicht für mein Leben, sondern für den Film. Aber ich will euch trotzdem kurz etwas über mich erzählen, weil es erklären wird, warum mich Veronica Mars gerade jetzt und heute derart begeistert hat. Seit nunmehr zwei Jahren arbeite ich als freie Journalistin, mal mit mehr, mal mit weniger Elan. Seit kurzem bin ich von den niedrigen Honoraren und den Konflikten mit Kolleg_innen und Auftraggeber_innen so ausgelaugt, dass ich mir erstmals vorstellen kann, meinen Beruf an den Nagel zu hängen und etwas anderes zu machen. In Berlin werden gerade händeringend Lehrer_innen gesucht. Und warum nicht? Ich habe lange in der Kinder- und Jugendarbeit gejobbt, viel Nachhilfe gegeben und bin Theaterpädagogin. Ein festes und vor allem solides Gehalt, ein unbefristeter Vertrag – das wäre doch toll!

Veronica Mars (Kristen Bell) geht es ebenso. Als Jugendliche hat sie ihrem Vater in seiner Detektivagentur ausgeholfen. Das war zermürbend – auch auf der Beziehungsebene, denn nicht jede Freund_innenschaft trägt einen solchen Nebenjob. Auch ihre Liebe zu Logan (Jason Dohring) zerbrach schließlich an ihrer ungewöhnlichen Tätigkeit. Nun ist Veronica erwachsen, hat ihr Studium erfolgreich abgeschlossen und steht in den Startlöchern zu einem neuen Leben, mit einem soliden Job in einer Kanzlei in New York und einer Beziehung, die sie als Drama-freie Zone genießt. Als sie erfährt, dass Logan des Mordes an seiner Freundin verdächtigt wird, erklärt sich Veronica bereit, nur für ein paar Tage in ihre alte Heimat nach Kalifornien zu fliegen, um ihm zu Seite zu stehen. Aber natürlich kann sie nicht wegsehen, als sich ein Geflecht aus Korruption und Lügen vor ihr auftut und so schlüpft Veronica in die alte Klamotte und nimmt ihren Kampf gegen Ungerechtigkeit und das Verbrechen wieder auf.

Die größte Hürde, die der Film Veronica Mars zu nehmen hat, ist der Zugang zu einem breiten Publikum. Fans werden ohnehin ins Kino rennen, dürsten sie doch nach einem Wiedersehen mit den liebgewonnen Charakteren, von denen die Verfilmung nur so wimmelt. Aber funktioniert die Kinoversion auch für Leute, die die Serie nicht kennen? Ja, das tut sie. Zugegeben, die Flut an Charakteren droht einen zu erschlagen und das Intro übertreibt es ein wenig mit der Einführung in die Geschichte, hinterlässt einen verwirrter als dies ein direkter Einstieg in die Handlung getan hätte. Doch es gelingt dem Team um Regisseur Rob Thomas, uns Veronica und ihre Freund_innen umgehend ans Herz wachsen zu lassen. Mit einem bissigen Humor, der sehr organisch aus den Charakteren entwickelt wird, weiß das Konzept zu unterhalten. Mit einem soliden Drehbuch kann der Film Spannung erzeugen und uns schließlich, wie jeder gelungene Krimi, überraschen. Der Cast trumpft mit einem bekannten Gesicht nach dem anderen auf und selbst James Franco kann sich einen selbstironischen Gastauftritt nicht verkneifen.

Wie dieser Cameo wirkt auch Veronica Mars als Gesamtwerk gerade deshalb so sympathisch, weil sich der Film nicht unnötig ernst nimmt. Die Handlung kreist um einen gesellschaftlich völlig irrelevanten Mordfall. Veronica Mars rettet nicht die Welt, sondern einen Freund. Themen wie Korruption und willkürliche Polizeigewalt werden zwar durchaus zur Sprache gebracht, jedoch niemals in Verbindung mit einem moralischen Zeigefinger. Der Film ist sich seiner abenteuerlichen Prämisse bewusst und kommentiert sich durch das Voice Over der Heldin in den ersten Minuten in dieser Hinsicht sogar selbst. Trotz gelungener Gags ist Veronica Mars aber keine Klamotte, auch wenn mir die Darstellung der bösartigen Highschool-Hackordnung dann doch etwas übertrieben erschien.

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Das Beste an Veronica Mars jedoch ist Veronica Mars, eine Frau, die sich von nichts und niemandem unterkriegen lässt, die mit frechen Sprüchen auf dummdreiste Kerle reagiert und sich stets durchzusetzen weiß. Im Gegensatz zur cleveren Frontfrau dieses Films wirkt ein Großteil des männlichen Casts wie eine Knalltütenparade. Veronica schreckt vor den Aufgaben des Lebens nicht zurück. Sie ist fleißig und erfolgreich, vor allem aber mutig genug, sich unbeliebt zu machen und den harten statt den leichten Weg zu nehmen. Damit ist sie eine weibliche Identifikationsfigur, wie ich sie in meinem Leben ganz offensichtlich zu selten gesehen habe. Ich, die ich immer an mir zweifle, die vor lauter Angst zu scheitern viele Sachen nicht einmal angeht. Ich, die erwägt, einen Herzensberuf für einen familientauglichen Job aufzugeben.

Trotz allen Lobes befürchte ich, dass die Besucher_innenmassen ausbleiben werden. Veronica Mars ist eben doch nur einem recht kleinen Publikum bekannt und Kriminalplots eignen sich nur bedingt für die große Leinwand. Das ist bedauerlich, denn jede junge Frau sollte Veronica Mars gesehen haben und die Chance bekommen, sich ein Idol auszuwählen, das für Selbstverwirklichung statt für romantische Ideale steht. Nicht, weil Veronica kein Liebesleben hätte. Das Wiedersehen mit der ersten großen Liebe und die damit verbundenen emotionalen Verwicklungen sind ein zentrales und wichtiges Thema des Films. Sondern weil sich Veronica Mars von diesem Liebesleben nicht abhängig macht und weil sie Ideale hat, für die sie bereit ist, auf Sicherheit zu pfeifen und Risiken anzugehen.

Vielleicht ist es für mich noch nicht zu spät. Ich habe jedenfalls große Lust bekommen, mir die Serie doch noch anzusehen. Vielleicht fasse ich ja dann auch neuen Mut. Vielleicht aber werde ich trotzdem Lehrerin, dann aber nicht als Notlösung oder als Sicherheitsvariante, sondern mit dem Ziel, Mädchen mit Idolen wie Veronica Mars auszustatten. Ich bin mir sicher, sie fände das gut.

Kinostart: 13. März 2014

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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