Tove

Mit den Mumins, nilpferdartigen kleinen Trollen, die Abenteuer erleben, sind Generationen von Kindern aufgewachsen. Erschaffen hat sie die finnlandschwedische Autorin, Künstlerin und Illustratorin Tove Jansson, die 1914 in Helsinki zur Welt kam. In zahlreichen Romanen, Bilderbüchern und Comics leben die Mumins bis heute fort. Tove Janssons Werdegang nimmt die finnische Regisseurin Zaida Bergroth (Miami, Maria’s Paradise, Last Cowboy Standing) in ihrem fünften Spielfilm, dem Biopic Tove, nach einem Drehbuch von Eeva Putro in den Blick und konzentriert sich auf Tove Janssons spannendes Leben in den Vierziger- und Fünfzigerjahren.

Die Filmhandlung setzt 1944 ein. Die bildende Künstlerin Tove (Alma Pöysti) träumt in ihrer Heimat Helsinki davon, sich mit ihren Gemälden, Selbstporträts und Wandmalereien einen Namen zu machen. Eher nebenbei zeichnet sie die Mumin-Geschichten, die ihr Vater Viktor Jansson, ein renommierter Bildhauer, kritisch beäugt und abwertend kommentiert. Ihre Mutter Signe Hammarsten-Jansson, eine bekannte Grafikerin, unterstützt ihre Tochter dagegen. Doch Tove ist ein Freigeist. Die junge Frau, die eine offene Beziehung mit dem verheirateten sozialistischen Politiker Atos Wirtanen (Shanti Roney) führt, raucht, trinkt und feiert gern und tanzt durchs Leben – und sie sagt, was sie denkt: „Ich glaube, dass das Leben ein wunderbares Abenteuer ist. Und wir sollten alle seine Formen und Verzierungen erforschen.“

© Salzgeber

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Bei einer Abendveranstaltung im Haus des Bürgermeisters verliebt sich Tove Hals über Kopf in dessen Tochter Vivica Bandler (Krista Kosonen, spielte die Hauptrolle in Zaida Bergroths Miami), die als Theaterregisseurin tätig ist. Zwischen Tove und Vivica entwickelt sich zuerst eine lose Liebesaffäre und später auch eine künstlerische Zusammenarbeit, als Vivica eine Mumin-Geschichte fürs Theater adaptiert. Vivica ist diejenige, die das Besondere an Toves Mumin-Zeichnungen erkennt und sie ermutigt, mehr daraus zu machen. Durch die Mumins avanciert Tove bald zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen Skandinaviens. Doch nach einer Weile muss Tove schmerzlich erkennen, dass sie für die verheiratete Vivica nicht die Einzige ist: Vivica liebt nicht nur die Pariser Bohème, sondern immer wieder auch andere Frauen. 

Vielseitig, frei und unkonventionell

Episodenhaft erzählt Zaida Bergroth in Tove von einer vielseitigen, freien und unkonventionellen Künstlerin, die in einer Zeit, in der queere Menschen vielen Repressalien ausgesetzt waren, ganz selbstverständlich Beziehungen zu Männern und Frauen führt. Großartig stellt Alma Pöysti, deren optische Ähnlichkeit zu Tove Jansson ins Auge fällt, die Figur der Tove dar, die zugleich die erste Hauptrolle in einem Spielfilm für die Theater- und Filmschauspielerin und Sprecherin aus Helsinki ist. Ihre Tove wirkt so mutig, energiegeladen, aufgeweckt und kritisch wie zart und verletzlich. Die Zuschauer:innen erleben Tove beim Holzhacken, beim Zeichnen und Malen in ihrem sorgfältig in Szene gesetzten Atelier, aber auch in Liebesszenen – mit Atos und Vivica. Immer hat Alma Pöystis Tove etwas Kindlich-Verspieltes, Gelassenes und Optimistisches, zeichnet sich aber auch durch eine auffallende Durchsetzungsstärke und Unabhängigkeit aus. 

© Salzgeber

Tove ist die Geschichte einer Frau, die selbstsicher und kompromisslos mit den Konventionen ihrer Zeit bricht. Immer wieder bindet Zaida Bergroth Tanzszenen in den Film ein, die das Bild von Tove bekräftigen: Sie lebt ihr Leben auf leidenschaftliche, zügellose, kluge und unkonventionelle Weise. Dazu passen die mitreißende, treibende Musik, die unter anderem von Benny Goodman, Édith Piaf und Josephine Baker stammt, und das überzeugende Produktionsdesign von Catharina Nyqvist Ehrnrooth, die zahlreiche Zeichnungen und Gemälde der Künstlerin in den Film einbindet. In Finnland feierten Zaida Bergroth und ihr Team große Erfolge mit Tove, der beim finnischen Filmpreis Jussi 2021 gleich in sieben Kategorien Preise gewann, darunter „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Beste Hauptdarstellerin“. 2021 ging Tove für Finnland ins Rennen um den Oscar.

Tove Jansson neu entdecken 

Auch wenn die Welt Tove Jansson, die 2001 in ihrer Geburtsstadt Helsinki verstarb, vor allem mit den kleinen, nilpferdartigen und abenteuerlustigen Trollen aus den Mumin-Comics in Verbindung bringt, die zunächst in der schwedischsprachigen Zeitung Ny Tid und schließlich in 120 Zeitungen auf der ganzen Welt und in mehr als 40 Sprachen erschienen, steckt hinter deren inspirierender Schöpferin so viel mehr. Die vielseitig begabte Tove Jansson verfasste Romane für Erwachsene, malte, schuf Skulpturen, bezog als politische Illustratorin und Karikaturistin Stellung gegen die Nazis und galt als überzeugte Pazifistin. Sie illustrierte nicht nur ihre eigenen Romane, sondern auch Ausgaben von J. R. R. Tolkiens Der Hobbit und Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Zaida Bergroths berührender, emanzipatorisch wertvoller Film macht große Lust darauf, Tove Janssons vielschichtiges Werk neu zu entdecken. Auf einer alten Videoaufnahme bekommt das Filmpublikum schließlich sogar Tove Jansson höchstpersönlich zu sehen – tanzend, natürlich.

Kinostart: 24.03.2022

Autor

  • Stefanie Borowsky hat Romanische Philologie mit den Schwerpunkten Spanische und Französische Literaturwissenschaften und Psychologie studiert und sich schon im Studium gern mit spanisch- und französischsprachigem Film befasst. Als freie Autorin schreibt sie für Indiekino und Berliner Filmfestivals und liebt Coming-of-Age-Geschichten und fantasievolle Kurzfilme aus aller Welt – selbstverständlich mit spannenden Frauenfiguren.

Stefanie Borowsky
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