Queertactics #6: Eine queere Reise um die Welt

Vom 12. bis 16. November fand die 6. Ausgabe des österreichischen queeren Filmfestivals QUEERTACTICS statt. Die Mission des Festivals ist es, neue und mutige Perspektiven queerer und queer_feministischer Filmschaffender nach Wien zu bringen. Insgesamt 1046 Besucher*innen konnte das Festival in diesem Jahr verzeichnen. In 15 sorgfältig kuratierten Programmen, die überwiegend Österreichpremieren waren, bot das Festival Spielfilme, Dokumentationen und Kurzfilme sowie anregende Gespräche mit internationalen Gästen.

So divers wie die Filmschaffenden beim Festival wollte ich auch die Auswahl der Filme in der Kritik gestalten. Bouchra von Orian Barki und Meriem Bennani erzählt eine Einwander*innengeschichte zwischen New York und Marokko. Manok von Lee Yujin zeigt eine inspirierende Geschichte über queere Gemeinschaft in Südkorea. Tchindas von Pablo García Perez de Lara und Marc Serena entführt in den farbenfrohen Karneval auf São Vicente, Kap Verde. No Puedo Tener Sexo (I Can’t have Sex) der Argentinierin Bel Gatti setzt sich filmisch mit den Herausforderungen der eigenen Sexualität auseinander.

Achtung: Dieser Artikel enthält Spoiler.___STEADY_PAYWALL___

© 2 Lizards

Bouchra von Orian Barki und Meriem Bennani

Der Film Bouchra nimmt uns mit auf die spannende Reise einer jungen lesbischen Kojotin, die als marokkanische Filmemacherin in New York ein Leben abseits ihrer Familie bestreitet. Neun Jahre nach dem ersten Coming-out-Versuch vor ihren Eltern löst ein Gespräch mit Bouchras Mutter viele Gefühle in ihr aus. Sie entschließt sich, ihre Mutter erneut zu konfrontieren. Bouchra begibt sich auf eine Reise in ihre eigene queere Geschichte.

Zuschauer*innen tauchen in eine Welt aus anthropomorphen Tieren und ausgefallenen Animationen ein, die sich vor realen Orten abspielen. Die synchronisierten Dialoge wirken wie aus dem echten Leben, sodass die Grenzen zwischen Fantasie und Realität verschwimmen. Intime und erotische Lebensmomente werden zärtlich dargestellt, was speziell für die Furry-Community sehenswert ist. 

Bouchra ist ein Projekt der Regisseur*innen Orian Barki und Meriem Bennani und erzählt eine aufrichtige sowie sehr persönliche Geschichte, die tief in Bouchras Schmerz eintaucht und zugleich die Stärke hervorhebt, die im Festhalten an der eigenen Identität liegt. Die Animationen sind fantasievoll und visuell eindrucksvoll: ihre teils stark surreale und dunkle Gestaltung kann jedoch gelegentlich etwas fordernd wirken, zugleich verleiht genau diese künstlerische Entscheidung dem Werk eine besondere, vielschichtige Atmosphäre.

© Queertactics

Manok von Lee Yujin

Manok (Yang Mal Bok) ist Besitzerin einer lesbischen Bar und ein etabliertes Mitglied der LGBTQIA+-Community in Seoul. Als Manok erfährt, dass die diesjährige Pride-Afterparty nicht bei ihr gefeiert wird, fühlt sie sich von ihrer eigenen Gemeinschaft betrogen und zieht zurück in ihr abgeschiedenes Heimatdorf. Dort entscheidet sie sich kurzerhand, gegen ihren Ex-Mann (Park Wan Kyu) als neue Bürgermeisterin zu kandidieren. Der Wahlkampf entwickelt sich zu einer absurden, aber auch humorvollen Auseinandersetzung zwischen konservativen Fundamentalist*innen und Manoks Unterstützer*innen.

Mit Manok legt Regisseurin Lee Yujin ihren ersten Spielfilm vor und eröffnet einen warmherzigen Einblick in Südkoreas Rainbow-Community und deren alltägliche Lebensrealitäten. Mit viel Humor und einer guten Portion koreanischem Drama erzählt Yujin eine Geschichte, die kraftvolle Gemeinschaft und Solidarität angesichts von Marginalisierung hervorhebt. Der Film trägt deutlich theatralische Züge, was sich gelegentlich in etwas überdramatischen Performances widerspiegelt – eine stilistische Entscheidung, die nicht immer subtil ist, dem Werk jedoch seinen charmanten, lebendigen Ton verleiht. Manok richtet sich an alle, die wieder einmal herzlich lachen möchten und neugierig darauf sind, was es bedeutet, in Südkorea queer zu sein.

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Tchindas von Pablo García Perez de Lara und Marc Serena

São Vicente, Kap Verde, eine sonnengetränkte Insel inmitten des Atlantiks. Hier hat eine Sache ganz besondere Bedeutung der Karneval. Tchindas taucht ein in dieses bunte Spektakel, das speziell für die queere Community für Zugehörigkeit, Ausdruckskraft und Widerstand steht. Im Zentrum dieses lebhaften Dokumentarfilms steht Tchinda Andrade, eine geschätzte trans Frau, die ihr Umfeld seit ihrem Coming-out im Jahr 1998 nachhaltig geprägt hat. Der Name Tchindas gilt auf der Insel als Inbegriff queeren Selbstbewusstseins. Neben Tchindas lernen Zuschauer*innen aber auch andere Community-Mitglieder näher kennen Edinha Pitanga und Elvis Tolention. Hautnahe Kameraeinstellungen folgen der Gruppe durch intensive Wochen der Karnevalsvorbereitungen, teilweise bis spät in die Nacht.

Tchindas ist ausdrucksstark und verzichtet bewusst auf erklärende Off-Stimmen oder klassische Interviews, stattdessen setzt er auf Nähe und Atmosphäre. Diese sehr stimmungsvolle Herangehensweise erzeugt eine intensive emotionale Wirkung, lässt aber gleichzeitig offen, welche Themen und Herausforderungen die queere Community darüber hinaus bewegen. Zwischen selbstgemachten Kostümen aus Glitzer und Fantasie entfaltet sich dennoch ein lebendiges Porträt einer Gemeinschaft, die von queerer Lebensfreude, Kreativität und solidarischem Miteinander geprägt ist.

© Queertactics

No Puedo Tener Sexo (I Can’t have Sex) von Bel Gatti 

No Puedo Tener Sexo ist ein persönliches und einfühlsames Selbstporträt der Argentinierin Bel Gatti,  Schauspielerin, Drag-King-Performerin und Babysitter, die seit vier Jahren keinen Sex mehr hatte. Angeregt durch therapeutische Gespräche nutzt Gatti tagebuchartige Aufnahmen, offene Selbstreflexion und Humor, um den Hintergründen ihrer Blockade nachzugehen und zugleich ihr komplexes Verhältnis zu ihrer Mutter zu beleuchten.

Die überwiegend selbst gefilmten Szenen in No Puedo Tener Sexo verleihen dem Werk eine bewusst intime DIY-Ästhetik, machen das Erlebnis aber stellenweise etwas überstilisiert. Dennoch entsteht durch den kreativen Einsatz von Sexspielzeug, Anklängen an die griechische Tragödie und spielerischen Formen der Selbsterkundung ein sensibles Porträt, in welchem Gatti ihre Verletzlichkeit sichtbar macht und Fragen zu Intimität, persönlicher Entwicklung und Selbstfindung neugierig auslotet.


 

© privat

Gast-Löw*in:

Isabel Lutz ist freiberufliche Filmschaffende. Isabels Engagement gilt insbesondere der Förderung von FLINTA-Perspektiven sowie der Auseinandersetzung mit Themen wie Konsens und psychischer Gesundheit innerhalb der Medienbranche, um deren Repräsentation nachhaltig zu verbessern.