Marry Me! – Auch Frauen machen seichte RomComs

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Es gibt im deutschen Kino einen Trend, den ich das Schweig-X-Phänomen nenne. Der Name leitet sich aus den beiden bekanntesten Vertretern dieser zweifelhaften Strömung, namentlich Til Schweiger und Matthias Schweighöfer, ab, die mit pubertärem Humor und sexistischen Narrativen einen Kassenschlager nach dem anderen produzieren. Die deutsche Nation liebt es über Pipi-Kacka-Ha-Ha-Ha zu lachen und einer Männlichkeitskrise nach der anderen zuzuschauen, in der die Frauen nur als hübsches Beiwerk dienen.

Wenn Debutregisseurin Neelesha Barthel nun also eine seichte deutsche Multi Kulti Komödie dreht, in der sogar Schweigers Tatort Buddy Farih Yardim mitspielen darf, dann könnten wir dies auch als „weibliche Aneignung eines männlichen Genres“ bezeichnen. Aber ganz so verhält es sich mit Marry Me! leider nicht.

Barthels Film beginnt vielversprechend. Titelfigur Kissy (Maryam Zaree) gerät mit ihrem Liebhaber in Streit, weil sie die Beziehung als zu eng empfindet. In dem kleinen, durchaus lustigen Dialog, werden die Rollen wie wir sie aus romantischen Komödien kennen, komplett umgedreht. Es ist der Mann, der Nähe sucht, die Frau, die auf ihre Freiheit beharrt. Doch eben diese Freiheit gerät plötzlich in Gefahr, als Kissys indische Großmutter Sujata (Bharati Jaffrey) in Berlin eintrifft und damit droht, das Familieneigentum – ein Mietshaus in Kreuzberg inklusive gut laufendem Café – zu verkaufen, wenn ihre Enkelin nicht endlich vor den Altar tritt.

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In Marry Me! treffen mit Großmutter und Enkelin also nicht nur zwei Generationen, sondern vor allem zwei Kulturen aufeinander. Sujata spult ein patriarchales Klischee nach dem anderen ab: Kissy solle für ihren Mann kochen, ihn sexuell bei Laune halten und so weiter. Der Mann wiederum müsse arbeiten und die Familie ernähren. Das Übliche eben. Die junge Inderin aber lebt in einer hippy-esquen Hausgemeinschaft, unter anderem mit ihrem Exfreund Robert (Steffen Groth). Um die gemeinsame Heimat zu retten, lässt sich Robert trotz neuer Partnerschaft auf die Täuschung der Großmutter und eine Scheinehe mit Kissy ein. Recht absehbar nehmen die Verwicklungen nun ihren Lauf.

Das kunterbunte und ach so alternative Kreuzberger Setting bleibt bei all dem reine Kulisse und wirkt wie eine Vorzeige-Version des Bezirks aus dem Tourismus-Prospekt. Oberflächlich wird Vielfalt und Multikulti demonstriert, doch dahinter schlummern gefährlich konservative Klischees. So wohnt in Kissys Mietshaus auch ein homosexuelles Paar (und eine der beiden Frauen ist sogar schwarz! Echt wahr!), das jedoch in der Geschichte vollkommen marginalisiert wird, während jede, aber auch wirklich jede weibliche Figur der Geschichte (inklusive der etwa 8 jährigen Tochter) heterosexuell gepaart werden muss. Statt einen liebevollen Humor aus authentischen Charakteren zu entwickeln, bedient sich Neelesha Barthel an den billigen Komikmotoren der Stereotype und ihrer Übertreibung.

Am Fatalsten ist jedoch die brachial scheiternde Emanzipation der Hauptfigur, für die es letztlich eben doch darum geht, den richtigen Mann zu finden. Und als der neue Koch Karim (Fahri Yardim) im Café auftaucht, ist wohl allen Zuschauer_innen umgehend klar, worauf diese Begegnung hinauslaufen wird.

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Die 08/15-Lovestory krankt aber nicht nur an mangelnder Originalität, sie befördert auch die zunächst so taffe Hauptfigur in eine Opferposition. Kissy ist gar nicht taff, weil sie taff ist, sondern weil sie mit ihrer übertrieben demonstrativen Stärke den Verlust der Mutter kompensiert. Deshalb wirkt ihr „Das kann ich alleine“ auch stets mehr trotzig als selbstbewusst. Letztlich, so die Moral des Films, ist es nämlich schon ganz richtig, sich als naturgegeben schwache Frau von einem starken Mann stützen zu lassen. Diese Botschaft wird durch die schon erwähnte geradezu zwanghafte Paarung der Charaktere verstärkt, die neben der heterosexuellen monogamen Zweierbeziehung im Grunde keinerlei Alternativen zulässt. Traurig ist auch, dass Roberts offene Beziehung mit einer Nachbarin nicht nur ins Lächerliche gezogen, sondern am Ende gar in eine monogame Verbindung überführt wird, damit auch dieser Teil der konservativen Wertewelt wieder in Ordnung ist. Fatal auch Barthels Unfähigkeit, einen weiblichen Blick einzunehmen: Es ist freilich allein Kissy die halbnackig über die Leinwand tänzelt, während Karim sich zünftig unter einer Decke verstecken darf. Es braucht kein Laura Mulvey Studium um zu erkennen, wer hier von den beiden das Sexobjekt ist.

Weit weniger verklemmt als das Schweig-X-Kino und mit minimal erwachsenerem Humor, untermauert Marry Me! schließlich doch eben jene Wertvorstellungen, die der Film anfangs zu kritisieren scheint. Das ist keine weibliche Aneignung, sondern ein blindes Hineintappen in ein männliches Genre. Die Falle schnappt zu, das Publikum lacht – davon ist auszugehen. Aber ich bin traurig.

Kinostart: 2. Juli 2015

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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