Der Blockbuster-Check – Terminator: Genisys

Weil der Bechdel-Test zwar ziemlich cool ist, aber dennoch manchmal zu kurz greift, nehme ich im Blockbuster-Check fortan Mainstream-Filme hinsichtlich einzelner Elemente kritisch unter die Lupe.

© Paramount

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Held_innen

Noch stärker als in den vorhergehenden Filmen ist die berühmt berüchtigte Sarah Connor (Emilia Clarke) die unverkennbare Heldin von Terminator: Genisys. Sie emanzipiert sich aus der Rolle der Gebärmaschine und wird zur Agentin ihrer eigenen Sache. Mehrfach artikuliert sie, dass sie nicht die Frau sein will, die von Männern und Maschinen beschützt wird, um den Erlöser zu gebären, sondern dass sie selbst aktiv in die Rettung der Menschheit eingreifen möchte. Das ist ein bisschen so, als würde Maria dem Engel sagen, dass sie Gottes Sohn lieber nicht austragen, sondern stattdessen selbst die Menschheit von ihren Sünden erlösen möchte. Damit stellt sich die Sarah Connor dieses Films also gegen ein uraltes Narrativ, dass in der religiösen Dimension des Erlöser-Plots aller Terminator-Filme überdeutlich angelegt ist.

Die junge Sarah Connor ist stark, versiert im Umgang mit Waffen und setzt ihren Willen souverän durch, ohne jemals auch nur die Andeutung hysterischer Verhaltensformen an den Tag zu legen. Die Stärke der Figur erwächst aus der Tatsache, dass auch sie Fehler macht und eingesteht. Die Sarah Connor dieses Films muss nichts beweisen. „Nur weil ich etwas für Dich tue, heißt das nicht, dass Du es nicht kannst“, spricht Kyle – so oder so ähnlich – an einer Stelle zu Sarah. Damit unterminiert er einen übersteigerten Kampffeminismus, der nicht auf Selbstbestimmung, sondern auf blinde Selbstbehauptung ausgerichtet ist. Emanzipation bedeutet nicht, alles alleine und besser zu können, sondern frei zu entscheiden, wann man_frau Hilfe in Anspruch nimmt. Mit dieser Grundannahme als Basis ihrer Charakterentwicklung erwächst Sarah Connor in Terminator: Genisys zu ungeahnter Komplexität.

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Vielleicht ist Sarah Connor ein wenig emotionaler als ihr männlicher Gegenpart Kyle Reese (Jai Courtney), klammert sie sich doch mit kindlichem Urvertrauen an ihren Ziehvater, den Terminator (Arnold Schwarzenegger). Aber auch Kyle wird im Laufe der Handlung emotional herausgefordert, durchläuft Gefühle von Verbundenheit, Liebe und Verlust, die wir ihm ansehen können. Schließlich wird sogar dem Terminator höchstpersönlich ein Gefühlsleben zugestanden.

Und so begegnen sich in Terminator: Genisys Held und Heldin auf Augenhöhe, retten sich gegenseitig wiederholt das Leben, stützen sich in Momenten der Verzweiflung und kämpfen gleichberechtigt Seite an Seite.

Gegenspieler_innen

So erfreulich die Charaktere der Held_innen, so enttäuschend sind die Gegenspieler. Und ja, hier spare ich mir das Gender-Gap, denn auf der Seite der Bösen gibt es in dieser Geschichte keine Frauen. Im technologiekritischen Konzept des Films sind die Maschinen ganz klar männlich definiert und nehmen nur in Ausnahmefällen für kurze Zeit eine weibliche Form an. Die Dichotomie „Mann/todbringende Technik“ vs. „Frau/Leben spendende Natur“ ist ebenso eindimensional wie sexistisch – für beide Parteien.

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Geschlechterrollen allgemein

Während Sarah Connor als Vorzeigeheldin erstrahlt, gehen die Frauen auch in diesem Blockbuster als Spezies vollkommen unter. In der Zukunft ist der Frauenanteil der Gesellschaft so niedrig, dass ihr Fortbestand durch natürliche Fortpflanzung überaus fraglich erscheint. Eine namenlose Frau darf eine valide Information einstreuen, doch mehr haben die Damen hier nicht beizutragen. Der Anteil weiblicher Figuren liegt im gesamten Film sehr weit unter dem der männlichen.

Und dennoch scheint Terminator: Genisys die Definition von Männlich- und Weiblichkeit bewusst zu verhandeln. Allein die Nebeneinanderstellung eines „ausrangierten“ Actionhelden wie Arnold Schwarzenegger mit dem Jungspund Jai Courtney, dem Vergleich ihrer Körperlichkeit und Charaktermerkmale, zeichnet die dynamische Natur von Geschlechterrollen nach. Hier ließe sich mit Hilfe der vorhergehenden Filme der Reihe sicher ein interessanter kulturwissenschaftlicher Essay zur Entwicklung des Männlichkeitsbildes in den vergangenen 30 Jahren verfassen.

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Dresscode und Sexappeal

Terminator: Genisys hat sichtbar mehr Freude an der Ausstellung des männlichen als des weiblichen Körpers. Ausgiebig dürfen wir den durchtrainierten Oberkörper Jai Courtneys betrachten und selbst Film-Opi Arni darf noch einmal blankziehen. Doch in der Vermeidung weiblicher Nacktheit liegt keine Perspektivverschiebung, keine Übernahme eines weiblichen Blicks. Einerseits tabuisiert Terminator: Genisys den weiblichen Körper (was zum Teufel ist eigentlich an weiblichen Brustwarzen so viel skandalöser als an männlichen?), andererseits erschafft er ihn gerade durch seine Verschleierung als Objekt der Begierde. Spätestens wenn wir durch Kyles Augen den Schatten der nackten Sarah Connor beobachten, ist der männliche Blick etabliert. Da mag sie sich selbst in lebensbedrohenden Situationen noch so auffällig die Hände vor die Nippel halten – das sexuelle Begehren richtet sich hier eindeutig vom männlichen Subjekt aus auf das weibliche Objekt.

Dramaturgie

Nicht nur die Blick- auch die Erzählperspektive ist eine männliche. Terminator: Genisys mag um den Menschen Sarah Connor kreisen, doch der Erzähler und Sprecher ist der männliche Held Kyle Reese. So handelt es sich rein strukturell schließlich doch um die Geschichte eines Mannes, selbst wenn die Heldin hier tatkräftig am Verlauf seines Schicksals beteiligt ist.

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Botschaft

Sarah Connor leidet darunter, dass ihr Leben durch die ihr bereits bekannte Zukunft determiniert ist. Sie scheint keine Wahl, keine Freiheit zu haben, ihr Leben selbst zu gestalten und zu lenken. Der Lauf der Dinge ist bereits vorgezeichnet: Sie gebärt den Erlöser, ihre große Liebe stirbt bei dem Versuch sie zu retten und so weiter. Am Ende jedoch überstrahlt ihre ganz persönliche Befreiung das Finale. Und so ließe sich Terminator: Genisys auch folgender Maßen lesen:

Es ist nicht die Begrenzung des Mannes und „seiner“ Technologie, die das Überleben der Menschheit rettet, sondern die Befreiung der Frau.

Gesamtwertung: 5

von 0 (Sexistische Kackscheiße) bis 10 (Emanzipatorisch Wertvoll)

Kinostart: 9. Juli 2015

Sophie Charlotte Rieger

Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.
Sophie Charlotte Rieger