Karrierefrauen im Kino – eine Lachnummer?

Ursprünglich erschienen bei Moviepilot.de

Die US-Amerikaner sind stolz darauf, dass es in ihrem Land möglich ist, vom unterbezahlten Tellerwäscher zum berühmten Millionär aufzusteigen. Kein Wunder, dass diese Idee auch den Plot zahlreicher Filme bildet. Allerdings sind es in den meisten Fällen männliche Protagonisten, deren Erfolgsgeschichte erzählt wird. Und steht doch einmal eine Frau im Mittelpunkt, dann werden ihre Errungenschaften weggelacht. So ist auch die Hauptfigur in Lady Vegas kaum mehr als eine Witzfigur. Beth (Rebecca Hall) kommt mittellos und unbedarft ins große böse Las Vegas. Doch statt als Cocktail-Kellnerin durchzustarten (was für ein Karriereplan!), tritt sie eine Stelle bei dem Berufsspieler Dink (Bruce Willis) an. Was genau Beth eigentlich für diese Arbeit qualifiziert bleibt relativ unklar, auch wenn ihr grundsätzlich eine mathematische Begabung zugestanden wird. Viel wichtiger aber ist, dass es sich bei Lady Vegas um eine Komödie handelt und Beth des Publikum eher zum lachen bringt, als dass sie jemand bewundern würde. Und mit diesem Schicksal ist sie nicht alleine!

Von eiskalten Karriereristen und erfolgversprechenden Liebeleien

2011 bescherte uns Hollywood mit Die Kunst zu gewinnen – Moneyball und The Ides of March – Tage des Verrats gleich zwei Geschichten von Männern, die mit Hilfe von Geschäftssinn und Ehrgeiz die Karriereleiter erklimmen. In beiden Fällen wählten die Regisseure die Form des Dramas, um den Ereignissen den notwendigen Ernst zu verleihen. Ob Baseballmanager oder Polit-Berater, die porträtierten Männer nutzten ihre vielseitigen Fähigkeiten, um berufliche Erfolge einzufahren und damit das Publikum zu beeindrucken. Vergleichbare Filme, in denen Frauen die Hauptrollen spielen, suchte ich im Rahmen meiner Recherche vergebens. Mit viel Wohlwollen ließen sich noch am ehesten Einmal ist keinmal und Der ganz normale Wahnsinn – Working Mum als Vergleiche heranziehen. Bei beiden handelt es sich jedoch nicht nur um Komödien, auch spielen die Liebesbeziehungen der Protagonistinnen eine weit größere Rolle als ihre berufliche Qualifikation.

Zugegeben: Es gibt auch rührselige Filme über männliche Aufsteiger. Das Paradebeispiel für den „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Plot ist wohl Das Streben nach Glück. Es hat eine Weile gedauert, bis ich hierfür eine weibliche Entsprechung gefunden habe und so ganz zufrieden bin ich mit dem Vergleich noch immer nicht. Doch in Manhattan Love Story lässt sich zumindest ein ähnlicher Ansatz entdecken: Jennifer Lopez beginnt als mittelloses Dienstmädchen und eröffnet am Ende des Films gar ihr eigene Firma. Jedoch ist dies im Gegensatz zu Will Smiths steinigem Weg zum Erfolg nicht ihren eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben, sondern lediglich ihrer günstigen amourösen Verbindung zu einem Millionär. So handelt es sich bei Manhattan Love Story weniger um eine echte Erfolgsstory als mehr um ein sexistisches Märchen à la Pretty Woman.

Vom Aufstieg der Männer und Niedergang der Frauen

Widmen sich Kinofilme dem Portrait berühmter Persönlichkeiten, kann natürlich nicht auf Frauen verzichtet werden. Die eine oder andere Dame hat ja in der Tat Großes vollbracht und das will das Kino glücklicher Weise nicht vollkommen verschweigen. Vergleichen wir jedoch beispielsweise das Künstlerportrait Walk the Line mit dem französischen Pendant La Vie en rose fällt auf, dass ersteres Johnny Cash auf dem Höhepunkt seiner Karriere entlässt, während Edith Piafs filmische Biographie ihre Hauptfigur bis zum Tod begleitet. Auch Die Eiserne Lady, die wohl stärkste Kinofrau dieses Jahres, verkommt am Ende ihres Leinwandauftrittes zu einer dementen alten Oma. Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit sportlichen Erfolgen auf der Leinwand. Russell Crowe gelingt in Das Comeback – Für eine zweite Chance ist es nie zu spät ein gefeiertes Box-Comeback, während Hilary Swank in Million Dollar Baby das Zeitliche segnen muss. Da drängt sich der Verdacht auf, dass der Erfolg von Frauen im Film nur dann akzeptabel ist, wenn der Zuschauer auch ihren Niedergang miterleben kann. Mit ihrem Tod ist die Welt wieder im Gleichgewicht, als wäre der bewundernswerte Weg der Protagonistin nur ein Ausrutscher des Universums gewesen.

Und was machen die deutschen Frauen so?

Die klassische Erfolgsgeschichte, wie die US-Amerikaner:innen sie gerne verfilmen, ist in Deutschland schon aus rein kulturellen Gründen seltener. Und geht es doch mal um den beruflichen Aufstieg einer Filmfigur, wird dieser geschlechtsunabhängig gerne in eine Komödie gepackt. Einen Unterschied gibt es aber doch, denn während Bushido in Zeiten ändern Dich von niemand Geringerem als Uli Edel ein Portrait gewidmet wurde, warte ich noch immer vergeblich auf die filmische Biographie von Sabrina Setlur (ok, ob ich das wirklich sehen will ist eine andere Frage, aber hier geht es ums Prinzip!). Wenn überhaupt von Erfolgsstorys im deutschen Kino gesprochen werden kann, wäre auf der Männerseite als jüngstes Beispiel der Film Blutzbrüdaz zu nennen, in dem Paul ‘Sido’ Würdig in einer – natürlich vollkommen fiktiven – Geschichte, vom mittellosen Rapper zum Hip Hop Star aufsteigt. Erfolgreiche Frauen sahen wir im deutschen Film vor etwa einem Jahr in Eine ganz heiße Nummer. Was die kleine Feministin in mir dazu sagt, dass die Damen hier mit Telefonsex ans große Geld kommen, muss ich wohl nicht ausführen.

Sinn- und Ursachensuche: Wie viel Emanze darf „frau“ sein?

Vielleicht ist es ja vollkommen überflüssig, solche Vergleich anzustellen und sich über die Ergebnisse zu entrüsten. Als ich mit der Recherche für diesen Artikel begann, suchte ich hauptsächlich einen Aufhänger, um ein paar Zeilen zu Lady Vegas zu schreiben. Je mehr ich jedoch las, desto lauter schrie die kleine Feministin mir „Hängt sie!“ und trampelte mit ihrem „Frauen an die Macht“-Banner durch mein Kleinhirn. Aber Schreien und Meckern alleine reichen natürlich nicht aus. Viel wichtiger ist doch jetzt die Frage nach dem Warum. Es lässt sich ja nicht einmal behaupten, dass die erwähnten Filme über Frauen nur das Produkt männlicher Filmemacher seien. Phyllida Lloyd saß bei Die Eiserne Lady auf dem Regiestuhl und Julie Anne Robinson ist für Einmal ist keinmal verantwortlich. Aber was ist es dann, das Filmemacher:innen davon abhält, ernstzunehmende Filme über erfolgreiche Frauen zu produzieren, die nicht mit dem Niedergang oder gar Tod ihrer Protagonistinnen enden? Ist die Konkurrenzfähigkeit weiblicher Karrieristinnen wirklich so bedrohlich, dass sie in der kulturellen Repräsentation verschwiegen oder kleingeredet werden muss? Ich mag das noch nicht so richtig glauben.

Immerhin – und mit diesem positiven Ausblick möchte ich hier enden – gibt es Grund zur Hoffnung. Mit Erin Brockovich hat Steven Soderbergh einst einen wirklich starken weiblichen Leinwandcharakter erschaffen, der sich mit Hilfe der eigenen Fähigkeiten hocharbeitet. Und The Help, wenn auch aus der Perspektive afroamerikanischer Frauen zweifelhaft, zeigt das erfolgreiche Wirken einer begabten Frau. Es gibt sie also, die Karrieristinnen. Vielleicht braucht das Kino einfach noch ein bisschen Zeit, sie angemessen darzustellen.

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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