Judge Dredd und die Frauen

Ursprünglich erschienen auf Moviepilot.com

Das Reboot Dredd hat die Kritiker:innen positiv überrascht. Nach der viel kritisierten Erstverfilmung von 1995, die Hauptdarsteller Sylvester Stallone immerhin eine Nominierung für die Goldene Himbeere einbrachte, hatte keiner mehr daran geglaubt, dass der Comic von John Wagner und Carlos Ezquerra noch einmal den Stoff für einen gelungenen Science Fiction Film liefern würde. Umso mehr freuen sich nun alle über das Wiedersehen mit dem Polizisten, Richter und Henker in Personalunion (Rotten Tomatoes vergibt stolze 77%). Aber irgendetwas ist dann doch ganz anders als gedacht! Dredd stellt so einige ungeschriebene Gesetze des Actionfilms auf den Kopf und droht es sich insbesondere mit dem männlichen Publikum zu verscherzen. Denn Mann will sich im Actionfilm in all seiner Überlegenheit bestätigt sehen. Stattdessen wird ihm in Dredd ein Mutterkomplex angedichtet und mit Kastration gedroht.

Judge Dredd zwischen zwei Frauen: Heilige oder Hure – wer soll es sein?

Das Konzept, dass sich weibliche Figuren in Filmen in die Kategorien Heilige oder Hure einordnen lassen, haben wir heute glücklicher Weise größtenteils überwunden. Frauen dürfen inzwischen differenziertere Rollen spielen, auch wenn ihre Darstellungen immer noch ein wenig dazu neigen, in eine dieser Charakter-Fallen zu tappen. Und auch die beiden Frauen, die im Zentrum des Plots von Dredd stehen, wirken auf den ersten Blick, als würde hier genau diesem bipolaren Klischee von anno dazumal entsprochen werden. Da ist auf der einen Seite die empfindsame Judge-Anwärterin Anderson (Olivia Thirlby) und auf der anderen die diabolische Ma-Ma (Lena Headey).

Die blonde Auszubildende Anderson wird Judge Dredd (Karl Urban) für einen Tag zur Bewährungsprobe an die Seite gestellt. Seine Meinung dazu ist offensichtlich: Das Mädchen wird den Tag sowieso nicht überleben. Und so empfinden auch wir im Publikum Anderson als eine schwache Person, die vom starken Helden beschützt werden muss. Hinzu kommt, dass sich Anderson im Gegensatz zu Dredd, der seinen Helm im gesamten Film nicht ein einziges Mal ablegt, vollkommen ohne Kopfschutz durch die Handlung kämpfen muss, damit auch alle Zuschauer:innen verinnerlichen, wie nett die Dame anzusehen ist. Während die Attraktivität der männlichen Figur also keine Rolle spielt, wird die Frau wieder zum Objekt der Begierde. Auch scheinen die mentalen Kräfte Andersons eine maßlose Übertragung des Klischees darzustellen, Frauen könnten sich grundsätzlich besser in ihr Gegenüber einfühlen als Männer. Während Judge Dredd den gesamten Film über abgeklärt die Mundwinkel nach unten zieht (Karl Urban muss schrecklichen Gesichtsmuskelkater gehabt haben!), ist Anderson das Mitgefühl in Person und kann die Gedanken und Emotionen ihres Gegenübers in Sekundenschnelle ergründen.

Das genaue Gegenteil stellt Ma-Ma dar, deren Name hier vollkommen irreführend ist. Im Gegensatz zur heiligen Anderson ist Ma-Ma die „Hure“, die über keinerlei Empathie verfügt und ausschließlich mit Männern zusammenlebt. Ihre Handlungen sind unmoralisch, sie ist das personifizierte Böse. Statt graziler weiblicher Schönheit verfügt Ma-Ma über einen eher androgynen Körper, ihr Gesicht ist durch eine tiefe Narbe gekennzeichnet und die Zähne sind in Folge übermäßigen Konsums der Modedroge „Slo-Mo“ grünlich verfärbt. Kurz gesagt: Ma-Ma ist keine Frau, die Mann sich gerne anguckt!

Nun scheint es, als handelte es sich hier mal wieder um zwei eindimensional konstruierte, klischeehafte Frauenfiguren, die wir so oder so ähnlich schon zigfach gesehen haben und die lediglich dazu dienen, die männlichen Helden der Geschichte als solche noch deutlicher hervor zu heben. Doch weit gefehlt!

Dredd 3D als Metapher für den Mutter-Komplex

Nun heißt Ma-Ma ja nicht grundlos Ma-Ma. Sie stellt vielmehr eine pervertierte Form der Übermutter dar. Wie es sich nämlich für eine solche gehört, hat Ma-Ma alles unter Kontrolle. In diesem Fall ist „alles“ ein riesiger Hochhauskomplex, dessen Bevölkerung der einer ganzen Stadt entspricht. Durch harte Arbeit hat sich Ma-Ma die kriminelle Herrschaft erkämpft. Ihre Modedroge „Slo-Mo“ ist im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde. Dabei scheint es Ma-Ma nicht weiter zu stören, dass sie trotz krimineller Gebärfreudigkeit nur Söhne ihr eigen nennen darf. Der wütende Mob besteht wie so oft nur aus Männern, die ihrer Anführerin jedoch allesamt maßlos unterlegen sind. Mama arbeitet keinem männlichen Oberboss zu, sondern steht in der Hierarchie der bösesten Bösen ganz an der Spitze.

Ma-Ma ist Judge Dredd definitiv gewachsen. In ihrer absoluten Gefühlskälte ist sie seiner Prinzipientreue noch überlegen, denn sie zögert niemals, entbehrliche Individuen übergeordneten Zielen zu opfern. Ihr Name steht zu diesem menschenverachtenden Verhalten natürlich in einem gewissen Kontrast. Ein echter Widerspruch besteht jedoch nicht, denn wie kleine Kinder, die auf Grund ihrer emotionalen und kognitiven Entwicklung noch nicht in der Lage sind, die eigene Mutter in Frage zu stellen, folgen ihre Anhänger auch Ma-Ma ohne die leisesten Widerworte und müssen von Dredd mit der Lebensweisheit „Mama ist nicht das Gesetz“ darauf hingewiesen werden, dass sie über ein eigenes Gehirn für unabhängige Denkleistungen verfügen. Witziger Weise ist auch Dredds Vorgesetzte eine Frau, deren Anweisung, Anderson trotz mangelhafter Prüfungsergebnisse mit in den Einsatz zu nehmen, er befolgt, obwohl er offensichtlich starke Zweifel an der Eignung der Rekrutin hegt. Zusammengefasst also zeigt uns Dredd die Schwäche der Männer, sich gegenüber einer starken Mutter zu emanzipieren und eine eigene Meinung zu entwickeln.

Dredd 3D als Metapher für die Kastration des Action-Helden

Während die Figur der Ma-Ma die Unmündigkeit der Männer demonstriert, setzt Rekrut Anderson noch einen drauf und droht dem männlichen Publikum mit dem absolut Schlimmsten: Kastration. Hinter der Fassade des sensiblen Blondchens schlummert eine starke Frau, die im Zuge der Filmhandlung zu Höchstleistungen auffährt. Ihr attraktives Äußeres macht sie sich zu Nutze: Insbesondere Bösewicht Kay (Wood Harris) unterschätzt sein zierliches Gegenüber immer wieder. Als Anderson in seine Gedankenwelt eindringt, um an Informationen über Ma-Ma zu gelangen, glaubt der Macho sein Gegenüber mit Hilfe brutaler Vergewaltigungsfantasien einschüchtern zu können. Doch Anderson dreht den Spieß um und lässt vor seinem inneren Auge die Kombination zweier traumatischer Bilder auftauchen: Die Kastration durch den beherzten Biss von Ma-Ma, deren Mutter-Funktion hier auch noch die Inzestschranke durchbricht. Seiner Männlichkeit vollkommen beraubt, wird Kay zum kleinen Jungen und pinkelt sich vor lauter Angst in die Hose.

Während Judge Dredd und wir Anderson zu Beginn noch als hilflos empfinden, mausert sich die Rekrutin im Laufe der Handlung zu einer würdigen Partnerin des Helden und drängt ihn schließlich sogar in den Schatten. Denn im Grunde ist Anderson ihrem Vorgesetzten überlegen. Sie kennt den Unterschied zwischen Opfern und Täter:innen. Sie verfügt über die notwendige Empathie um zu erkennen, wer nur aus Not Böses tut und bei wem es sich um eine:n kriminelle:n Redeführer:in handelt. Judge Dredd hingegen kämpft nicht für Gerechtigkeit, sondern für das Gesetz, einen abstrakten Regelkorpus, den er auch als solchen befolgt. Sein Helm nimmt ihm einen großen Teil seiner Menschlichkeit, Gefühle sind ihm weitgehend fremd. Seine unreflektierte Regeltreue lassen ihn wie einen Roboter erscheinen. Um das Böse in der dystopischen Zukunftswelt Mega City One zu besiegen, braucht es aber mehr als nur die Fähigkeit, Regeln zu befolgen. So wie sich Ma-Mas „Söhne“ von ihrer kriminellen Mutter emanzipieren müssen, sollten auch die Vertreter des Gesetzes wieder stärker ihren eigenen Verstand anstelle pauschaler und menschenferner Vorschriften verwenden.

Auch wenn es zu Beginn so scheint, als würde in Dredd mal wieder eine männliche Hauptfigur durch weibliche Dekorationen in seinem Heldentum bestärkt, laufen die Frauen Judge Dredd in der Neuverfilmung den Rang ab. Sie sind den männlichen Figuren nicht nur ebenbürtig, sie sind in der Lage sie zu unterwerfen, zu entmündigen und auf beruflicher Ebene zu überholen!

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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