Hautnah: Die Filmkostüme von Barbara Baum

Ein Text von Sophie Brakemeier

Für das deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main gab es eigentlich keinen konkreten Anlass für eine Sonderausstellung über die Grande Dame des deutschen Kostümdesigns Barbara Baum und doch fühlt sich ein Besuch von Hautnah. Die Filmkostüme von Barbara Baum im dritten Stock des beeindruckenden Gebäudes des Deutsche Filminstituts wie die Teilnahme an einer verdienten Ehrung an. Verdient weil Barbara Baum wie keine andere Kostümbildnerin ihre ästhetische Handschrift in bedeutenden deutschen und internationalen Filmproduktionen hinterlassen hat. Sie kleidete Catherine Zeta-Jones als Katharina die Große im gleichnamigen Fernsehfilm-Epos, verlieh den Buddenbroks in der 2008er-Verfilmung von Heinrich Breloer ihre großbürgerliche Raffinesse und wurde sogar von Stanley Kubrick für das leider nicht realisierte Spätwerk Aryan Papers engagiert.

© Rainer Werner Fassbinder Foundation / Fotograf: Karl-Heinz Vogelmann

Doch die markanteste Zusammenarbeit ihrer Karriere absolvierte sie zwischen 1974 und 1982 mit Rainer Werner Fassbinder. Für ihn entwarf sie für insgesamt acht Filme Kostüme, einschließlich seines letzten – und posthum veröffentlichten – Films Querelle. In den Interviews, die sich Gäste der Sonderausstellung anhören und ansehen können, erzählt  Barbara Baum von der besonderen Zusammenarbeit zwischen Fassbinder und ihr, dem bedingungslosen Vertrauen, dass sie durch ihn erfuhr. „Das ging sogar so weit, dass Fassbinder  die Kostüme nie vor Drehbeginn sehen wollte. Er liebte diesen Überraschungsmoment und wenn ihm dann gefiel, was er sah, grinste er zufrieden“, lässt sich einem Interview entnehmen, welches der Kurator der Ausstellung, Hans-Peter Reichmann, für den anlässlich der Ausstellung neu aufgelegten Katalog FilmStoffe – Kostüme: Barbara Baum mit der Kostümbildnerin geführt hat. Persönlich auf sie angesprochen, kann Hans-Peter Reichmann seine Begeisterung für ihre beeindruckende Persönlichkeit kaum verbergen.

Die Ausstellung macht diese Begeisterung erfahrbar. Sie präsentiert Barbara Baum nicht nur als virtuose Künstlerin, sondern auch als sympathische und bodenständige Persönlichkeit. Neben den zahlreichen Originalkostümen, an denen sich mensch kaum satt sehen kann, ist es Barbara Baums herzliche und selbstbewusste Selbstpräsentation, die ein Kernstück der Ausstellung bildet. „Die Produzenten haben immer gesagt ‘Wenn die kommt, dann wird’s richtig teuer!’ Ne, dann wird’s richtig!“, beschreibt sie in den Interviews charmant den Konflikt zwischen ihren hohen Ansprüchen und dem Willen, das Budget für eine Produktion klein zu halten – einen Konflikt, dem Kostümbildner_innen bis heute in ihrem Beruf stets ausgesetzt sind.

Deutsches Filminstitut & Filmmuseum / Archiv Barbara Baum / © Rainer Werner Fassbinder Foundation

Die Studie Frauen in Kultur und Medien des Bundesamtes für Kultur und Medien aus dem Jahr 2016 belegt, dass Kostüm- und Maskenbild – die einzigen kreativen Schlüsselpositionen beim Film, die mehrheitlich mit Frauen* besetzt sind (um die 80%) – neben anderen typischen „Frauen*berufen“ in den Darstellenden Künsten unterdurchschnittlich bezahlt werden. Vor Allem in der Geschlechterdifferenz zeigt sich ein bitteres Bild: In den Jahren 2010 und 2014 lag der Gender Pay Gap im Jahreseinkommen jeweils bei über 30%. Die Kostümbildnerin Ingken Benesch und der Verein Pro Quote Film sehen dies auf Mail-Nachfrage darin begründet, dass auch weibliche* dominierte Metiers wie das Kostümbild von klassischen Geschlechtervorstellungen durchdrungen sind, die Frauen* benachteiligen. In Männer* wird das größere Vertrauen gesetzt, wenn es um aufwendige und hoch budgetierte Produktionen geht, weswegen sie bei Gehaltsverhandlungen erfolgreicher zu sein scheinen.  Darüber hinaus mangelt es Kostüm- und Maskenbildner*innen am Set unabhängig von ihrem Geschlecht allgemein an Anerkennung ihrer Arbeit, ihr Bereich wird nicht ernst genommen, als „Zupf und Tupf“ diskreditiert – und das obwohl vor Allem das Kostümdesign eine so wichtige Rolle in der Charakterisierung von Rollen und der Konzeption von Filmästhetik spielt.

Hautnah konterkariert dieses Bild, jedoch ohne zu relativieren. Die Ausstellung portraitiert  eine Künstlerin, die es mit ihrer perfektionistischen und doch pragmatischen Art geschafft hat, die Verhältnisse für sich selbst zu verbessern. Stolz kann Barbara Baum in einem Interview der Ausstellung davon berichten, wie sie nach ihrem ersten Film (Verbrechen mit Vorbedacht aus dem Jahr 1967 von Peter Lilienthal) nie wieder eine Bewerbung schreiben musste. Die Anerkennung, die ihr für die Arbeit an bedeutenden Filmen entgegengebracht wurde, zeigt sich in persönlichen Widmungen von internationalen Stars wie Glenn Close oder Meryl Streep wie auch durch  Stimmen der deutschen Filmszene, die im Katalog FilmStoffe – Kostüme: Barbara Baum festgehalten wurden.

Deutsches Filminstitut & Filmmuseum / Archiv Barbara Baum / © Rainer Werner Fassbinder Foundation

Ein Wermutstropfen: Die Ausstellung konzentriert sich auf die Zusammenarbeit mit den männlichen* Protagonisten des deutschen Films. Eindrücke von der Kooperation mit beispielsweise Karin Brandauer (Aschenputtel und Marleneken) oder Marianne Lüdcke (Pattbergs Erb und Liebe ist kein Argument) sucht mensch  vergebens. Dabei hätte es der Rahmen der Ausstellung durchaus ermöglicht, den Blick über Barbara Baum hinaus auf weitere Filmfrauen* zu lenken.

Die Stärken der Ausstellung sind  das Arrangement, die Inklusivität und die Performativität:  Sie ist auditiv, visuell, sogar haptisch – und dezidiert für Blinde und sehgeschädigte Menschen konzipiert . An bestimmten Stationen, kann eins die Originalstoffe, mit denen Barbara Baum gearbeitet hat, befühlen und bekommt so einen Eindruck über die Materialität, die dem Handwerk – und der Kunst – des Kostümbilds zugrunde liegt. Die Ausstellung fokussiert sich damit nicht nur auf Barbara Baum, ihre beeindruckende Persönlichkeit und die von ihr gestalteten Filme, sondern auch auf das Berufsbild des Kostümbilds an sich, von dem nur zu hoffen ist, dass es in Zukunft mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren kann.

 

Sophie Brakemeier

Über die Gast-Löwin

Sophie Brakemeier ist Medienwissenschaftlerin, Feministin, Rugbyspielerin und Punk-Fan. Wenn sie könnte, würde sie alles davon gleichzeitig betreiben – immer mit vollem Körper- und Kopfeinsatz! Lesen kann man sie beispielsweise auf Awayfromlife.com, im Ox-Fanzine und bald auch in diversen medienwissenschaftlichen Fachveröffentlichungen.