FFMUC 2017: Hounds of Love – Sexualisierte Gewalt und Emanzipation

Spätestens seit meinem persönlichen Aufschrei gegen die Darstellung sexualisierter Gewalt im Tatort: Nachbarn schenke ich dem Thema bzw. seiner Inszenierung in Film und Fernsehen besondere Aufmerksamkeit. Und so konnte ich beim Filmfest München 2017 trotz gewisser Befürchtungen, was dieser Film wohl in mir auslösen werde, das Screening zu Hounds of Love nicht auslassen. Und eins kann ich vorab sagen: Diesen Film werde ich mir nie wieder ansehen. Und doch hat er mir gefallen.

DER FOLGENDE TEXT KANN TRIGGER FÜR VON SEXUALISIERTER GEWALT BETROFFENE MENSCHEN ENTHALTEN

Eine Kamerafahrt in Zeitlupe fängt das Volleyballspiel einer Mädchen*mannschaft ein, während unheilvolle Musik bereits auf die nahende Bedrohung hinweist. Diesen Effekt verstärkt Regisseur Ben Young durch framentierende Close-Ups, die die Körper der jungen Frauen* nicht in ihrer Gesamtheit, sondern lediglich in sexuell aufgeladenen Teilausschnitten zeigen, sie damit entmenschlichen und auf ihre Physis reduzieren – so wie auch die Figur John White (Stephen Curry) dies wenig später mit dem Mädchen* tun wird, das er in seine Gewalt bringt.

Doch John White ist nur eine Randfigur in diesem verstörenden Film über Freiheitsberaubung und Vergewaltigung. Im Zentrum nämlich stehen drei Frauen*: Johns Lebensgefährtin Evelyn (Emma Booth), ihre gemeinsame Gefangene Vicky (Ashleigh Cummingsund deren Mutter Maggie (Susie Porter). Und so ist es auch die Dynamik zwischen diesen drei weiblichen* Figuren, um die es Ben Young meiner Meinung nach eigentlich geht. Es ließe sich trefflich darüber diskutieren, ob die von ihm geschilderten Ereignisse Thema eines Films sein müssen, können, dürfen. Doch eines ist zumindest für mich offensichtlich: Hounds of Love ist kein Film, der sich am geschundenen Körper misshandelter Frauen* ergötzt, der ihr Leid dem Voyeurismus der Zuschauenden freigibt oder sie auf ihre Opferrolle reduziert. Hounds of Love ist ein Film über Macht, Solidarität und Emanzipation.

© Filmfest München 2017

Ohne zu psychologisieren, sondern ausschließlich durch die einfühlsame Beobachtung seiner Hauptfigur, versucht Ben Young in erster Linie die Handlungen von Evelyn zu ergründen. Weshalb macht sie sich zur Komplizin der bestialischen Taten ihres Ehemannes? Wie kann eine Frau* die Misshandlung einer anderen mit ansehen, ohne sich zu solidarisieren, einzufühlen, helfen zu wollen? In dem Versuch, diese Frage zu beantworten, entgeht Ben Young der Versuchung, in Evelyns Vergangenheit eine weitere Missbrauchsgeschichte oder sogenannte „Daddy-Issues“ aufzurollen. So gelingt es ihm, Evelyn als ganzen Menschen zu begreifen und darzustellen, anstatt sie auf ihre Traumata zu reduzieren, denen er innerhalb seines Films Hounds of Love ohnehin niemals gerecht werden könnte. Ebenso wenig übrigens versucht er die Handlungen Johns zu erklären, ihm beispielsweise auf Grund eigener Gewalterfahrungen mildernde Umstände zu gewähren. Dennoch erscheint John White niemals als konstruierter und auf seine Funktion für die Handlung reduzierter Oberbösewicht. Dazu ist seine Rolle in dieser Geschichte auch viel zu marginal.

Am meisten Aufmerksamkeit schenkt Ben Youn dem Charakter Vickys, die er mit ihrer Familiengeschichte und insbesondere dem gespaltenen Verhältnis zu Mutter Maggie einführt. Dass letztere sich scheinbar grundlos vom Vater getrennt und ein eigenständiges Leben begonnen hat, vermag die Tochter ihr nicht zu verzeihen. Der Titel „strong independent woman“ wird hier zum Schimpfwort, wenn Vicky den Neustart ihrer Mutter auf einen egoistischen Freiheitsdrang reduziert.

Dass dies nicht der Fall ist, wird uns als Zuschauende spätestens dann klar, wenn Evelyn zum Spiegel jener Abneigung Vickys wird. In Emma Booths verhärmten Gesicht blitzt bei den Schilderungen über den “Ausbruch” Maggies aus ihrer Ehe hier erstmals Verzweiflung und Sehnsucht auf, ja, Bewunderung sogar. Allerdings wird an keiner Stelle angedeutet, Vickys Mutter habe sich auf Grund häuslicher Gewalt von ihrem Ehemann* getrennt. Darum geht es nicht. Maggie konnte eigene Wege gehen, weil sie eine starke, unabhängige Frau* ist. Evelyn jedoch ist zu diesem Zeitpunkt eine gebrochene, verängstigte und durch Missbrauch in Abhängigkeit geratene Person. „He is the reason I got food on the table and a roof over my head“, sagt sie über John. Sicherheit, Geborgenheit und eine in Psychospielchen wohl dosierte Menge an Zuneigung und Bestätigung – das ist es, was Evelyn an ihren Partner kettet. Und auch wenn wir es vielleicht nicht verstehen, so können wir doch die Angst miterleben, die Evelyn bei dem Gedanken überkommt, John zu verlieren.

Vicky wiederum, die trotz der Abneigung gegen ihre Mutter selbst zu einer starken, unabhängigen Frau* herangewachsen ist, ergibt sich nicht in ihr Schicksal. Allen Drohungen zum Trotz wagte sie immer wieder Versuche, sich aus ihrem Gefängnis zu befreien, insbesondere durch die Solidarisierung mit Evelyn, die durch die neuen Impulse vollkommen aus dem Gleichgewicht gerät. Es ist ohnehin nicht so, als würde sie Johns Taten und ihren eigenen Anteil daran gutheißen. Vielmehr scheint sie für ihr Leben keinen anderen Ausweg zu sehen, als diese Komplizinnenschaft.

Nicht aufgeben, an sich selbst glauben, kämpfen, sich wehren – das ist die emanzipatorisch wertvolle Botschaft dieses Films. Das ist es, was Evelyn von Vicky lernen muss, um sie beide zu retten. Dabei bleibt Maggie im Hintergrund in kurzen Szenen der Suche nach ihrer Tochter stets präsent. Anders als viele Mutterfiguren in ähnlichen Film-Settings tritt Maggie hier nicht als hysterisch auf – ein weiteres Zeichen dafür, dass es Ben Young nicht um Zurschaustellung und Effekt, sondern komplexere Zusammenhänge geht.

© Filmfest München 2017

Kaum zu ertragende Schreie, Close-Ups auf blutiges Sexspielzeug und Taschentücher vermitteln ohne jede Einschränkung die unbegreifliche Grausamkeit der Ereignisse im Hause White, ohne diese jedoch in irgendeiner Form pornographisch für den visuellen Genuss nutzbar zu machen. Wir sehen nicht, was John tut. Die Zuschauer_innen können dies je nach eigener Erfahrungswelt bzw. Film- und Fernsehkonsum selbst erahnen oder es auch einfach bei den Andeutungen belassen. Ich zum Beispiel verspürte zu keinem Zeitpunkt eine Motivation, die Bildfragmente mit Leben zu einem barbarischen Kopfkino zusammenzufügen.

Der Körper Vickys ist niemals nackt, stets durch Kleidung oder auch den Bildausschnitt geschützt. Ben Young bemüht sich um Opferschutz, er will den von sexualisierter Gewalt betroffene Menschen nicht auch noch selbst durch den Blick seiner Kamera zum Objekt machen. Warum er sich allerdings entschließt, Evelyns von Narben gezeichneten Körper zu präsentieren, erschließt sich mir nicht. Zu wenig hat diese Szene uns zu erzählen, um diese Bloßstellung zu rechtfertigen.

Mit Sicherheit gibt es in Hounds of Love noch weitere kritikwürdige Aspekte, Verbesserungsmöglichkeiten was den Umgang des Regisseurs mit seinem Thema und den Figuren angeht. Was die Diskussion betrifft, ob ein solcher Film wirklich als emanzipatorisch wertvoll gelten kann oder nicht vielleicht doch als elendsvoyeuristisches Aufgeilen auf Kosten weiblicher* Opferfiguren gesehen werden muss, bin ich jedoch recht entschieden. Ich sehe hier in erster Linie einen Film über drei sehr unterschiedliche weibliche* Freiheitskämpfe, die alle auf ihre Weise zum Erfolg führen. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob mich das Ende – und ich möchte auf keinen Fall spoilern – nicht doch ein wenig vergrämt. Aber ohne zu viel zu verraten, möchte ich doch das Eine noch loswerden: Dieses Ende macht Hoffnung. Und das ist wichtig! Denn wo keine Hoffnung ist, ist keine Kraft. Und nur wo Kraft ist, können Freiheitskämpfe gekämpft und gewonnen werden.

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