FFHH 2016: Das Löwenmädchen

Auch wenn Körperhaare gerade wieder in Mode kommen, ist das Idealbild weiblicher* Schönheit noch immer ein glattrasiertes, epiliertes, gewachstes, von jeglichem Fremdkörper bereinigte. Je künstlicher desto schöner, das ist noch immer die vorherrschende Logik.

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In gewisser Weise spielt die Romanverfilmung Das Löwenmädchen mit eben jener Schönheitsdefinition, wenn es die Leidensgeschichte einer ganzkörperbehaarten jungen Frau erzählt. Weil die Mutter bei der Geburt verstirbt, wächst Eva (Aurora Lindseth-Løkka bzw. Mathilde Thomine Storm) mit der gutmütigen Amme Hannah (Kjersti Tveterås) und dem distanzierten Vater Gustav (Rolf Lassgård) auf, dem es schwer fällt, seinem ungewöhnlichen Kind Liebe und Zuneigung zuteil werden zu lassen. Stattdessen wird die kleine Eva über lange Jahre sozial isoliert, doch auch mit der Erlaubnis die Schule zu besuchen, fühlt sich das Löwenmädchen in ihrem kleinen norwegischen Heimatdorf nicht weniger einsam.

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Ohne die Kenntnis des zu Grunde liegenden Romans von Erik Fosnes Hansen lässt sich nicht eindeutig beurteilen, was bei der Verfilmung durch Regisseurin Vibeke Idsøe falsch gelaufen ist. Das große Potential der Geschichte, sich intensiv mit Schönheitsidealen, sozialem Druck auf den weiblichen* Körper, aber auch Emanzipation auseinanderzusetzen, verbleibt in der Andeutung. Immer wieder geht es darum, ob Eva schön sei oder nicht. Sie selbst hegt eine fast pathologische Faszination für die äußerliche Perfektion ihrer verstorbenen Mutter und die Attraktivität anderer Frauen*, während der eigene Körper ihr stets fremd und vor allem asexuell bleibt. Die Unterhaltung mit einer Kurpatientin, die von den absurdesten Methoden berichtet, ihre Schönheit zu konservieren, deutet die Idiotie und Unnötigkeit dieses Kampfes an, jedoch ohne daraus für Eva einen emanzipatorischen Gewinn abzuleiten. Die Begeisterung der Heldin für Mathematik wiederum bleibt ein Nebenschauplatz, ihre Wandlung von der Kuriosität, ob nun für Mediziner oder ein Varietépublikum, zur erfolgreichen Wissenschaftlerin eine skandalös kurz geratene Randnotiz.

Kritikwürdig ist aber nicht nur das verschenkte feministische Potential des Stoffes, sondern auch die konventionelle Inszenierung, die über das Antlitz eines Märchenfilms zur Weihnachtszeit nicht hinauskommt. Das putzige norwegische Dorf wirkt ebenso unecht wie das Fell der Hauptfigur. Einzelne transzendente Momente verpuffen, weil es Vibeke Idsøe nicht gelingt, sie in ein umfassendes magisch-realistisches Konzept einzubetten. Die Narration wiederum handelt Lebensereignisse chronologisch ab, ohne dem Ganzen einen Fokus, eine Richtung zu geben, wodurch sich die zwei Stunden Laufzeit des Films als überaus langwierig erweisen.

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Das Löwenmädchen kann also weder bewegende Kinounterhaltung bieten, noch eine relevante Botschaft vermitteln. Die Geschichte der behaarten Heldin lässt uns kalt, zumindest bis zum Schluss, wenn Vibeke Idsøe ihrem Publikum mit allen Mitteln der Kunst noch eine emotionale Regung abzwingt. Nach all den Hürden, die Eva im Laufe ihres Lebens hat nehmen müssen, kommt sie schließlich doch am Ziel an und wird zum niedlichen Kunstobjekt. Was die einen zu Tränen rührt, löst bei anderen Aggressionen aus. Aber immerhin ist es Das Löwenmädchen auf den letzten Metern noch gelungen, mich in irgendeiner Form zu bewegen.

Kinostart: 26. Januar 2017

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