Das Cinderella-Problem

Ich habe ein fundamentales Problem mit dem Märchen von Cinderella, oder wie wir es hierzulande ja eigentlich nennen: Aschenputtel. Seit ich mich vor einigen Jahren erstmals intensiv mit dieser Erzählung der Gebrüder Grimm auseinander gesetzt habe, übrigens lange vor dem Erwachen meiner feministischen Überzeugung, stehe ich weitgehend ratlos vor dem Happy End. Es ist mir ein Rätsel, weshalb sich Aschenputtel für einen Prinzen entscheidet, der so dämlich ist, zweimal eine falsche Frau auf sein Pferd zu setzen, der das Blut aus den Schuhen quillt. Wie verliebt kann dieser Jüngling sein, wenn er eine Schuhanprobe benötigt, um seine Angebetete wiederzuerkennen? Und was hat er im Laufe der Geschichte überhaupt geleistet, das ihn als Mann interessant machen könnte? Sind es nicht viel mehr die Vögel, die Aschenputtel beim Sortieren der Asche helfen und den Prinzen schließlich auf die falsche Frauenwahl hinweisen, die hier als die wahren Helden unsere Bewunderung und Sympathie verdienen?

© Disney

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Nein, ich verstehe dieses Märchen nicht. Glücklicher Weise hat Kenneth Branagh in seiner Leinwandadaption eben jene Unklarheiten beseitigt. Bedauerlich ist dabei, dass die so heldenhaften Vögel hier nur einen winzig kleinen Auftritt haben, der – wenn auch immer noch fundamental für den positiven Ausgang der Geschichte – wohl den wenigsten Zuschauer_innen in Erinnerung bleiben wird. Diese inhaltliche Änderung jedoch bewahrt den Prinzen vor der Rolle des debilen Blindgängers und lässt ihm seine Würde als romantischer Mann auf der Suche nach der großen Liebe. Vielleicht liegt es aber auch ein wenig am wunderschönen, jungenhaften Lächeln von Richard Madden, dass ich Cinderellas Faszination für den noblen Jüngling hier besser nachvollziehen kann.

Lobenswert ist auch die Inszenierung der Stiefmutter, die – ganz in neuer Disney-Tradition – mehr als nur die eindimensionale Bösewichtin ist. Nach Maleficent, der durchgehend aus der Sicht der bösen Hexe erzählt ist, und der Serie Once Upon A Time, die jedem noch so fiesen Charakter eine eigene Lebensgeschichte und somit Komplexität zugesteht, bemüht sich auch Cinderella zumindest um eine Herleitung der Bösartigkeit. Stiefmutter Lady Tremaine, grandios verkörpert von Cate Blanchett, ist nur eine von vielen Frauen, die in einem zutiefst patriarchal organisierten System um ihr Überleben kämpfen. Was hat sie nach dem Tod ihres zweiten Ehemanns schon für eine Wahl, um ihren beiden Töchtern (und natürlich sich selbst), das Leben zu ermöglichen, das sie sich wünscht? Hat sie nicht auch ein Recht auf ein Happy End in ihrem eigenen Sinne, also in Wohlstand und Luxus? Weshalb soll sie nicht danach streben dürfen? Aus eigenen Stücken kann sie diesen Lebensstandard nicht erreichen. Vielmehr verurteilt sie der Tod ihres zweiten Ehemanns, Cinderellas Vater, zu vermutlich lebenslanger Armut. Welche Mutter würde hier nicht alles geben, um ihre Töchter vor diesem Schicksal zu bewahren?

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Selbstredend ist sie eine egoistische und hartherzige Frau, wie auch ihre Töchter keinerlei Empathie und Großzügigkeit besitzen. Cinderella ist eben ein Märchen, woran Kenneth Branagh mit seinen farbenfrohen Bildern und der verspielten Komik auch keinen Zweifel aufkommen lässt. In diesem Kontext müssen die Ursachen für die Grausamkeit der Figuren in der Andeutung verbleiben. Die Andeutung aber ist da.

Und doch stehe ich auch dieser Cinderella-Interpretation schließlich skeptisch gegenüber. Denn im Kern bleibt das Märchen ein Aufruf zur Passivität. Die wie ein Mantra wiederholte Aufforderung „Have courage and be kind“ ist eine Valium für das weibliche Publikum. Auch wenn euch Ungerechtigkeit widerfährt, so sagt diese Erzählung, müsst ihr höflich und charmant bleiben, denn eines Tages wird auch euer Prinz daherkommen und euch aus der Misere befreien. Und so ruft auch Branaghs Cinderella zur Untätigkeit anstatt zur Revolte auf. Die Frauen haben hier keine Handlungsoption außer der Eheschließung. Und nur wer brav alle Erniedrigungen demütig ertragen hat, wird am Ende mit einem Happy End belohnt.

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Ich bedaure, dies sagen zu müssen, weil Kenneth Branagh einen ausgesprochen gelungenen und liebevoll inszenierten Märchenfilm geschaffen hat, aber Cinderella gehört auch in dieser Version zu jenen Erzählungen, die Mädchen von Kind an beibringen, sich den patriarchalen Strukturen ihrer Gesellschaft zu beugen, lieber schön als klug, lieber charmant als aufmüpfig zu sein und statt ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, auf die Ankunft ihres Prinzen zu warten.

In einer idealen Welt, könnte ich mich an dieser Geschichte trotzdem erfreuen, weil sie romantisch ist, uns berührt und das gute Gefühl hinterlässt, dass auch unser Leben trotz aller Hürden ein Happy End haben kann. In einer idealen Welt aber gäbe es neben den Märchenfilmen auch andere Vorbilder für Mädchen und Frauen, die eine Wahl ermöglichen, eine Alternative darstellen und uns nicht auf eine einzige Rolle festlegen.

Aber wir leben nicht in einer idealen Welt. Und deshalb bleibt es bestehen: das Cinderella-Problem.

Sophie Charlotte Rieger

Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.
Sophie Charlotte Rieger