Blockbuster-Check: Passengers

Weil der Bechdel-Test zwar ziemlich cool ist, aber dennoch manchmal zu kurz greift, nehme ich im Blockbuster-Check Mainstream-Filme hinsichtlich einzelner Elemente kritisch unter die Lupe.

Achtung: Auf Grund der Herangehensweise kann der Blockbuster-Check nicht spoilerfrei sein!

Held_innen

Aurora (Jennifer Lawrence), die einzige benannte Frauen*figur in Passengers, gleicht auf verdächtige Weise der übrigens gleichnamigen Disney-Prinzessin, die von ihrem Prince Charming aus dem Schlaf wachgeküsst wird. Und ebenso wie schon in Dornröschen keine Romantik darin zu finden war, dass eine wehrlose Frau* ohne Mitspracherecht geküsst, also in eine sexuelle Handlung involviert wird, lässt sich auch bei Passengers mitnichten von einer Liebesgeschichte sprechen.

Die sogenannte „Heldin“ tritt schlafend auf, passiv, als Anschauungsobjekt. Weil Jim (Chris Pratt) alleine ach so fad ist, sucht er sich aus dem Regal der Kälteschlafenden das schönste Exemplar aus. Er wählt natürlich nicht die Person, die ihn am ehesten aus seiner hoffnungslosen Lage retten kann, sondern die schönste, attraktivste, begehrenswerteste. Somit ist Aurora vom ersten Moment an ein Objekt der Begierde, das ausschließlich durch den männlichen* Blick betrachtet wird. Viel unangenehmer aber noch ist die Zeit, die ihrer Erweckung vorausgeht, in der Jim mit Hilfe von Videoarchiven in ihr Innerstes eindringt und sie durch seinen Blick zunehmend sexualisiert. Die Romantik der Geschichte ergibt sich also aus der Twilight-Logik: Es ist einfach so wahnsinnig charmant, wenn Männer* in die Privatsphäre von Frauen* eindringen, um sie ohne ihr Einverständnis zu bespannen.

© Sony

Auf dem Weg ins Paradies der neuen Welt stehen Jim und Aurora augenscheinlich für Adam und Eva. „Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei“ (1. Mose 2, 18) – und weil Gott in einem Mainstream Science Fiction Film keinen Platz hat, schreitet Jim selbst zur Tat. Aurora ist Eva, sie ist die Gehilfin, das Beiwerk, die Ablenkung, aber sie ist keine eigenständige Person.

Wie sollte es auch anders sein? Schließlich ist die Rolle des Gestrandeten, des einsamen Wolfes auf einer noch einsameren Insel, eindeutig männlich* – denken wir nur an Robinson Crusoe und seine Hollywood-Version in Cast Away. Aber auch abseits von diesem Klischee macht Passengers wirklich einen fantastischen Job darin, auch die antiquiertesten sexistischen Zuschreibungen noch unter der Couch hervorzukramen: Jim ist natürlich Ingenieur, ein Mensch, der anpackt, der in der neuen Welt etwas bauen, etwas schöpfen will, denn Schöpfung ist Männer*sache. Und weil Jim so ein krasser Kerl ist, darf er natürlich auch total gefährliche Dinge tun und sein Leben aufs Spiel setzen.

© Sony

Aurora hingegen ist zunächst einmal schön. Zweitens: schön. Und drittens: schön. Viertens: manchmal hysterisch. Und fünftens: schön. Angeblich ist sie Schriftstellerin, doch große Kunst scheint sie nicht zu vollbringen. Ihre autobiographischen Ergüsse, die zuweilen im Voice Over erzählt oder durch Jim den Zuschauer_innen vorgelesen werden, lassen jedenfalls wenig Talent vermuten. Es ist in diesem Zusammenhang blanker Hohn, wenn Adam die Eloquenz seiner Eva auf Grund einer völlig banalen und austauschbaren Textpassage preist, frei nach dem Motto „Toll Eva, Du kannst drei Worte aneinanderhängen und einen Satz bilden! Ich bin beeindruckt!“

Immerhin begreift Aurora irgendwann den an ihr begangenen Missbrauch, allerdings nicht das Monate lange Ausspionieren und Angaffen ihres wehrlosen Körpers. „You took my life“, konfrontiert sie Jim völlig zu Recht, aber leider mit der durch das Klischee gebotenen Dosis Hysterie. Doch all diese Klarsicht hilft Aurora nicht weiter. Vom Scheitel bis zur Sohle von ihrem Mann* abhängig, bleibt ihr nichts anderes übrig als ihm zu verzeihen. Denn wie schon das Lehrbuch „Missbrauch für Anfänger und Fortgeschrittene“ sagt: Isolation ist der beste Schutz vor Gegenwehr. Vor diesem Hintergrund ist Auroras finaler Heldinnenmoment nichts anderes als die bedingungslose Kapitulation.

© Sony

Gegenspieler_innen

Vielleicht ist die Abwesenheit von Gegenspieler_innen einer der Gründe für die unterirdische Dramaturgie der Geschichte. Mit einer gesunden Portion feministischer Spitzfindigkeit lässt sich aber doch eine Bösewichtin ausmachen: das Raumschiff, vom Besatzungsmitglied Gus (Lawrence Fishburn) eindeutig als weiblich* bezeichnet, wenn er den magischen Satz formuliert: „Find out what’s wrong with her“. Wie dieser Satz jedoch eindrucksvoll vor Augen führt, ist die Bösewichtin nicht aktiv, hat kein abgründiges Ziel, das sie mit noch abgründigeren Mitteln verfolgt, sondern ist schlicht und einfach kaputt.

Geschlechterrollen allgemein

Neben Jim und Aurora gibt es nur noch zwei weitere Figuren mit Namen und Text, die – wie sollte es anders sein – männlich* besetzt sind. Ein dritter Mann* taucht unkörperlich auf: Auroras Vater, ein preisgekürter Literat, das eigentliche Genie dieser Geschichte, spielt im Leben der Tochter auch nach seinem Tod noch eine große Rolle, während die dazugehörige Mutter auffällig unauffällig, um nicht zu sagen vollkommen irrelevant für die Geschichte bleibt.

© Sony

Dresscode und Sexappeal

Zugegeben: Auch Chris Pratt dürfen wir ab und an auf den nackten Knackarsch gucken. Durch die Art und Weise jedoch wie Aurora in die Geschichte eingeführt wird, bleibt sie das primäre Anschauungsobjekt des Films. Immer perfekt geschminkt und frisiert, egal ob nach dem Sex oder dem Aufstehen, und mit überaus ansehnlicher Garderobe ausgestattet, ist sie nicht nur für ihren Adam, sondern auch für die Kinozuschauer_innen stets ein Augenschmaus. Ihr Badeanzug ist keine funktionale Sportbekleidung, sondern Reizwäsche, und ihr Sprung ins kühle Nass mehr eine verführerische Pose denn der glaubwürdige Auftakt einer körperlicher Ertüchtigung. Als sie zum ersten Mal einen Raumanzug besteigt, muss sich Aurora für dieses Vorhaben aus völlig unersichtlichen Gründen komplett entkleiden. Weil frau* nicht mit Kleid in einen Raumanzug steigen kann? Nur zur Info: Wir reden hier nicht von einer bodenlangen Robe, sondern von einem knappen Kleidchen, das im Zweifelsfalle zumindest als Oberhemd dienen könnte. Kurzum: Passengers lässt keine Chance ungenutzt, um Aurora zu sexualisieren und zu objektifizieren.

© Sony

Dramaturgie

Aurora hat keinerlei Einfluss auf den Verlauf der Dinge, ja nicht einmal auf ihr eigenes Leben, das ihr durch Jim wie oben erläutert vollkommen aus der Hand genommen wird. Ihre Rolle ist ausschließlich die der Reagierenden. Dabei beschränkt sich das Repertoire ihrer Handlungsoptionen auf Rückzug, Hysterie und dem sich stillen Fügen in das durch andere (Männer*) definierte Schicksal. Und nein, ein ironischer Bruch, der diese sexistischen Strukturen in eine Gesellschaftskritik verwandeln würde, ist nicht vorhanden.

Botschaft

Es ist nicht gut, dass der Mann allein sei; er solle sich aus dem Regal ein weibliches* Spielzeug aussuchen, das ihm Freude bereite.

Gesamtwertung: 0

von 0 (Sexistische Kackscheiße) bis 10 (Emanzipatorisch Wertvoll)

Kinostart: 5. Januar 2017

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