Berlinale: Die Widerständigen

„Die Filme, die ich mache, müssen gemacht werden. Weil wenn die Menschen tot sind, sind sie tot. Und dann erzählt niemand mehr, dann haben wir nur noch die Gestapo-Protokolle und dann haben wir nur noch die Dokumente der Täter. Das geht doch nicht.“

Mit dieser Überzeugung widmete sich Filmemacherin Katrin Seybold zu Lebzeiten der Dokumentation des Holocausts. Ihren letzten Film Die Widerständigen “also machen wir das weiter..” konnte sie jedoch nicht mehr vollenden.

Ula Stöckl, ihrerseits auch für ihre feministische Filmarbeit bekannt, griff auf die von Seybold über viele Jahre geführten Interviews zurück und fügte sie zu einem Dokumentarfilm zusammen, der nun auf der Berlinale präsentiert wurde.

Die Widerständigen sind jene Menschen, die 1943 das Erbe von Sophie und Hans Scholl antraten, deren Flugblatt abtippten und in verschiedenen deutschen Städten verteilten. Von einer – zumindest im Film – nicht identifizierten Person an die Gestapo verraten, wurden die Beteiligten schließlich auf Grund dieser Tätigkeit verhaftet, zum Teil in Arbeitslager deportiert, in einem Fall gar hingerichtet.

© Berlinale

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Katrin Seybolds Interviews mit den mutigen Aktivist_innen von damals halten diese Geschichte für die Ewigkeit fest, denn irgendwann wird niemand mehr da sein, der uns aus erster Hand von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs berichten kann. Und es macht einen Unterschied, ob ein unbeteiligtes Voice Over Archivaufnahmen kommentiert oder ob Zeitzeugen von ihren eigenen Erfahrungen, Ängsten und Hoffnungen berichten. Es ist jene ganz persönliche Ebene, aus der Die Widerständigen seine Kraft gewinnt.

Der Fokus liegt ganz auf den Protagonistinnen, deren Gesichter meist in Großaufnahme die Leinwand komplett ausfüllen, während das Setting im Hintergrund verschwimmt. Oft intensivieren langsame Zooms die Beziehung zwischen Zuschauer_in und Protagonist_in, offenbaren auch kleine Regungen in der Mimik. Denn viele der Interviewpartner_innen legen in Anbetracht der emotionalen Berichte große Stärke an den Tag. Vielleicht ist dies ein Weg mit derartigen Traumata umzugehen, vielleicht hat die Zeit Wunden geheilt. Der intensive Fokus auf die Gesichter aber macht die Gefühle der Erzähler_innen dennoch sichtbar und lässt große Nähe zu.

In Zwischentiteln ergänzt Ula Stöckl die Augenzeugenberichte durch Hintergrundinformationen. Dabei ist es gerade die Nüchternheit – weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund und absolute Stille – die Betroffenheit auslöst. Geschichten wie diese benötigen keine künstliche Dramatisierung. Sie sind ganz für sich genommen dramatisch genug. „Pur“ ist der treffendste Begriff, der mir zu Ula Stöckls Inszenierung in den Sinn kommt. Mit dieser Reduktion auf das Wesentliche ermöglicht sie auch den ungefilterten Respekt für die Protagonist_innen, die hier in Einzelinterviews ihre gemeinsame Geschichte erzählen.

Die Isolation der Figuren hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Es entsteht der Wunsch nach mehr Information: Kennen sich Die Widerständigen heute noch? Wie haben sich Freundschaften nach dem Krieg weiterentwickelt? Wie ist ihr Leben weitergegangen? Wenn diese Fragen sich auch nach längerem Nachdenken als unwichtig erweisen, bleibt doch der dringende Wunsch nach einer Szene der Gemeinschaft. Wäre es nicht schön, sie alle in einem Bild zu sehen, verbunden durch eine schreckliche Geschichte, aber eben doch einander stützend und viele Jahrzehnte nach den Ereignissen unter neuen Voraussetzungen vereint?

Der Trost läge wohl ganz auf unserer Seite. Ihn uns vorzuenthalten ist die richtige Entscheidung, um den Blick frei zu machen, der somit ungefiltert auf die Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit der Diktatur des Dritten Reichs fällt.

Ula Stöckls Film, besser gesagt Katrin Seybolds Interviews, sind ergreifend, ohne Mitleid oder Betroffenheit einzufordern. Marie-Luise Schulze-Jahn, Liselotte Dreyfeldt-Hein, Karin Friedrich, Ilse Ledien, Traute Lafrenz-Page, Valentin Freise, Jürgen Wittenstein, Birgit Weiß-Huber und Gerda Freise sind nicht einfach nur Opfer. Sie sind vor allem Die Widerständigen.

Kinostart: 7. Mai 2015