Für mehr Vielfalt – Interview mit Chloé Robichaud

Chloé Robichaud ist verdammt cool. Ich war wahnsinnig aufgeregt, damals vor unserem Interview in Cannes, aber ihre ruhige und offene Art ließen die Nervosität schnell verfliegen. Chloé haftet diese sympathische Natürlichkeit ein, die Aura eines Menschen, der in sich ruht und weiß wohin er will. Das verbindet sie mit der Heldin ihres Films Sarah Prefers to Run, einer junge Langstreckenläuferin, deren Leben sich statt um Männer und Partyabenteuer ausschließlich um den Sport dreht. Das ist nicht immer einfach und stellt insbesondere die von amourösen Schwingungen durchsetzte Freundschaft zu ihrem besten Freund Antoine auf die Probe.

Mich hat Sarah Prefers to Run damals sehr begeistert. Die Ruhe und Schönheit der Bilder, ihre Intimität und Zärtlichkeit und die sehr subtile Erotik bezauberten mich. Leider hat Chloé Robichaud seitdem keinen weiteren Langfilm gemacht, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir noch einmal etwas von ihr sehen werden. Und damit auch ihr Chloés nächsten Film nicht mehr erwarten könnt, folgt nun mein Interview mit ihr, dass euch sicher neugierig machen wird.

Warum hast Du Dich für das Thema „Laufen“ entschieden?

Ich hatte das Gefühl, das sei eine schöne Metapher für das Leben meiner Protagonistin. In gewisser Weise läuft sie vor dem Leben davon, aber gleichzeitig läuft sie auch ihrem Traum hinterher. Diesen Widerspruch und die Metapher des Laufens fand ich interessant. Und visuell gesehen ist Laufen schön anzusehen, im Gegensatz dazu, wenn sie in einem Büro oder als Ärztin arbeiten würde.

Wie lief Deine Recherche ab?

Vor einem Jahr habe ich mich mit einem Trainer getroffen, aber ich wollte ohne Vorwissen mit dem Schreiben beginnen, um eine Art naive erste Fassung zu schreiben, in der es nur darum geht, was sich für mich richtig anfühlt. Aber dann habe ich mit Hilfe des Trainers noch ein paar Details hinzugefügt. Die Schauspieler haben ihrerseits über sechs Monate intensiv mit einem Trainer zusammengearbeitet.

In Deinem Film geht es auch um das Erwachsenwerden und um sexuelle Identität. Sind das Themen, die Dich beschäftigen?

Das gehört zu meiner Generation und ich wollte über etwas sprechen, das ich selbst erlebe. Wir alle müssen uns auf die eine oder andere Weise mit diesen Fragen auseinandersetzen. Es gibt viele Teenager Filme, aber ich wollte noch tiefer gehen und zeigen, welche Konsequenzen unsere Träume mit sich bringen.

© Les Films Séville

© Les Films Séville

Sarah übt einen Sport aus, der in gewisser Weise „männlich“ ist. Das wird auch im Film thematisiert. Empfindest Du Filmregie auch als eine „männliche“ Profession?

Manchmal ist es ein Männer-Club, aber ich glaube, das verändert sich gerade. In Quebec gibt es viele Regisseurinnen im Kurzfilmbereich. Da gibt es sogar mehr Frauen als Männer. Ich mache aber keine typisch weiblichen Filme. Wir müssen alle eine ganz individuelle Vision von Film und Kino entwickeln. Ich würde weibliche Filmemacherinnen gerne stärker repräsentiert sehen, weil ich glaube, dass wir die Vielfalt von Männern und Frauen brauchen.

Fühlst Du Dich als Frau in gewisser Weise verantwortlich, Filme über Deine Generation von Frauen zu machen?

Ich fühle mich nicht verantwortlich, aber ich möchte es trotzdem machen. Es gibt nicht viele Filme, in denen Frauen von Anfang bis Ende präsent sind. Sarah ist überall in meinem Film präsent. Und sie unterscheidet sich deutlich von anderen Frauen in Filmen. Es gibt keine Klischees von Weiblichkeit und sie ist eigentlich auch nicht richtig feminin.

Hast Du Dich in diesem Zusammenhang auch mit der Repräsentation des weiblichen Körpers auseinandergesetzt?

Ich habe darüber nachgedacht, denn Sarah ist sehr schüchtern. Sie will ihren Körper nicht zeigen. Daher wollte ich nicht, dass man alles sehen kann. Sogar in der Duschszene kann sie nicht richtig hinsehen. Ich wollte keine Brüste oder so zeigen, denn sie schaut nur auf den Nacken [der anderen Frauen] und in gewisser Weise finde ich das sogar romantischer und erotischer.

Gibt die Beziehung der beiden Hauptfiguren die heutige kanadische Realität wider?

Ich glaube, das ist ein Spiegelbild einer ganzen Generation. Sarah ist wirklich stark an ihrer Karriere und dem Laufen interessiert. Er [Antoine] interessiert sich mehr für das gesellschaftliche Leben und möchte vielleicht eine Beziehung haben. Ich glaube, meine Generation in Quebec und hoffentlich auch international kann sich damit identifizieren.

© Les Films Séville

© Les Films Séville

Das Ende Deines Films ist sehr ambivalent. Kannst Du ein bisschen etwas dazu sagen?

Zum ersten Mal im gesamten Film trifft Sarah eine Entscheidung. Das ist gleichzeitig positiv und negativ. Dass sie eine Entscheidung trifft, ist eine gute Sache. Aber wenn man sich für etwas entscheidet, gibt es immer auch Konsequenzen.

Als Sarah für die Zeitung interviewt wird, gibt sie an, sich nicht wirklich für Quebec oder Kanada zu interessieren. Hat sie keinerlei Nationalstolz?

Es geht nicht darum, dass sie nicht stolz ist. Aber als ich die Olympischen Spiele gesehen habe, hatte ich das Gefühl, dass alles plötzlich so politisch war. Und ich möchte einfach deutlich machen, dass es ihr um den Sport geht. Das ist es was sie sagt: Politik ist mir egal. Ich möchte einfach tun, was ich tun muss.

In diesem Interview wird Sarah auch gefragt, was sie tun würde, wenn sie ihrem Sport nicht mehr nachgehen könnte. Was würdest Du tun, wenn Du keine Filme mehr machen könntest?

Ich habe darüber nachgedacht als ich das Drehbuch geschrieben habe. Was würde ich tun, wenn ich das Kino nicht hätte? Und ich weiß es nicht. Das ist es, was ich mit meinem Leben machen möchte. Manche Leute müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie nicht das tun können, was sie gerne tun würden. Sie müssen sich nach einem Plan B umsehen. Und Sarah will keinen Plan B haben. Ich weiß nicht, was ich tun würde. Ich bin genauso wie Sarah.

Sophie Charlotte Rieger
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