PFFF 2017: Sexy Horizonterweiterung

Ein Porno jagt den nächsten: Nur wenige Tage nach dem PorYes Award begann das Berliner Pornfilmfestival. Weil ich beim Juliane Bartel Preis in der Jury saß und danach meiner Erwerbsarbeit nachgehen musste, hatte ich leider in diesem Jahr viel zu wenig Zeit dafür und scheiterte am grundsätzlich erfreulichen Publikumsansturm: Ich bekam einfach nicht die Karten, die ich wollte. Das führte dazu, dass ich zwar einige Spiel- bzw. Dokumentarfilme, aber kaum Pornos sichten konnte. Trotzdem möchte ich euch natürlich an meinen Entdeckungen teilhaben lassen, zumal viele davon mal wieder horizonterweiternde Nebenwirkungen besitzen. Und einige der Filme haben sogar einen Kinostart oder sind bereits auf DVD erhältlich. Deshalb: Los geht’s!

Queere Vaterfreuden in Rester Vertical

In wunderschönen und zugleich völlig unprätentiösen Bildern erzählt Rester Vertical mit großer Ruhe und einer dezenten Dosis trockenen, zuweilen auch absurden Humors von Liebe, Sex und Vaterschaft. Ein junger Drehbuchautor auf Wanderschaft bekommt mit einer Schäferstochter ein Kind, doch die Beziehung zerbricht und lässt ihn als alleinerziehenden und heimatlosen Vater zurück.

Regisseur und Drehbuchautor Alain Guiraudie kontert in seiner Erzählung so ziemlich jeden Stereotyp, verkehrt Geschlechterrollenbilder und fordert sein Publikum mit dieser zutiefst queeren Strategie gehörig heraus. Was als realistische Narration beginnt, entwickelt mehr und mehr absurde oder gar märchenhafte Elemente und schafft auf diesem Wege eine Abstraktionsebene für Fragen zu Männlichkeit*, Liebe, Sexualität und Elternschaft. Obwohl in Rester Vertical einfach nichts so ist „wie es sich gehört“, behält der Film stets eine Ruhe und Selbstverständlichkeit, die er aufs Publikum zu übertragen im Stande ist. So dass dieses schließlich in der Lage ist, in einer der ungewöhnlichsten Sexszenen des zeitgenössischen Kinos nicht Perversion, sondern Zärtlichkeit zu sehen.

Roadtrip durch die sterbende Pornoszene in Strawberry Bubblegums

Stärker könnte der Kontrast nicht sein. Wo Rester Vertical überaus subtil arbeitet, schwingt Strawberry Bubblegums den Zaunpfahl. Die deutsche Komödie widmet sich der Geschichte eines „Pornounfalls“: Die 17-jährige Lucy (Gloria Endres de Oliveira) erfährt, dass sie während eines Pornodrehs gezeugt wurde, und begibt sich auf die Suche nach ihrem Vater. In Begleitung vom ehemaligen Branchenstar Uwe Ochsenschwanz klappert sie die Drehpartner der Mutter ab und muss dabei ihre Einstellung zum Sexfilm gehörig hinterfragen.

In dieser Coming of Age Komödie von Benjamin Teske schwingt durchaus ein wehmütiger Abschied an eine vergangene Porno-Ära mit. Der Fokus aber liegt auf dem Unterhaltungswert des Tabuisierten, wobei das Publikum durch Lucys unschuldige und skeptische Augen auf das wilde Treiben schaut. Bedauerlich ist hierbei vor allem, von ein paar unnötigen Frauen*witzen und „nein heißt ja“-Narrativen abgesehen, die starke Präsenz Uwe Ochsenschwanz, der die eigentliche Hauptfigur zu oft in den Schatten stellt. Immerhin kommt der Fernsehfilm (ja, tatsächlich!) schließlich zu einem sexpositiven Fazit, dass Pornographie als legitimes Berufsfeld für alle Menschen etabliert und darin sogar emanzipatorisches Potential verortet. Begeisterungsstürme löst der Film bei mir dennoch nicht aus. Dafür bedient Strawberry Bubblegums insbesondere in der Figurenzeichnung einfach zu viele (sexistische) Klischees.

Unerwartete Enthüllungen in Pornocracy

Die französische Filmemacherin Ovidie ist ein Dauergast des Pornfilmfestivals, brachte aber dieses Jahr keinen neuen Porno, sondern einen Dokumentarfilm mit. In Pornocracy wirft sie einen kritischen Blick auf die Hintermänner* der Online-Pornoindustrie und zeigt auf, wie sich das Business durch den Wandel von Bahnhofskino über DVD hin zu YouPorn verändert hat – und zwar zum Schlechten. Wie kommen in einer Zeit der kostenlosen Online-Angebote die großen Gewinne zustande? Wer profitiert finanziell und wer verliert? Wie wirken sich diese Strukturen auf die Inhalte aus?

© MindJazz Pictures

Vielleicht manchmal zu sehr auf die Emotionen ihres Publikums abzielend, gelingt Ovidie doch eine absolut ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Thema, die auch vor komplexen wirtschaftlichen Zusammenhängen nicht zurückschreckt. Pornocracy ist keine Unterhaltungs-Doku über das Porno-Business, sondern ein dichter Dokumentarfilm über komplexe Zusammenhänge, der schließlich sein Publikum in die Pflicht nimmt, den eigenen Porno-Konsum zu überdenken. Pornocracy zeigt die enge Verzahnung von Kapitalismus und Sexismus und unterstreicht damit das Statement von Chanelle Galant beim PorYes Award 2017: “Für Pornos zu bezahlen, ist feministisch.”

Die richtige Platzierung für diesen Film wäre meiner Meinung nach die Prime-Time in den Öffentlich Rechtlichen sowie eine Tour durch Oberschulen in ganz Deutschland. Stattdessen ist Pornocracy still und leise auf DVD erschienen, immerhin aber auch bei Maxdome und Amazon als VoD verfügbar. Mein Votum: Unbedingt, unbedingt, unbedingt ansehen und weiterempfehlen!

Aus- und Aufbruchsstimmung in Los Decentes (Die Liebhaberin)

In einer Gated Community bei Buenos Aires beginnt die schüchterne und von einer schwierigen Vergangenheit gezeichnete Haushälterin Belén ein neues Anstellungsverhältnis und ist dabei gleich doppelt eingesperrt: In dem abgeriegelten Wohngebiet der Oberschicht ebenso wie in der Rolle einer Privat-Sklavin. Denn Belén hält nicht nur das Haus sauber, sondern dient ihrer Arbeitgeberin zugleich als bezahlte Freundin, die auch mal mitten in der Nacht als Ansprechpartnerin herhalten muss. Doch durch Zufall entdeckt das Hausmädchen* bei der Gartenarbeit auf der anderen Seite der Hecke ein FKK-Dorf und nach anfänglicher Skepsis ist ihre Neugierde geweckt.

Los Decentes, in Deutschland bald als Die Liebhaberin im Kino, erzählt von unterschiedlichen, selbst errichteten Gefängnissen. Ob es die Mauern des Wohngebiets sind oder die Ansprüche der Menschen aneinander und sich selbst, im Mikrokosmos der Gated Community wirkt niemand wirklich glücklich. Im FKK-Dorf hingegen fallen mit den textilen Hüllen auch andere Restriktionen wie Monogamie, Heterosexualität und Klassenunterschiede.

Das ist mitnichten so platt wie es klingt, sondern durch den klugen Humor in jedem Fall als Bild zu verstehen, das zum Nachdenken über das eigene gesellschaftliche Korsett anregen und Neugier auf neue, offenere Wege wecken soll. Das gelingt mit Leichtigkeit und macht dabei auch noch überaus großen Spaß.

Kinostart: 9. November 2017

Good Bye Heteronormativität mit Chelsea Poe

Die Werkschau zu Performerin, Regisseurin und Trans*aktivistin Chealsea Poe war in diesem Jahr für mich die einzige Gelegenheit, Hard Core Pornos zu sehen. Das war zunächst etwas irritierend, denn Chelsea wirkt live so unschuldig mädchenhaft, dass ich sie nur schwer mit den Filmausschnitten in Verbindung bringen konnte. Ihre Filme zeigen queere und stets Dominanz und Unterwerfung geprägte sexuelle Begegnungen, in denen viel Raum für Consent, Safer Sex und gemeinsames Lachen ist. Das macht ihre Pornos unabhängig von eigenen sexuellen Präferenzen überaus sympathisch. Selbst wenn die Erotik nicht ansteckend sein sollte, die Freude der Performerinnen ist es auf jeden Fall. Die große Vielfalt gezeigter Körper wiederum beweist, dass jede Person erotisch sein kann. Damit erweitern die Filme von und mit Chelsea Poe unseren Horizont gleich doppelt: Sex hat doch so viel mehr zu bieten als penetrativen Geschlechtsverkehr heteronormschöner Körper.

Wenn sie selbst Regie führt, kreiert Chelsea übrigens eine Vielzahl von Perspektiven. Das drückt sich in Split Screens und Überblendungen aus, die mehrere Bilder derselben Szene zur gleichen Zeit sichtbar machen. Das Ziel der Filmemacherin, die Pornographie klar als Kunstform begreift, ist die Möglichkeit, sich als Zuschauer_in eine eigene Perspektive auszusuchen, selbst zu wählen, wo wir hinschauen, worauf wir uns visuell einlassen wollen. Das, so Chelsea Poe, ermögliche eine realistischere Abbildung von Sexualität. Wer sich von dieser These im wahrsten Sinne des Wortes selbst ein Bild machen möchte, der kann das auf Chelseas Webseite tun.

Und denkt dran: Für Pornos zu bezahlen, ist feministisch!

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