IFFF 2015: Stella – Min Lilla Syster

Wenige Lebensphasen sind derartig herausfordernd wie die Pubertät. Plötzlich fühlt sich alles anders an, vor allem unser Körper. Wir beginnen, uns durch die Augen der anderen zu sehen, uns zu vergleichen, und entdecken dabei vermeintliche Makel, die uns zuvor nicht bewusst waren. Die kleine Stella (Rebecka Josephson) zum Beispiel schämt sich für ihren Damenbart, den sie nicht hat. Und das alles nur wegen eines dummen Scherzes ihrer großen Schwester Katja (Amy Diamond). Die wiederum hat deutlich schwerwiegendere Probleme mit ihrem Körper: Für eine Karriere als Eiskunstläuferin hungert und trainiert sei sich bis an ihre physischen und emotionalen Grenzen.

Doch Stella – Min Lilla Syster ist keine Geschichte über ein magersüchtiges Mädchen, sondern über die Schwester eines magersüchtigen Mädchens. Indem sie den Fokus von Katja auf Stella verschiebt, verhindert Regisseurin Sanna Lenken einen elendsvoyeuristischen Blick und verleiht ihrem Film größere Komplexität als dies ein stringentes Anorexie-Drama erreichen könnte. Denn es geht hier nicht primär um die psychische Erkrankung der älteren Schwester, sondern um den Coming of Age Prozess der jüngeren.

stella min lilla syster

© IFFF Dortmund/Köln

Es ist die Dynamik zwischen den beiden Mädchen, die dem Film seine Kraft verleiht. Als Stella die Probleme der mehrere Jahre älteren Katja entdeckt, verschiebt sich ein Rollenmuster. Katja ist – wie vermutlich jede große Schwester – ein Vorbild für Stella, die Kleine wiederum ein Zögling für die Ältere. Die Krankheit führt zu einem Bruch: In ihrer Angst, entdeckt und zum Essen gezwungen zu werden, beginnt Katja die jüngere Schwester emotional zu erpressen. Doch auch in ihren fiesesten Momenten, ist die Liebe und Sorge um Stella stets in Katjas Augen sichtbar und verleiht den Situationen besondere Tragik. Hinter all ihrer Aggression steckt doch spürbare Dankbarkeit für die Sorge der Kleinen um die Große.

Die schauspielerischen Leistungen von Amy Diamond und Rebecka Josephson sind bei all dem überragend. Die Momente schwesterlicher Intimität berühren durch ihre Authentizität, die emotionalen Konflikte bedrücken durch ihren Realismus. Die Führung der beiden Jungdarstellerinnen durch Sanna Lenken kann mit den bisher stets überlegenen US-amerikanischen Filmkindern locker mithalten.

stella min lilla syster 2

© IFFF Dortmund/Köln

Trotz Amy Diamonds glaubwürdiger Verkörperung der magersüchtigen Katja, bleibt Stella der Star des Films, der durch die bewusste Setzung des Lichts stets besonderen Glanz und Grazie erhält. Es ist ihre Geschichte, ihr Kampf um Emanzipation vom schwesterlichen Vorbild. Stella – Min Lilla Syster ist im Kern die Geschichte einer präpubertären Selbstfindung. Eigentlich interessiert sich Stella nämlich viel mehr für Käfer als für Kufen, doch der Erfolg der älteren Schwester und die damit verbundene Aufmerksamkeit der Eltern treiben sie doch immer wieder aufs Eis. Dabei verzichtet Sanna Lenken auf herzerfrischende Weise darauf, Stellas Körperlichkeit überzubetonen. Im Gegensatz zur abgemagerten Schwester hat Stella für das gängige Schönheitsideal ein paar Kilos zu viel auf den Rippen. Statt dieses jedoch ins Zentrum ihrer Körperkrise zu stellen, konzentriert sich der Film ausschließlich auf den gefürchteten Oberlippenbart. Auch hier wird die Anorexie thematisch in den Hintergrund gedrängt und verliert dadurch in einem gesunden Maß an Relevanz: Stella – Min lilla Syster hat kein “Trigger-Potential”, wird sehr wahrscheinlich keine Zuschauer_innen zu Hungerkuren motivieren.

Nebst all dem Lob kann ein wenig Kritik hier leider nicht verschwiegen werden. Im letzten Drittel übertreibt es Lenken mit der Dramatik ihrer Geschichte deutlich. In dem Bemühen, einen spannenden Höhepunkt der Geschichte zu erschaffen, schießt sie über das Ziel und vor allem die Grenzen der Authenizität ihrer Geschichte hinaus. Dabei sind es insbesondere die Eltern der beiden Mädchen, deren Ignoranz und Hilfslosigkeit der Magersucht ihrer Tochter gegenüber kaum überzeugen kann.

Doch bis zu diesem letzten dramaturgischen Drittel haben wir uns bereits viel zu sehr in die kleine Stella verliebt und verzeihen die Wermutstropfen der dramatischen Überzeichnung nur zu gerne. Stella – Min Lilla Syster hat bei der Berlinale 2015 zu recht den Gläsernen Bären gewonnen, handelt es sich doch um einen sowohl pädagogisch wie auch emanzipatorisch wertvollen Film, aus dem auch Erwachsene eine ganze Menge lernen können.

Sophie Charlotte Rieger
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