Gut gebrüllt: Amal Ramsis und Filmlöwinnen in Ägypten

Ich lernte Amal Ramsis bereits vergangenes Jahr beim Flying Broom Festival in Ankara kennen, aber erst als ich sie dieses Jahr beim Frauenfilmfestival in Dortmund wiedertraf, wurde mir klar, was für eine starke Filmlöwin ich da vor mir hatte. Amal hat nicht nur ein Frauenfilmfestival in Kairo gegründet, sondern beim IFFF dieses Jahr auch einen sehr bewegenden Dokumentarfilm über die Ägyptische Revolution präsentiert. Viele, viele Gründe also, sie bei GUT GEBRÜLLT vorzustellen.

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© Necati Sonmez

Du hast das Cairo International Women’s Film Festival gegründet. Wie kam es dazu?

Es war sehr wichtig ein Frauenfilmfestival in Ägypten zu begründen, dem Land mit der größten Kinoindustrie der arabischen Welt, Lateinamerika und Europa. Damit wollten wir die Filme von Frauen aus der arabischen Welt unterstützen, ihnen ermöglichen, sie vor einem großen Publikum zu zeigen und allgemein dabei helfen, den Anteil von Regisseurinnen im Kino zu erhöhen. Außerdem liegt uns am Herzen, einen politischen, ökonomischen und kulturellen Diskurs über die Frauen in unserer Gesellschaft zu eröffnen und am Laufen zu halten und mehr Menschen in diesen Diskurs zu involvieren, insbesondere Männer. Wir wollen ein realistisches Bild der arabischen Frau jenseits der dominanten Stereotype in den westlichen Medien präsentieren und über ihren Kampf für Veränderung sowie ihre bedeutende Rolle in der Gesellschaft sprechen. Ein weiteres Ziel war die Etablierung eines interkulturellen Netzwerks zwischen arabischen und internationalen Filmemacherinnen.

Welche Schwierigkeiten gab es bei der Gründung des Festivals?

Leider gibt es in Ägypten keinerlei öffentliche Förderung für Initiativen dieser Art. Aus diesem Grund waren wir vollkommen auf die Unterstützung der Botschaften und ausländischen Stiftungen angewiesen. Und so ist ein Großteil der Festivalarbeit ehrenamtlich und wir müssen genau auf unsere Prioritäten achten, um unnötige Ausgaben zu vermeiden.

Gleichzeitig ist die Zensur eines unserer größten Probleme. Nicht nur, weil wir dort eigentlich alle Filme vorlegen müssten, die öffentlich aufgeführt werden, sondern auch, weil die Filme, die wir aus dem Ausland bekommen, dort hindurch müssen. Das erste Problem lösen wir, indem wir mehr und mehr mit privaten Kinos zusammenarbeiten, die keine Erlaubnis der Zensurbehörde brauchen. Und was die Versandprobleme angeht, so haben wir entschieden, inoffizielle Wege zu gehen. Wir haben ein großes Netzwerk von Freund_innen unseres Festival, die überall auf der Welt Filme zugeschickt bekommen und wiederum Menschen mitgeben, die nach Ägypten reisen. Wenn man_frau bedenkt, dass wir letztes Jahr 56 Filme gezeigt haben, kann man_frau sich vorstellen, wie kompliziert, aber gleichzeitig auch effektiv dieses Networking ist.

Was ist das besondere am Cairo International Women’s Film Festival?

Zunächst einmal ist es das erste jährliche Frauenfilmfestival der arabischen Welt. Das nimmt uns auch in die Verantwortung: Wir wollen nicht nur ein gutes Programm für ein stetig wachsendes Publikum präsentieren, sondern auch parallele Aktivitäten organisieren, Workshops, Diskussionen, Master Classes.

Außerdem ist es das erste und einzige Festival in Ägypten, das Film mit arabischen Untertiteln zeigt. Und alle Screenings sind kostenlos! Das Festival steht also allen offen, auch den Menschen, die normaler Weise keinen Zugang zu diesen Filmen haben. Darum haben wir auch so viele Zuschauer_innen, jedes Jahr mehr, und das Festival wird immer beliebter.

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© Necati Sonmez

Du hattest beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund einen Film im Programm, der auch den Publikumspreis gewonnen hat. Herzlichen Glückwünsch! Kannst Du uns kurz in Deinen Worten sagen, worum es in The Trace of the Butterfly geht?

Am 9. Oktober 2011 haben bewaffnete Polizisten friedliche Demonstranten in Cairo angegriffen. Während dieses sogenannten Maspero Massakers starb der 20 jährige Mina Daniel, zusammen mit 26 anderen koptischen Christen. Für viele Demonstrant_innen verkörperte Mina Daniel die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, er war der Che Guevara der ägyptischen Revolution. Für seine Schwester Mary bedeutete Minas Tod das Ende eines Lebensabschnitts, aber auch den Beginn von etwas Neuem. Ich habe Mary Daniel über zwei Jahre durch die ägyptische Revolution begleitet.

Weshalb hast Du Dich für diese Perspektive auf die ägyptische Revolution entschieden?

Die Hauptfigur, Mary, hatte bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen, als ich sie am Tag des Maspero Massakers das erste Mal im Fernsehen sah. Ich wusste, welchen sozialen Druck eine Frau überwinden muss, um ihre Wut und ihre Kritik gegen die Kirche und die Armee derart offen zu artikulieren. Ich spürte, dass sie eine Geschichte zu erzählen hat. Also begann ich sie zu suchen. Als ich sie schließlich fand und wir uns begegneten, entdeckte ich eine viel größere Geschichte als ich gedacht hatte. Und das obwohl ich damals natürlich noch nicht wusste, dass wir während der Dreharbeiten mehrere politische Veränderungen in Ägypten erleben würden.

Als Filmemacherinnen interessiere ich mich für Menschen, die allgemein nicht als Held_innen gelten. Diese Menschen haben viel zu erzählen. Zudem sollte die Erinnerung eines Landes immer durch die Menschen aufrechterhalten werden, die alles für den Traum von echter Veränderung getan haben.

© Amal Ramsis

© Amal Ramsis

Wie hast Du das Material gesammelt? Wie war es, in mitten dieser Demonstrationen zu drehen?

Ich habe ganz am Anfang beschlossen, kein Archivmaterial der politischen Ereignisse zu verwenden. Ich habe viele Filme über die Revolution gesehen, die aus YouTube Videos bestanden haben. Die besaßen für mich keine Glaubwürdigkeit, weder in Hinblick auf die Geschichte noch auf die Filmemacher_innen, die offenbar gar nicht selbst erlebt hatten, was sie da erzählten. Deshalb habe ich mich entschieden, mit Mary und ihren militanten Freunden mitten in die Tumulte hineinzugehen.

Wenn Du da als Filmerin mittendrin bist und neben Dir Menschen verletzt werden oder sterben, dann passiert etwas sehr Interessantes: Du verlierst alle Angst und willst nur noch mehr und bessere Bilder sammeln. Wenn Du filmst, dann existiert die Realität um Dich herum eigentlich nur auf dem kleinen Screen Deiner Kamera.

Ich kann mir vorstellen, dass Filme wie dieser auch die Filmemacherin emotional mitnehmen. Wie gehst Du damit um?

Ich möchte meine Emotionen nicht unterdrücken. Ich habe während des Filmens und auch im Schneideprozess viel geweint. Deshalb hat es so lange gedauert, den Film fertig zu stellen. Ich habe genauso viel geweint wie das Publikum, wenn es bestimmte Passagen des Films sieht. Es ist nicht notwendig, unsere Emotionen zu kontrollieren, wenn wir Filme machen. Wir sollten uns von diesen Emotionen leiten lassen, um Neues zu entdecken. Das ist eine der Aufgaben von Filmemacher_innen: Ein Film sollte ein emotionales Erlebnis durch das Bild und die kinematographische Sprache vermitteln. Das ist genau, was vielen Filmen unserer Zeit fehlt, als ob die Filmemacher_innen vermeiden würden, Emotionen und Gefühle zu erforschen.

© Amal Ramsis

© Amal Ramsis

Was ist das größte Problem für Filmemacherinnen in Ägypten? Inwiefern sehen sie sich anderen Problemen gegenüber als anderswo auf der Welt?

Während der Networkingtreffen unseres Festivals haben wir einen großen Unterschied zwischen den Herausforderungen der westlichen und der arabischen Filmemacherinnen feststellen können. Die westlichen Filmemacherinnen kämpfen gerade für eine 50% Quote in der öffentlichen Förderung. Aber in Ägypten gibt es überhaupt keine öffentliche Filmförderung. So fängt es ja schon mal an!

In unserem Land kämpfen wir um zwei Dinge: Wir drängen den Staat, die Produktion und Distribution von Filmen zu unterstützen und dann erst können wir über eine Quote reden. Was private Produktionen angeht kann man nicht sagen, dass es unsere Filmemacherinnen besonders schwer hätten. Die arabischen Filmfrauen haben viele Jahre darum gekämpft, ihre Filme machen und ihre Geschichten erzählen zu können.

Heute wird auf internationalen Festivals viel über die gute Qualität arabischer Filme gesprochen und auch viel über arabische Regisseurinnen. Darauf können wir stolz sein. Das lässt sich vielleicht nicht auf den Mainstream Film übertragen. Aber andererseits: Die Filme, die international für das neue arabische Kino stehen, stammen oft von Frauen.

Was glaubst Du, können wir tun, um die Situation von Filmemacherinnen allgemein zu verbessern?

Das wichtigste ist, Netzwerke zu etablieren und aufrecht zu erhalten, wie z.B. Frauenfilmfestivals. Das ist der einzige Weg, um etwas zu verändern. Gegenseitig aus unseren Erfahrungen zu lernen, macht es für uns alle leichter!

Und wir dürfen niemals aufhören, Filme zu machen!

 

Gerne hätte ich hier den Trailer zu Amals Film verlinkt, doch leider ist er in Deutschland durch die Gema gesperrt: 

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