Filmkritik: Get – Der Prozess der Viviane Amsalem

© Salzgeber & Company

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Eine Beziehung zu beenden ist furchtbar. All dieser Herzschmerz, diese Selbstzweifel, der Kampf gegen unfreiwillige emotionale und alltägliche Abhängigkeiten. Eine Trennung ist kein leichter Schritt. Grund genug für tiefe Depression und Selbstmitleid. So zumindest mein Empfinden. Doch Get – Der Prozess der Viviane Amsalem zeigt eindrucksvoll, wie „einfach“ unsere Trennungs- und Scheidungsgeschichten hierzulande ablaufen. In Israel nämlich wird die Ehe ausschließlich im religiösen und nicht im staatlichen Kontext geschlossen und muss daher auch in eben jenem wieder getrennt werden. Doch das patriarchale System des orthodoxen Judentums ermöglicht es ausschließlich den Männern, sich von ihren Frauen scheiden zu lassen. Die Damen wiederum müssen in langen und aufwendigen Verfahren erst einmal einen Scheidebrief von ihren Gatten erwerben, um wieder ein eigenständiges und selbstbestimmte Leben führen zu dürfen.

Viviane Amsalem, verkörpert von Regisseurin Ronit Elkabetz, befindet sich in eben jenem Prozess vor einem ausschließlich männlich besetzten Rabbiner-Gericht, um ihr Gesuch auf Ehescheidung vorzutragen. Noch-Ehemann Elisha (Simon Abkarian) boykottiert diesen Vorgang wo immer er kann und das obwohl er über Viviane nur Schlechtes zu berichten weiß. Zahlreiche Male erscheint er nicht zu den Prozessterminen und weigert sich trotz offensichtlicher, unüberwindbarer Zerwürfnissen mit seiner Ehefrau hartnäckig, der Scheidung zuzustimmen. Anhörungen, Zeugenaussagen und trügerische Annäherung ohne darauffolgenge Einigung ziehen sich über Jahre (!) und verlangen Viviane das letzte Bisschen Kraft und Selbstachtung ab, das sie sich über die vielen Jahre ehelicher Unterdrückung noch hatte bewahren können.

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Die Inszenierung von Ronit Elkabetz und ihrem Bruder Shlomi ist bedrückend. Der gesamte Film spielt sich in den Innenräumen des Rabbiner-Gerichts ab. Die Figuren wirken in den engen Räumen eingepfercht, nur selten lässt ein Fenster die Außenwelt erahnen. Auch die Kameraarbeit evoziert das Gefühl von Beklemmung und Freiheitsberaubung, sind die Einstellungen doch sehr bewusst gewählt, oft statisch und seltsam zusammenhangslos. Klassische Schuss-, Gegenschussaufnahmen sind selten, stattdessen konzentriert sich das Bild oft auf einzelne Figuren und blendet die anderen vollkommen aus. Die Zuschauer_innen erhalten nie eine objektive Draufsicht, keine Totale, die alle Figuren miteinander ins Verhältnis setzte. Die präsentierten Bildausschnitte entsprechen nicht dem durch das zeitgenössische Meainstream-Kino etablierten „natürlichen“ Blickbedürfnis, was immer wieder zu kleinen Momenten der Frustration führt. Auch die Zuschauer_innen sind unfrei, müssen sich der Fremdbestimmung der Kamera hingeben, so wie Viviane keine andere Chance hat, als sich von den Männern ihr Leben diktieren zu lassen.

Dieser Vorgehensweise wirkt sehr nüchtern, erschwert zuweilen den Zugang zu den Ereignissen, vor allem aber ein Gespür, ein Gefühl für die Situation. Get – Der Prozess der Viviane Amsalem bleibt hierdurch sehr abstrakt. Vielleicht ist das auch etwas Gutes, schließlich ist die Geschichte dieses Scheidungsprozesses derart haarsträubend und schockierend, dass eine intensivere Inszenierung den Zuschauer vermutlich überfordern würde. Zudem steckt hinter dieser außergewöhnlichen Wahl der Einstellungen durchaus ein System: Ronit und Shlomi Elkabetz präsentieren all ihre Figuren immer aus der Perspektive einer anderen. Statt einer objektiven Sicht der Filmemacher_innen und ihrer Kamera, gibt es in Get – Der Prozess der Viviane Amsalem nur Subjektiven. Die Konsequenz daraus ist: Wer nicht gesehen wird, wer für niemanden Anschauungsobjekt ist, der_die ist auch nicht im Bild.

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Diese Technik als solche hat sich mir allerdings nicht aus dem Film selbst, sonderm erst dem Presseheft erschlossen. Während ich mich am Anfang noch wunderte, warum die zentralen Figuren – Viviane und das Gericht der Rabbiner – den Zuschauer_innen recht lange vorenthalten werden, gewöhnte ich mich dann schnell an die spröde Form, ohne sie zu hinterfragen. Zusammen mit der Dialoglast jedoch, fordert sie das Publikum bedauerlich stark heraus. Schade dass bei diesem inhaltlich derart interessanten und relevanten Film die Hürde so groß ist.

Denn auch wenn das jüdische Scheidungsverfahren nichts mit dem unsrigen zu tun hat, so erzählt uns Get – Der Prozess der Viviane Amsalem doch auch eine ganze Menge über patriarchale und sexistische Strukturen in unserer eigenen Kultur. So geht es in diesem Scheidungsverfahren vor allem um männliches Besitzdenken. Obwohl Elisha keine Gefühle mehr für seine Frau hegt, möchte er sie nicht „freigeben“. Seine Verzögerung des Verfahrens ist nicht mehr als ein Machtspiel, das dazu dient, ihr immer wieder seine Überlegenheit und damit ihre Abhängigkeit zu demonstrieren. Besitzdenken und Machtdemonstrationen von Männern ihren Frauen gegenüber aber sind mitnichten nur erzkonservativen Gesellschaften vorbehalten! Auch das Thema Hysterie wissen Ronit und Shlomi Elkabetz zu verhandeln, in dem sie eindrucksvoll demonstrieren, dass Viviane durch Diskriminierung und mangelnden Respekt für ihre Bedürfnisse sukzessive in die Verzweiflung getrieben wird. Während ihr Ehemann den Ereignissen mit seeliger Ruhe beiwohnt, gerät die Frau mehr und mehr in Rage. Doch es ist nicht ihre geschlechtsspezifische Schwäche, die sie schließlich weinen und schreien lässt. „Hysterie“, wenn wir dieses garstige Wort denn überhaupt benutzen wollen, ist das Produkt eines komplexen Systems von Unterdrückung und entgegen der gängigen – meist durch Männer formulierten – Definition kein biologisch bedingter und als pathologisch zu verurteilender Spontanausbruch der weiblichen Spezies.

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All diese Themen stecken in der im negativen Sinne unglaublichen Geschichte Vivianes und ihrer Bitte um Scheidung, einer Tortur voller Erniedrigungen und sexistischer Diskriminierung. Das Bittere ist in diesem Fall der Wahrheitsgehalt und die Aktualität der Geschichte. Get – Der Prozess der Viviane Amsalem ist kein Film über eine lang zurück liegende Zeit und ihre überholten Gesetze, sondern über das aktuelle, zeitgenössische Scheidungsrecht in Israel. Vivianes Prozess könnte in dieser oder einen ähnlichen Form gerade jetzt, in diesem Moment stattfinden.

Umso bedauerlicher, dass Get – Der Prozess der Viviane Amsalem insgesamt so spröde geraten ist, so schwer zugänglich für ein breites Kinopublikum, und bei seinem recht eng gefassten Zielpublikum somit im Grunde offene Türen einrennt. Jene Zuschauer_innen, die Geschichten wie die von Viviane für bedauerliche Einzelfälle aus dem vorletzten Jahrhunderten halten, wird der Film wohl leider weder erreichen noch für das Thema sexistischer Diskriminierung sensibilisieren können. Das ist kein Vorwurf an Ronit und Shlomi Elkabetz, die vielleicht ohnehin eine ganze andere Absicht als die der weltumspannenden Aufklärung verfolgen. Es ist lediglich eine (erneute) Feststellung meinerseits, dass „emanzipatorisch wertvolle“ Filme sich leider oft durch ihren eigenen künstlerischen Anspruch den Weg zu einem breiten Publikum versperren.

Kinostart: 15. Januar 2015

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Sophie Charlotte Rieger
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