Blockbuster-Check: Doctor Strange

Weil der Bechdel-Test zwar ziemlich cool ist, aber dennoch manchmal zu kurz greift, nehme ich im Blockbuster-Check Mainstream-Filme hinsichtlich einzelner Elemente kritisch unter die Lupe. 

Achtung: Auf Grund der Herangehensweise kann der Blockbuster-Check nicht spoilerfrei sein!

Held_innen

Der Titel des Films lässt ja keinen Zweifel mehr daran aufkommen, dass ein Mann* im Zentrum der Handlung steht. Und das ist an sich ja auch erst einmal vollkommen legitim. Darf es geben, soll es geben. Dass Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) ein liebenswerter Narziss ist, dessen Überheblichkeit und Allmachtfantasien durch die Handlung bestätigt werden, ist ein anderes Thema. Oder anders formuliert: Doctor Strange zeigt eindrucksvoll, dass Narzissmus, auch in seiner pathologischen Form, in unserer Gesellschaft eine Erfolgsstrategie darstellt. Finde Dich geiler als alle anderen, dann wirst Du es auch sein. Besonders irritierend ist der Pseudo-Subtext um das Thema Demut. Doctor Strange soll begreifen, dass er nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen ist, er soll sich selbst nicht so wichtig nehmen, sich größeren Zielen unterordnen. Der Widerspruch zwischen dieser Lebensphilosophie und der Transformation in einen Superhelden wird durch den Film aber weder thematisiert noch aufgelöst.

© Disney

© Marvel

Der Guru „the ancient one“ (Tilda Swinton) ist die einzig bedeutsame Frauen*figur, wobei sie als betont queerer Mensch kaum als solche zu bezeichnen ist. Auch gegen queere Menschen ist im Film nichts auszusetzen, im Gegenteil, es sollte ihrer im Film viel mehr geben, und doch betrübt es mich, wenn inmitten des auffälligen Männer*überschusses im Cast die einzige Frauen*figur im Grunde gar keine ist.

ACHTUNG: SPOILER

Doch damit nicht genug, denn das einzige Wesen, das mit viel gutem Willen als für die Geschichte bedeutende Frauen*figur beschrieben werden kann, wird von der Geschichte aussortiert und dann auch noch post mortem mit dem Hysterieklassiker „Sie war kompliziert“ beschrieben. Nicht dass irgendjemand das über den völlig neurotisch-größenwahnsinnigen Doctor Strange sagen würde. Wie es die ungeschriebenen Regeln des Hollywoodkinos verlangen, darf „The Ancient One“ auch nicht als Märtyrerin in die Geschichte eingehen, während Doctor Strange im Finale noch mal so tut, als würde er sich selbst für das Wohl der gesamten Menschheit opfern.

SPOILER ENDE

© Marvel

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Gegenspieler_innen

Der Bösewicht ist wie in fast jedem Marvel-Film auch hier ein Mann, Mads Mikkelsen als abtrünniger Ordensbruder Kaecilius. Immerhin hat er stets ein paar vollkommen anonyme und mit keiner Zeile Text ausgestattete Handlangerinnen im Gepäck. Das ist schon mal mehr, als sich von Doctor Strange selbst behaupten ließe. Davon abgesehen aber fehlt von Frauen* auf der Seite des Bösen mal wieder jede Spur.

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Geschlechterrollen allgemein

Wie in den meisten Marvel-Filmen fällt auch in Doctor Strange die Abwesenheit weiblicher* Wesen sofort ins Auge. Abgesehen von anonymen und für die Handlung vollkommen irrelevanten Hintergrundfiguren, tritt neben „The Ancient One“ nur eine einzige weitere Frauen*figur auf: Doctor Stranges Ex-Geliebte und einzige Vertraute Christine (Rachel McAdams). Obwohl Christine als Notfallchirurgin in die Geschichte eingeführt wird, gelingt es Regisseur Scott Derrickson, sie nicht ein einziges Mal als kompetente Ärztin in Erscheinung treten zu lassen. Selbst als sich Doctor Strange schwer verwundet hilfesuchend in ihre Obhut begibt, muss der Obermacker seine Weibchen noch instruieren, damit diese ihm die Spritze auch in die richtige Stelle seines Brustkorbs rammt. Zudem verfügt Christine über keine vom männlichen* Helden unabhängige Geschichte, sie bleibt ein reines Werkzeug, dessen Funktion es ist, Doctor Strange mit einer emotionalen Seite und Sympathie auszustatten. Oder anders formuliert: Weil Christine Doctor Strange mag, können wir es auch.

© Marvel

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Darüber hinaus gibt es keine, ich wiederhole: KEINE für die Geschichte relevanten Frauen*figuren. Alle übrigen Menschen mit Namen und Text sind Männer*.

Was die allgemeine Verhandlung von Geschlechterbildern angeht, rangiert Doctor Strange irgendwo im 19. Jahrhundert. Christine ist sozial, arbeitet in der Notaufnahme, wo es um Leben und Tod, aber nicht um Ruhm geht. „The Ancient One“ repräsentiert eine Lebensphilosophie jenseits der rationalen Logik und materialistischen Welt. Doctor Strange hingegen steht für ökonomische Selbstoptimierung, naturwissenschaftliche Ratio und Egoismus. Zugegeben: Für seine Transformation muss er sich auf die Welt jenseits von Zahlen und Fakten einlassen, doch sein finaler Triumph ist wieder ein Sieg der Logik über das Gefühl.

Dresscode und Sexappeal

Das Kostüm ist das Erfreulichste an Doctor Strange. „The Ancient One“ ist ihrer eher geschlechtsneutralen Charakterisierung entsprechend zwar farblich abgehoben, jedoch nicht körperlich ausgestellt. Und Christine darf tatsächlich einen ganz normalen Ärztinnenkittel tragen. Anonyme Handlangerinnen und Ordensschwestern unterscheiden sich in ihrem Outfit ebenso wenig von den männlichen* Mitstreitern. Allerdings darf an dieser Stelle auch nicht vergessen werden, dass Frauen* in Doctor Strange insgesamt derart unterrepräsentiert sind, dass es eben auch sehr wenige Gelegenheiten gibt, ihren Körper zu sexualisieren.

© Marvel

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Dramaturgie

Wie bereits erwähnt, verfügt Christine über keinerlei persönliche Geschichte. Auch über Guru „The Ancient One“ erfahren wir als Zuschauer_innen kaum etwas. Das fügt sich einerseits in die mysteriöse Aura der Figur ein, macht sie aber als Mensch schwerer greifbar und reduziert sie – wie auch Christine – rein auf ihre Funktion für die Entwicklung des Helden.

Die dramaturgische Macht teilen sich wie üblich Held und Antagonist. „The Ancient One“ hat jedoch in den ersten zwei Dritteln des Skripts noch einen nicht zu verachtenden Einfluss auf den Verlauf der Dinge. Am Ende wird das Schicksal der Welt dann aber doch wieder ganz klassisch durch das Duell zweier Männer* entschieden.

Botschaft

Männlicher* Größenwahn profitiert durchaus von weiblicher* Inspiration. Sobald Mann* dann aber den Prozess der Selbstoptimierung abgeschlossen hat, ist es ratsam, sich der komplizierten weiblichen* Einflussnahme zu entledigen.

Gesamtwertung: 1 (für die Kleidung)

von 0 (Sexistische Kackscheiße) bis 10 (Emanzipatorisch Wertvoll)

 

Kinostart: 27. Oktober 2016

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