Arrival – Ein Manifest für geschlechtergerechte Sprache

Der neue Film von Denis Villeneuve mag vielen zu rührselig, langatmig, ja vielleicht gar enttäuschend erscheinen. Für mich persönlich ist Arrival aber viel mehr als nur ein melancholischer und gefühlsbetonter Science Fiction Film, nämlich geradezu ein feministisches Plädoyer, das patriarchale Denkstrukturen attackiert und dabei gar ein Votum für eine geschlechtersensible Sprache formuliert.

Fliegende Muschis und eine starke Heldin

Dr. Louise Banks (Amy Adams) wird in die Geschichte als Wissenschaftlerin und Mutter zugleich eingeführt, als Mensch, der ein Kind verloren hat, aber auch als Mensch, der in seinem Fachgebiet eine Koryphäe darstellt. Louise gerät nicht durch Zufall in die Begegnung mit den Außerirdischen, sondern wird vom Militär auf Grund ihrer Qualifikation berufen. Auch wenn sie zunächst ängstlich wirkt, überzeugt sie bald sowohl ihre männlichen* Mitstreiter als auch das Kinopublikum von ihren Fähigkeiten. Sie greift aktiv in den Verlauf der Dinge ein, übt dramaturgische Macht hinsichtlich der Wendepunkte der Geschichte aus und bleibt die unangefochtene Heldin der Erzählung. Ihre wissenschaftliche Expertise steht zu ihrer Identität als Frau* und Mutter niemals in Konkurrenz, sondern geht mit ihr eine untrennbare Verbindung ein. Auch wenn die sexistische Rollenverteilung der weiblichen* Sprachwissenschaftlerin und des männlichen* Physikers sowie der anklingende heteronorme Schöpfungsmythos reichlich gestrig daherkommen, überzeugt doch die Zeichnung der Heldin, die niemals durch aufreizende Kleidung sexualisiert, niemals durch Kamera oder andere Figuren objektifiziert wird. Auch das natürliche Make-Up trägt dazu bei, dass Louise weniger als Frau* denn als Mensch in Erscheinung tritt.

© Sony

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Dass Weiblichkeit* in Arrival dennoch eine tragende Rolle spielt, beweisen die Raumschiffe, deren Form eher als möseal, denn als phallisch zu beschreiben ist, und deren Bezeichnung als „Muschel“ ebenfalls Assoziationen mit der Vulva weckt. Der Zugang zum nebelverhangenen Begegnungsraum mit den Außerirdischen durch einen Tunnel wiederum wirkt wie die Rückkehr durch eine Vagina in den Mutterleib, zum Ursprung allen Lebens. Dass sich auf dem Weg dorthin die Naturgesetze umkehren, ist bereits die Andeutung des folgenden Paradigmenwechsels, der das Zentrum des Films bildet.

Von der Macht der Sprache

Im Zentrum der Handlung von Arrival steht das Phänomen der Sprache. Sie ist Werkzeug und Waffe, Mittel zur Kommunikation und Kriegsführung. Vor allem aber schafft sie Realität. Mit ihren Schriftzeichen lernt Louise auch die Wahrnehmung, die Weltsicht der Außerirdischen kennen, eine Weltsicht, die nicht zielgerichtet ist, keine chronologischen, also hierarchischen Abfolgen kennt, sondern ganzheitlich denkt. Sätze haben nicht Anfang und Ende, sie bilden Kreise, die sich als an Ovarien erinnernde Formen nahtlos in das Bild von Vulva, Vagina und Mutterleib einfügen.

© Sony

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Eines der prominentesten Argumente gegen geschlechterneutrale Sprache ist die Infragestellung ihres Realitätsbezugs. Feminist_innen aber argumentieren, dass Worte unsere Wahrnehmung so stark prägen, dass ein generisches Maskulinum Weiblichkeit* auch aus unserem Blick und nicht nur aus unserem Wortschatz verschwinden lässt. Stellenanzeigen, in denen die Berufsbezeichnung ausschließlich männlich* dekliniert ist, sprechen Frauen* und genderqueere Menschen weniger an und die Beschreibung einer Szenerie mit den Worten „ein Raum voller Manager“ lässt vor dem inneren Augen ein wenig diverses Bild von Anzugträgern entstehen. Indem Arrival eine direkte Verbindung zwischen Sprache, Weltsicht und Realität herstellt, argumentiert der Film für einen sensiblen Umgang mit Worten – nicht nur, aber eben auch hinsichtlich des Themas Geschlecht.

Der Bruch mit der Linearität von Sprache durch die Außerirdischen geht mit einer Infragestellung zielgerichteten Denkens einher. Kausale Verbindungen einzelner Ereignisse sind nicht mehr chronologischer Natur, können nicht mehr in einer zeitlichen Hierarchie angeordnet werden. Wo es kein davor und danach, keine Vergangenheit und Zukunft mehr gibt, existiert nur noch ein allumfassender Moment, innerhalb dessen alle Elemente von exakt derselben Wichtigkeit sind, gleichberechtigte Bausteine eines großen Ganzen.

Mit dieser neuen Wahrnehmung, diesem Paradigmenwechsel, machen die Außerirdischen der Menschheit das Geschenk des Friedens. Wo nicht mehr priorisiert werden kann, gibt es auch keine Polaritäten, keine Konkurrenz. Aus einzelnen Akteur_innen wird eine Einheit aus vollkommen gleichberechtigten Individuen. Aus Konfrontation wird Kooperation.

© Sony

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Mit dieser Botschaft, ist Arrival zutiefst feministisch. Es geht nicht um die Ermächtigung einer Gruppe gegenüber der anderen, sondern um das Auflösen von Unterschieden. Es geht nicht darum, andere Menschen an die Spitze der Gesellschaft zu setzen, sondern die Spitze als solche abzuschaffen – eine Botschaft, die schon Mockingjay 2, wenn auch auf ganz andere Weise – vermittelte. Die Idee ist, Gemeinschaft und Gesellschaft von Grund auf anders zu organisieren, das System an der Basis zu verändern: beim Denken. Und auf die Frage, wie das zu bewerkstelligen sei, gibt Arrival eine ganz einfache Antwort: mit Sprache.

Das Beste an dieser Moral von der Geschicht’: Um die Welt zu verändern, brauchen wir keine Held_innen, sondern nur uns selbst. Denn das Schöne an Sprache ist, dass wir sie selbst gestalten, jede_r von uns, jeden Tag, in jedem Moment. Los geht’s!

Kinostart: 24. November 2016

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