2015 – Das Jahr der Filmlöwin

Jahresrückblicke und Listen wohin mein Auge blickt. Eigentlich führt ein derartig starker Trend bei mir ausschließlich zur Gegenreaktion – tragen alle Menschen plötzlich rot, werde ich mit Sicherheit grün anlegen – aber in diesem Fall mache ich dann doch mal eine Ausnahme. Das macht mensch wohl einfach so am Jahresende: Zurückschauen auf die erreichten Dinge, auf Höhepunkte, Lieblingsfilme und so weiter.

Der Jahresrückblick 2016 ist für mich aber nicht ganz einfach, denn das vergangene Jahr war von privaten und beruflichen Problemen geprägt. Oder sagen wir vielleicht lieber: Es war voller Herausforderungen. Der Höhepunkte gab es weniger, der Erfolge noch weniger. Aber ich will es dennoch einmal versuchen.

© Universal Pictures

© Universal Pictures

Januar

Top-Filme: Birdman, Familienfieber

Flop- Filme: Wild – Der große Trip, Unbroken

Das Jahr begann mit der letzten Kommissionssitzung für den Grimme Preis 2015, ein wahrlich aufregendes Unterfangen. Recht überraschend, denn die Stimmung war bereits angespannt, verlief diese letzte Kommissionsrunde völlig problemlos und endete in harmonischer Einigkeit. Jedoch – und an dieser Stelle möchte ich einmal kurz in den März vorgreifen – sollte unsere Vorauswahl zu einem ganz anderen „Konflikt“ führen: Die Jury nominierte nämlich ausgerechnet jene Filme nach, Es ist alles in Ordnung und Männertreu, über die wir mitunter am ausführlichsten diskutiert hatten und die wir maßgeblich auf Grund von Geschlechter- und Rollenbildern nicht in die finale Auswahl genommen hatten (mein Bericht aus der Kommission hier auf Seite 28/29). Umso schockierender war es, als ausgerechnet Männertreu (der Name ist hier Programm) dann auch noch mehrere Grimme-Preise einheimste.

Die Frauen von Pro Quote Regie

© ProQuote Regie

Februar

Top-Filme: Girlhood, Whiplash, Heute gehe ich allein nach Haus

Flop-Film: Fifty Shades of Grey

Wie in jedem Jahr war dieser Monat von der Berlinale geprägt, die wiederum vom Thema „Frauen“ geprägt war. Herr Koslick hatte im Vorfeld ein Festival der starken Frauen angekündigt – ein Versprechen, das wenig überraschend nicht eingelöst wurde. Die starken Frauen waren trotzdem da: ProQuote Regie sorgte dafür, dass das Geschlechtergleichgewicht hinter der Kamera plötzlich in aller Munde war und zahlreiche Veranstaltungen beleuchteten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Und die FILMLÖWIN war in ihrem ersten Berlinale Jahr mittendrin.

filnloewin at grimmeMärz

Top-Film: Die Bestimmung – Insurgent

Flop-Film: 3 Herzen

Der März war der Tiefpunkt des Jahres. Ende Februar musste ich aus gesundheitlichen Gründen die Filmlöwin still liegen. Wochenlang konnte ich keine Aufträge annehmen. Sogar meine Teilnahme an der Podiumsdiskussion der Berlin Feminist Film Week musste ich absagen, was mich besonders traurig stimmte. Ende März war ich immerhin wieder so weit hergestellt, dass ich die Verleihung des Grimme Preises besuchen konnte, wenn auch nicht mit dem Energielevel und der Freude, die ich mir erhofft hatte.

frauenfilmfestival 2015April

Top-Filme: Red Rose, Love Island, Ex Machina, A Girl Walks Home Alone At Night

Flop-Filme: Dessau Dancers, Die Gärtnerin von Versailles

Im April begann ich mich vorsichtig wieder in berufliche Sphären einzuarbeiten. Das war allein deshalb sehr mühsam, weil ich schon Ende des vergangenen Jahres zahlreiche Auftraggeber_innen verloren hatte (Internetseiten schlossen ihre Türen oder hörten auf ihre Autor_innen zu bezahlen, mit einem Auftraggeber führte eine Urheberrechtsdiskussion zur Aufkündigung des Arbeitsverhältnisses, an anderer Stelle wurde ich kommentarlos und somit ohne Angabe von Gründen plötzlich aus dem harten Kern der freien Autor_innen ausgeschlossen). Die FILMLÖWIN war mein Fels in der Brandung, mein Strohhalm, an den ich mich klammern konnte. Und ein so vorzeigbarer Strohhalm gar, dass ich zum Internationalen Frauenfilmfestival in Dortmund eingeladen wurde, um ihn dort zu präsentieren. Nicht nur dieser kurze Auftritt vor einem brancheninternen Publikum, sondern vor allem die extrem gute Filmauswahl weckten meine Lebens- und Kampfgeister. Ich beschloss: FILMLÖWIN is not going down! RRROOOOAAAR!

Mai

Top-Filme: Der Babadook, Papusza, Mad Max: Fury Road

Flop-Filme: Die abhandene Welt, Zweite Chance

Da ja nun aber meine zahlenden Auftraggeber_innen weggebrochen waren, sich schon wieder die nächste Schließung eines Magazins ankündigte und Senator Film, für die ich jahrelang Drehbuchlektorate verfasst hatte, von Wild Bunch übernommen wurde, musste ich die Lücke im Portemonnaie auf anderem Weg füllen. Nachdem ich mich aus vielerlei Gründen drei Jahre lang gegen dieser Strategie gewehrt hatte, begann ich also meine filmjournalistische Arbeit durch einen Nebenjob querzufinanzieren.

filmloewin at fddfJuni

Top-Filme: Jurassic World, Victoria, Und am Ende sind alle allein

Flop-Film: Ich will Dich (Fernsehfilm), Spy – Susan Cooper Under Cover

Der Juni begann steil. Ich stellte mich beim Radiosender Multicult vor, hatte ein ausgesprochen nettes Gespräch mit der Chefin – einer echte Radiolöwin – und freute mich riesig, als mir wöchentliche Filmtipps und eine eigene Sendung in Aussicht gestellt wurden. Voller Enthusiasmus fuhr ich zum Festival des deutschen Films, das mich zu meiner großen Freude offiziell als FILMLÖWIN eingeladen hatte, zu meiner Enttäuschung jedoch kaum weiblich dirigierte Filme im Programm hatte. Dafür konnte ich hier schon die ersten Filme für die nächste Grimme-Runde sichten, denn inzwischen hatten die Spatzen von den Dächern gepfiffen, das meine erneute Berufung in die Kommission im Bereich des Möglichen, ja gar des Wahrscheinlichen lag. Aber dann kam alles anders. Kaum war ich zurück in Berlin holten mich meine gesundheitlichen Baustellen mit aller Heftigkeit ein. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mehrere Gänge zurückzuschalten, was bedeutete, die geplante Zusammenarbeit mit Radio Multicult abzusagen.

urlaubJuli

Top-Filme: Heil, Taxi Teheran

Flop-Filme: Las Insoladas, Marry Me

Ich brauchte dringend Urlaub, das stand fest. Also tat ich, was ich seit über drei Jahren nicht getan hatte: Ich legte die Arbeit an meinen Webseiten für volle zehn Tage vollständig nieder. Die Erholung fand ein jähes Ende, als mir meine Ärztin am dritten Urlaubstag telefonisch die nächste Hiobsbotschaft überbrachte.

August

Top-Film: Der Sommer mit Mama

Flop-Film: Fantastic Four

Nachdem ich kurz überlegt hatte, alles hinzuschmeißen und mich wahlweise auf eine einsame Insel oder in ein Kurklinik abzusetzen, beschloss ich den Sommer in Berlin zu genießen, an der FILMLÖWIN weiterzuarbeiten und mich nicht unterkriegen zu lassen. Ein Video-Interview gab mir dann endlich den notwendigen Aufwind: Es ging weiter! RRROOOOAAAR!

filmloewin at ffhhSeptember

Top-Filme: Am Ende ein Fest, Stella

Flop-Filme: Everest, Hart aber Fair (TV-Sendung)

Zurück nach Marl! Das Wiedersehen mit meinen Kolleg_innen, nein, Freund_innen aus dem Grimme-Institut und den Kommissionen war herzerfrischend. In der ersten Runde damals noch recht angespannt, fühlte ich mich in dieser für mich zweiten Nominierungsrunde am rechten Platz und konnte meine meist feministischen Kommentare mit deutlich mehr Nachdruck vortragen. Direkt im Anschluss ging es zum Filmfest Hamburg, was sich im nun dritten Jahr fast wie ein Nachhausekommen anfühlte, nicht zuletzt auf Grund des Wiedersehens mit den „üblichen Verdächtigen“, also den geschätzten Kolleg_innen, die wie ich regelmäßig am Festival teilnehmen.

filmloewin at pffOktober

Top-Filme: The Tribe, The Walk, Yes We Fuck, Songs My Brothers Taught Me, Neun Leben hat die Katze

Flop-Film: A Royal Night

Nach dem Filmfest Hamburg, bei dem ich mich diesmal intensiv den Filmlöwinnen widmen konnte, zog das Tempo plötzlich an und aufregende Dinge geschahen. Ich wurde für das Reverse Mentoring Programm des Helene Weber Kollegs angenommen und konnte am Auftaktwochende viele spannende Frauen kennenlernen – eine Zusammenkunft, die mir auch für meine journalistische Arbeit wieder Energie und Motivation lieferte. Zwei Wochen später trat ich dann meine Jury-Arbeit für das Berliner Pornfilmfestival an, wo ich die Ehre hatte gemeinsam mit meinen geschätzten Kolleginnen den Preis für den besten Dokumentarfilm zu verleihen.

filmloewin at filmzNovember

Top-Filme: Harry me!, Mockingjay 2

Flop-Filme: Spectre, Ich heiße Ki

Neben der zweiten Kommissionssitzung für den Grimme-Preis 2016 stellte ein unerwarteter Auftrag das Highlight des Monats dar. Ein junger Drehbuchautor schrieb mich über die FILMLÖWIN an und bat mich – gegen Honorar – sein neuestes Werk unter anderem hinsichtlich der Frauenfiguren zu lektorieren – eine Bitte, der ich mehr als gerne nachkam. Wie schön wäre es, wenn sich mehr Drehbuchautor_innen für ein solches Feedback interessieren würden. Nicht nur, weil ich dann ein neues Standbein hätte, sondern vor allem, weil wir dann zukünftig deutlich bessere Filme sehen würden! Ende des Monats hatte ich dann die große Ehre, beim Festival des deutschen Kinos auf einem Podium über feministische Filmkritik zu diskutieren.

© Port-au-Prince

© Port-au-Prince

Dezember

Top-Filme: 4 Könige, The Duke of Burgundy, Heidi

Flop-Filme: Die Peanuts, Mr. Holms

Und nun sind wir schon am Jahresende. Ich blicke zurück auf ein Jahr, das nicht halb so schillernd war wie das vorherige, dafür aber mit seinen Höhen und Tiefen endgültig meinen Kampfgeist geweckt hat. Und wenn ich diesen Text so betrachte, gab es doch mehr Highlights als gedacht! Auch das anhaltend positive Feedback zu meiner Arbeit an der FILMLÖWIN sowie die Einladungen der FILMLÖWIN zum Frauenfilmfestival Dortmund/Köln und dem Festival des deutschen Films zeigen eindeutig, dass es sich lohnt weiterzumachen. RRROOOOAAAR!