Hochwald

Die in Bozen aufgewachsene Evi Romen, in der österreichischen Filmbranche seit 30 Jahren als Editorin aktiv, präsentiert mit Hochwald ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin. Der Titel gibt dem fiktiven Südtiroler Dorf, in dem der Protagonist nicht im Sumpf der Gewohnheiten und festen sozialen Schubladen untergehen möchte, einen Namen. Hochwald liegt in den Berg und ist von Wiesen und dichtem Wald umgeben – idyllisch wie im Heimatfilm. Der tiefe Fall ins „urbane feeling“, das direkt mit der Gondel erreichbar ist, liegt jedoch umso näher: der Bahnhof Bozen wird zuerst zum Hoffnungsanker und schließlich zur ersten Anlaufstelle der Ohnmacht eines jungen Mannes gegenüber der kalten Realität und seiner exkludierenden Gemeinschaft. 

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Marios (Thomas Prenn) Retro-Herz schlägt fürs Tanzen und für den Stil eines längst vor seiner Zeit gefeierten Stars ‒ John Travolta. Die Anfangssequenz von Hochwald holt uns sofort in Marios Welt, die Musik von Florian Horwath befördert uns in ein vergangenes Jahrzehnt und in eine Mischung aus bunter Retro-Atmosphäre und grauer Gegenwart. Wir verfolgen Marios Tanz in glitzerndem Gewand und in rötlichen Scheinwerferlichtern, mit seinem intensiven Blick in die Kamera ähnelt Thomas Prenn kurz vor Ende seiner publikumslosen Darbietung dem The Doors Frontmann Jim Morrison. Beklatscht und bejubelt wird Mario allerdings nur in seiner Imagination, die Bühne in der Mehrzweckhalle der Gemeinde belebt er für sich allein, bis er der Kindergruppe zum Bastelkurs weichen muss. Dann schwebt er bodenständig zum Metzger weiter, verdingt sich im Weinkeller oder hilft im Hotel aus ‒ auf seine längst abgeschlossene Konditorausbildung erhielt er keine passende Stelle. Mario wagt es kaum von mehr zu träumen, doch er würde gern hinaus aus Hochwald und hineintanzen in die Welt. Als schließlich sein alter Freund Lenz (Noah Savedraa) während seines Weihnachtsbesuchs von seinem Kunststipendium und einem Agenten in Rom erzählt, packt auch Mario der Mut, es andernorts als Tänzer zu versuchen. ___STEADY_PAYWALL___

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Evi Romen erzählt in ihrem Debütfilm auf klar strukturierte und trotzdem eigene Weise von den engen Stricken einer Dorfgemeinschaft, die ihren Underdog in die Schranken weisen will. Als Außenseiterheld agiert Mario trotz seines Anders-Seins ‒ er tanzt, trägt bunte, hippe Kleidung ‒ selbstbewusst. Nicht seine Sexualität wird zum alleinigen Grund seines Herausekelns aus dem Dorf, sondern die Folgen eines Attentats, dem Lenz in Rom zum Opfer fällt. Hochwald handelt von einem jungen Mann, der die eigene Sonderstellung in seinem Heimatort satt hat, aber ebenso keine sofortige Möglichkeit findet, sich einer Community an Gleichgesinnteren wie Tänzer:innen oder einer queeren Community anzuschließen. Die Figur Mario erhält glücklicherweise keinen eindeutigen Stempel ‒ hetero, homo oder bi ‒ der Tratsch der Dorfbewohner:innen gründet nicht explizit auf seinen lackierten Fingernägeln oder seinem Kleidungsstil, implizit weisen verhalten musternde Blicke aber darauf hin. Marios Queerness bleibt erfrischend unkommentiert, hierin punktet Hochwald eindeutig. Den Bruch des Protagonisten mit den Eltern und dem Dorf lässt der Film nicht allein auf dem Bogen sexueller Identität schwingen, sondern wählt einen viel verzwickteren Fortlauf von Ereignissen.

Wir befinden uns noch im ersten Drittel des Films: den ersten und einzigen Hoffnungsschimmer nach einem Ausbruch stellt Marios alter Freund Lenz dar. Kurzerhand schließt sich ihm der Protagonist in einer Autofahrt nach Rom an. Lenz sprüht voller Leben, ist fruchtlos und steckt schon so tief in seiner Wiener Bubble ‒ „In Wien sind alle schwul“ ‒ , dass er darüber die soziale Funktionsweise seines Dorfes längst verdrängt hat. Hat Mario sich je geoutet, könnten wir uns an dieser Stelle fragen. Doch das bleibt unbeantwortet und scheint auch gar nicht so wichtig. Mit dem gemeinsamen Besuch in einem queeren Club in Rom verlagert sich sowieso der Fokus der inneren Reise Marios: Lenz fällt einem IS-Attentäter zum Opfer, Mario überlebt. Mit diesem dramaturgischen Kniff lässt Romen ihren Protagonisten in eine Abwärtsspirale fallen. Manche Andeutungen aus dem ersten Drittel werden nun zu klareren (inneren) Konflikten und die Erzählung lässt Mario zwischen erfüllender Gemeinschaftserfahrung und erfüllender Substanzerfahrung schweben: zwischen Religion und harten Drogen. 

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Mario hat überlebt, Lenz ist tot. Das katholische Damoklesschwert der Schuld liegt so tief über Mario wie die Seilbahn am Ende der Talfahrt. Die Mutter seines verstorbenen Freundes fragt ihn, warum der Lenz und nicht du. Warum nicht ich, warum nicht ich. Ein Trauma, Schuldgefühle und geplatzte Träume: Bald weiß Mario sich nicht mehr anders zu helfen, als den Bozner Bahnhof aufzusuchen und auf seinen alten Seelentröster Heroin zu vertrauen. Psychisch erschöpft, fällt er zurück in die Sucht, entfernt sich immer mehr auch von seinen nahen Freund:innen, kann weder beim Pfarrer noch im Krankenhaus auf eine Therapie hoffen und wird schließlich von seinem alten Freund Nadim (Josef Mohamed) aufgefangen, der als praktizierender Muslim den Koran an verlorene Seelen verteilt und Mario ein Dach über dem Kopf anbietet.

In Hochwald sind Zustände, Ereignisse und Status der Personen spätestens nach der ersten halben Stunde eng miteinander verstrickt. Es ließe sich Hochwald eine zu enorme Fülle an angedeuteten Erzählsprüngen und -konflikten vorwerfen, die zwar verständlich sind aber vom Hauptnarrativ abweichen und am Ende teilweise unausgegoren stehenbleiben. Da wären Marios mögliche Vaterschaft, seine amouröse Vergangenheit mit Lenz, die Blow- oder Handjobs für den Metzger, der zugleich sein Stiefvater ist. Es sind eine Menge an Verwicklungen, die zuweilen als Motivation ihre Funktion erfüllen sollen ‒ z.B. erklärt sich durch das sexuelle Verhältnis zwischen Mario und seinem Stiefvater dessen schlechtes Gewissen, das er durch die Bezahlung einer Traumatherapie für diesen bereinigen möchte. Die Kausalzusammenhänge sind nachvollziehbar. Es wird klar, dass unvollständige Informationshäppchen die Spannung erhöhen sollen, manchmal wünscht eins sich aber weniger dieser Abfolgen und dass stattdessen manche Momente für sich stehen und innere Zustände der Figuren tiefer beleuchtet würden.

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Marios Rückfall in die Sucht und seine Aufnahme in die muslimische Gemeinschaft passieren schnell. Zuweilen hält eins während der konstruierten Verknüpfung der Ereignisse ob deren absurden Eintretens inne. Mehrmals begegnet der Protagonist, als er gerade high ist, zufällig Nadim. Nachdem er bei Nadim und dessen Gemeinschaft angekommen ist, trägt der sonst so eigenwillige Mario recht schnell auch einen Kaftan, die Sucht ist doch recht plötzlich überwunden. Sein Heroin-Konsum wirkt auf einmal wie ein gelegentlicher Absturz. Vom derart hohen Sucht- und Abhängigkeitspotenzial, das die Droge bewirkt, erzählt der Film wenig. So wohnt den erzählerischen Wendungen gelegentlich ein Fabel- oder Märchencharakter bei. Aber gut; Hochwald ist schließlich auch ein fiktionaler Spielfilm und seine narrativen Gedankenexperimente kann eins als anregende Textur begreifen statt sie zu genau auf ihren Realismusgehalt abzuklopfen. Romen vermeidet ihre Figuren schwarz-weiß zu zeichnen, muslimische und katholische Charaktere sind in keine guten und bösen Lager eingeteilt ‒ hier wie da finden sich sympathische und manipulative  bzw. gefährliche Personen.

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Trotz dieser dichten Handlungsachsen bringt die Regisseurin immer wieder symbolische Ebenen und formale Experimente hinein, die den Film auch beim zweiten und dritten Mal sehenswert machen. Wenn Lenz’ Vater durch sein Visier verfolgt wie Mario mit seiner leitmotivischen weißen Perücke durch den Wald läuft, ruht die Erzählung, wird kontemplativ und vermittelt zugleich eine bedrohliche Atmosphäre. Evi Romen erzeugt hier Stimmungen, die visuell interessant sind. Verunsichert werden wir als Zuschauer:innen von Close-Ups, die Marios direkten Blick in die Kamera zeigen. Die immer wiederkehrende rote Beleuchtung erinnert mal an die 1980er, ruft mal nach Leidenschaft oder erinnert an die Blutströme, die Mario beim Metzger mit dem Schlauch in den Abfluss spritzt. Hochwald stellt sich schlussendlich als sehenswerter Film mit großartigen Darsteller:innen heraus. Leider erfüllen die Frauen an Marios Seite keine Rollen, die über ihre Relevanz als tröstende und strenge Mutterfiguren oder verflossene Liebschaften hinausgehen. Vielleicht überzeugt uns Romen in dieser Hinsicht mit ihrem nächsten Spielfilm.

Ab 07.10. in den deutschen Kinos, in Österreich seit 17.09. zu sehen.

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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