Gut gebrüllt: Theresia Reinhold über Rassismen im Dok-Film

Endlich wird wieder GUT GEBRÜLLT. Filmemacherin Theresia Reinhold erzählt nicht nur von ihrem Dokumentarfilm Dreams & Pieces, sondern spricht auch über Sexismen und Rassismen im Film und wie mensch ihnen begegnen kann.

Filmlöwin: In Deinem Dokumentarfilm Dreams & Pieces geht es um den „American Dream“. Wie kamst Du zu diesem Thema?

Theresia Reinhold: Auf dem Pornfilmfestival vor drei Jahren lernte ich den US-Amerikanischen Filmemacher Robert Oppel kennen, dessen Dokumentation Uncle Bob mich sehr beeindruckt hat. Als Robert mir erzählte, wie er diesen Film realisiert hatte, verstand ich zum ersten Mal, dass nicht die Menge an Geld oder die Größe des Equipments dafür entscheidend ist, ob ein Film entsteht, sondern die Frage, ob wir einen Film drehen wollen. Ein paar gute Ratschläge später saß ich im Flugzeug.

Der Auslöser der Reise war, dass ich bereits seit Jahren von den immer wiederkehrenden Vorurteilen gegenüber “den Amis” genervt war, auf die selbe Weise, wie ich auch von anderen wiedergekäuten Vorurteilen gegenüber verschiedenen pseudo-homogenen Gruppen genervt bin.

© Theresia Reinhold

© Theresia Reinhold

Das heißt, Du wusstest noch gar nicht genau, „wohin die Reise geht“?

Genau. Als ich aus dem Flugzeug stieg, wusste ich noch nicht wohin der Film gehen wird, aber ich wollte unbedingt die Protagonist_innen die Story bestimmen lassen. Ich war dann drei Monate, zwischen Ende November 2012 und Ende Februar 2013, in den USA und bin kreuz und quer durch das Land gefahren. Und sehr schnell wurde deutlich, dass die Implikationen des “Amerikanischen Traums” etwas waren, worüber viele Personen sprechen wollten.

Wie entstand die Verbindung „American Dream“ und Rassismus?

Die Idee entstand aus den Interviewten heraus, sie sprachen einfach darüber. Ich hatte den Eindruck, dass in den USA viel mehr darüber gesprochen und nachgedacht wird, als z.B. in Deutschland. Hier sind, wie im Moment sehr gut zu sehen, viele Menschen damit beschäftigt zu betonen, dass sie ja bloß keine Rassist_innen seien. Aber wirklich mit dem strukturellen Rassismus, dem anerzogenen Rassismus, der tief in den Menschen steckt und den man sich aktiv selbst herausschneiden muss, dem “haha ach so witzigen”-Rassismus zu Halloween, setzen sich wenige weiße Deutsche auseinander.

© Theresia Reinhold

© Theresia Reinhold

Du hast Dich für eine relativ distanzierte Haltung entschieden, bist selbst nicht Teil Deines Films. Was sind die Gründe dafür?

Es gab einige Personen, die mir geraten haben, mich selbst einzubeziehen. Aber genau in diesem Punkt sehe ich das Problem des Dokumentarfilms, der die Protagonist_innen sehr häufig – obgleich vielleicht nicht immer absichtlich – objektifiziert, in dem er die filmenden oder “erkundenden” (im Sinne der alten und neuen Kolonialfilme) Personen in den Vordergrund rückt. Es geht in Dreams & Pieces nicht um mich oder meine Erfahrungen, sondern um die Menschen, die sich die Zeit genommen und mir das Vertrauen entgegen gebracht haben, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Hast Du jemals überlegt, selbst im Film aufzutreten?

Nein, ich persönlich wollte nie Teil des Films sein, auch wenn es von mancher Seite angekreidet wurde. Ich verstehe mich lediglich als die Person, die die Geschichten sammelt und versucht, so wenig wie möglich darin einzugreifen. Es ist die Geschichte von den Personen, die sie erzählen, und nicht meine.

Selbstverständlich ist es immer ein Eingriff, einen Film zu drehen. Aber ich bin nicht der Meinung, dass Dokumentarfilme die Realität abbilden können, sie dienen lediglich als Medium, um Menschen, die vielleicht sonst nie eine Lobby haben oder deren Stimmen konsequent (auch im Dokfilm) beschnitten oder gelöscht werden, einen Raum zu geben.

© Theresia Reinhold

© Theresia Reinhold

Aber jetzt von mir zu Dir gefragt: Was ist denn Deine persönliche Beziehung zum „American Dream”?

Ich glaube, dass diese Annahme “Du kannst alles werden, wenn du nur hart genug arbeitest” auch in anderen Ländern verbreitet ist. Für mich persönlich ist diese Aussage prägend gewesen – negativ wie positiv – bis ich irgendwann, wie vermutlich die meisten Menschen, lernen musste, dass du eben nicht alles werden kannst, egal wie sehr du dich anstrengst. Denn es werden den meisten Menschen große Steine in den Weg gelegt – sei es aufgrund verschiedener (fremd-) imaginierter Charakteristika oder angeblicher Einschränkungen oder weil es überhaupt sehr schwer ist herauszufinden, was du eigentlich wirklich machen möchtest, unabhängig vom gesellschaftlichen Druck. Ist dieser Wunsch nicht konform mit dem, was “die anderen” von dir wollen, wird es nicht nur schwer, sondern sehr schnell unmöglich.

An mir ist nichts “self-made”, sondern ich hatte schlicht Glück so privilegiert geboren und aufgewachsen zu sein.

Dein Wunsch ist es, eine Produktionsfirma zu gründen. Wie kam es dazu und was sind Deine Ziele?

Der Auslöser war die akute und aktive Diskriminierung von vielen verschiedenen Menschen bzw. imaginierten Gruppen in der Filmbranche. Mein Ziel ist es nicht nur, endlich Personen einen Job zu geben, die engagiert und talentiert und großartig sind, aber in der Branche – aus welchem Grund auch immer – nichts finden, sondern auch gute Bezahlung und tatsächlich gute Arbeitsbedingungen bieten zu können.

Wenn ich diese Ideen ausführe, werde ich häufig von allen Seiten belächelt und ermahnt, dass das nicht realistisch sei, dass das viel zu viel koste, dass das doch nicht ginge, weil… Aber dabei halte ich mich lieber an den Spruch “Seid realistisch: Fordert das Unmögliche!”

© Elif Kücük (www.castorxpollux.com)

© Elif Kücük (www.castorxpollux.com)

Dein (Arbeits)motto ist: “Auf der Leinwand ist Moral sehr wohl eine Frage der Kamerafahrt.” Was bedeutet das für Dich?

Dieses Zitat ummantelt für mich all das, was im Dokumentarfilm wie auch im Spielfilm nicht mehr wiederholt werden sollte. Historisch betrachtet, waren nicht nur Kolonialfilme Produzenten rassistischer Stereotype, sondern auch Spielfilme – eine Tendenz, die sich bis heute fortschreibt. Allein die üblicherweise verwendeten Methoden zur Ausleuchtung einer Szene oder die Orientierung am “Weißabgleich” zementieren dies immer weiter.

Inwiefern?

Während der Entwicklung der Fotografie und später des Films wurde sich immer an “weißer” Haut orientiert, die es optimal abzubilden galt und bis heute sind Schwarze Akteur_innen in Filmen unglaublich schlecht ausgeleuchtet.

Dies ist nur ein Beispiel für die Bedeutung der oben stehenden Aussage. Auch die Fragen, in welchen Positionen Menschen zur Kamera abgebildet werden, wie sie geschnitten werden, wie viel sie sprechen dürfen oder müssen, wie viel Leinwandzeit sie erhalten etc.pp. sind wesentliche Indikatoren dafür, ob Filme, die ein sehr starkes Medium sind, negative gesellschaftliche Tendenzen zementieren oder sie aufbrechen und aktiv an gesellschaftlicher Veränderung mitwirken.

Und was ist mit Sexismus in der Filmindustrie?

Der ist leider auch immer noch Realität. Genauso wie Rassismus, Klassismus, Feindlichkeit gegenüber Trans*Menschen und Homosexuellen, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit psychischen “Krankheiten” und alle denjenigen, die nicht als “angepasst” gelten. Es ist doch (fast) überall der gleiche Scheiß und wer etwas anderes behauptet, hat es sich in der imaginierten Blase recht gemütlich gemacht.

Was meinst Du können wir aktiv tun, um das Problem Sexismus im Film(business) anzugehen?

Frauen* einstellen, ihnen Geld für Projekte geben, ihre Crowdfunding-Seiten an Freund_innen weiterleiten, Festivals mit Filmen von Frauen* fluten, bis sie endlich anfangen, faire Auswahlkriterien an den Tag zu legen. Laut sein, da sein und viel mehr Filme von Frauen* gucken. Es wird lange dauern, bis nicht mehr fast alle Regie-Oscars an Männer* vergeben werden, aber auch wenn ich den Weg nicht kenne, glaube ich fest daran, dass es irgendwann so weit sein kann, wenn nur hart genug dafür gekämpft wird.

Was sind Deine nächsten Projekte?

Vor kurzem habe ich einen experimentellen Kurzfilm über Depressionen, Trauer und Angst namens “Hast du mich vermisst?” fertiggestellt und direkt danach die Arbeit an einer Doku zu dem Komplex der Überwachung und massenhaften Datenspeicherung begonnen, deren Ziel es ist, dieses Thema wirklich zugänglich zu machen. Weitere Projekte mit verschiedenen Menschen sind in Planung, müssen aber leider ein bisschen warten, da ich gerade einige Zeit damit verbringe, ein Drehbuch für einen Spielfilm zu schreiben, welcher sich mit einem Schwangerschaftsabgang und dem Gefühl danach auseinandersetzt. Mehr über mich und meine Filme findet sich übrigens auf meiner Webseite.

Liebe Theresia, vielen, vielen Dank für dieses tolle und ermutigende Interview. Wie schön könnten Kino und Fernsehen sein, wenn mehr Menschen so denken würden wie Du. In diesem Sinne: Alles Gute für Deine Projekte und auf dass wir noch ganz viel von Dir sehen und hören!

Sophie Charlotte Rieger

Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.
Sophie Charlotte Rieger