Frohes feministisches Fest!

Auch wenn der Puderflockenschnee noch in weiter Ferne ist, lässt es sich nicht mehr leugnen: Es weihnachtet sehr! Und mensch mag von diesem Fest halten, was mensch will, doch es beherrscht in großen Teilen die Bilder, die wir in diesem letzten Monat des Jahres zu sehen bekommen – auch die Filmbilder. Und was das oft für Bilder sind! Der klassische Weihnachtsfilm ist eine Brutstätte für veraltete Rollenklischees und Familienvorstellungen, für Mütter, die das Weihnachtsessen kochen, kleine Jungs, die Spielzeugautos geschenkt bekommen und Familienväter, die heldenhaft das Fest retten. Geht das nicht auch ein bisschen feministischer? Geht es! Wir stellen euch fünf Filmtipps für ein feministisches Fest vor.

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Miracle on 34th Street – Das Wunder von Manhattan (1947)

Auch Miracle on 34th Street – Das Wunder von Manhattan von 1947 ist wie so viele Weihnachtsfilme von einer kitschig, fast schon zu zuckersüßen Geschichte geprägt: Ist Kaufhaus-Weihnachtsmann Kris Kringle wirklich der echte Santa Claus und lohnt es sich daher vielleicht doch an den Weihnachtsmann zu glauben? Besonders ist George Seatons Film aber vor allem aufgrund der Zeichnung der weiblichen Hauptfigur. Mit Doris Walker (Maureen O’Hara) hielt ein zuvor nie gesehener Frauentyp Einzug in den US-amerikanischen Weihnachtsfilm: Sie ist geschieden, alleinerziehend, mit einem Ex, der in ihrem sowie im Leben ihrer Tochter keine Rolle spielt, und hat als Event-Koordinatorin der Macy’s Thanksgiving Day Parade einen erfolgreichen wie angesehenen Platz im Berufsleben inne. In die Erziehung ihrer Tochter Susan (Natalie Wood) lässt sie sich nicht reinreden, bleibt sich treu und hält an ihrer Überzeugung fest, Susan auf ein unabhängiges, selbstständiges Leben abseits von Prince Charming-Träumereien vorzubereiten. Das Ganze war Ende der 1940er Jahre tatsächlich so neu, so progressiv und daher eben auch so schockierend, dass die Wachhunde der katholischen Kirche in den USA damals empfahlen, den Familienfilm mit Vorsicht zu genießen. (bei Disney+ zu sehen)

von Sabrina Vetter empfohlen

Black Christmas (2019)

Weihnachten – das Fest der Liebe, der Familie und viel wichtiger; der Traditionen. Geschenke auspackend zusammen unterm Baum sitzen, während draußen die Sternsinger:innen in die schneebedeckte Nacht frohlocken. Für diejenigen, für die dieser Kitsch nur allzu schwer zu ertragen ist, bietet Black Christmas der amerikanischen Regisseurin Sophia Takal dankenswerterweise andere Traditionen an: die des klassischen 90er Jahre-Horrorkinos. Ohja, in diesem Remake des gleichnamigen 1974er-Horroklassikers wird gemordet, geblutet und geschrien und das nicht zu knapp. Doch wer dabei gleichzeitig an hilflose Frauenfiguren, moralisch einwandfrei stilisierte final girls oder nervtötende scream queens denkt darf aufatmen – das hauptsächlich aus Frauen bestehende Rollenensemble ist vielfältig, feministisch und die treibende Kraft in diesem Film, dessen Handlung eigentlich nur zweitrangig ist. Frauenjagender Serienmörder, blablabla, wir wissen wie es ist … Viel spannender ist, wie Black Christmas es schafft sein konventionelles Horrorsetting mit radikalen feministischen Positionen zusammenzubringen und dabei gleichzeitig noch Spaß macht. (zu kaufen bei Amazon Prime, Streaming bei Sky Ticket)

von Sophie Brakemeier empfohlen

© Universal Pictures

Holiday Rush (2019)

Der Film Holiday Rush von Leslie Small (2019) hat alles, was ein Weihnachtsfilm haben muss: eine perfekte harmonische Familie, deren Weihnachtsfest auf der Kippe steht: Der erfolgreiche Star-Radiomoderator Rush Williams ist plötzlich arbeitslos. Die Familie muss sparsamer werden. Oh je, werden die Kinder etwa ohne Geschenke auskommen müssen? Doch dann wird der kapitalistische Großkonzern  ausgetrickst; Kinder entdecken, dass es neben materiellen Geschenken auch noch Wichtigeres gibt. Ein Moment männlicher Selbstreflexion findet seinen Raum, ein bisschen romantische Liebe ist dabei, und aufeinander abgestimmte Onesies runden das Weihnachtsvergnügen ab. Vielleicht nicht der feministischste Film in dieser Liste, aber doch deutlich unterhaltsamer als die altbekannten Weihnachtsromcoms. (zu sehen bei Netflix)

von Angela Schmidt empfohlen

© Anna Kooris/Netflix

Tangerine L.A. (2015)

Es ist Heiligabend und Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) ist gerade ein paar Stunden aus dem Gefängnis entlassen worden, als ihrer besten Freundin Alexandra (Mya Taylor) bei einem weihnachtlichen Donut herausrutscht, ihr Freund Chester hätte sie mit einer weißen cis-Frau betrogen. Damit beginnt eine urkomische, absolut unweihnachtliche Hetzjagd durch das Sexarbeiter:innen-Millieu von Los Angeles. Sin-Dee ist nicht aufzuhalten, das Publikum jagt, auf der Suche nach dieser Frau und Chester, gemeinsam mit ihr durch die Stadt. In ihrem Wahn vergisst sie dennoch nicht, Alexandras Weihnachtskonzert zu besuchen, für das diese extra einen Club gemietet hatte. Tangerine bedient auf den ersten Blick nicht das Weihnachtsfilm-Genre. Aber neben seiner Unmittelbarkeit – der komplette Film wurde ausschließlich mit Iphone-Kameras gedreht und besitzt dadurch fast dokumentarischen Charakter -, mit der er die Lebensrealität der transsexuellen Sexarbeiter:innen abbildet, ist Tangerine vor allem ein Film über Freund:innenschaft und hinterlässt deshalb am Ende doch eine besinnliche Stimmung. (zu sehen bei Mubi)

von Hannah del Mestre empfohlen

© Kool

Was der Himmel erlaubt – All that heaven allows (1955)

Feiertagszeit bedeutet auch Klassikerzeit. Was der Himmel erlaubt ist ein Melodrama, das lange nach seiner Zeit viele feministische Filmtheoretiker:innen diskutier(t)en, besonders weil das Melodrama als “Tränendrücker-”Genre abgewertet wurde. Weihnachten und Schneelandschaften spielen erst in der zweiten Hälfte des Films eine Rolle. Anfangs ist noch Herbst in der US-amerikanischen Kleinstadt, in der die Protagonistin Cary (Jane Wyham) lebt. Als Witwe ist sie oft allein, gegen die Einsamkeit einen Fernseher anzuschaffen, lehnt sie kategorisch ab. Nachdem sie beginnt mit dem jüngeren Gärtner Ron (Rock Hudson) auszugehen, rümpfen die Leute in der Kleinstadt wegen des Alters- und Klassenunterschiedes die Nase. Auch Carys erwachsene Kinder sind entsetzt: ein jüngerer Mann? Schafft Cary es, sich über den Tratsch hinwegzusetzen?

In Was der Himmel erlaubt erinnert einiges an Coming-Out Narrative heutiger Filme und Serien. Hier wie da sind es unter gesellschaftlichen Druck gestellte Held:innen, die versuchen den Erwartungen einer Mehrheit entgegenzutreten. Sirks Film wirkt an vielen Stellen wunderbar emanzipatorisch, spart aber auch nicht mit konservativen Ansichten und schwülstigen Dialogen. Die Musik des Films untermalt Carys Gefühlslage pompös, die grellen, märchenhaften Technicolor-Farben und kitschigen Elemente lassen rührselige Weihnachtsgefühle hochkommen.  (auf DVD und auf Youtube)

von Bianca J. Rauch empfohlen

 

Autor

  • Hannah del Mestre arbeitet selbstständig als Autorin, Lektorin und Veranstaltungsorganisatorin. Nach ihrem Studium Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, hat sie vor kurzem einen Master in angewandter Literaturwissenschaft und Gegenwartsliteratur angefangen. Um up to date zu bleiben arbeitet sie in einem Berliner Indiefilm Kino. Seit sie das erste Mal etwas über den »male gaze« gelesen hat, sieht sie Filme mit anderen Augen.