FFHH 2026: Die andere Seite
Hanna (Nina Hoss) lebt allein im Wald. Nicht weil sie will, sondern weil sie muss. Denn Hanna ist krank. Oder besser gesagt ansteckend. Im Gegensatz zu vielen anderen hat sie eine Pandemie überlebt, und jetzt stellt sie als Trägerin der noch wenig erforschten Krankheit eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. Hanna ist sich dessen bewusst und möchte niemanden in Gefahr bringen. Sie gibt sich damit zufrieden, im Wald Kleintiere zu jagen und verschlissene Kleidung zu tragen. Mit der ewigen Einsamkeit, der Unmöglichkeit menschlicher Nähe hat sie sich abgefunden.

© Trimafilm Felix Pflieger X Verleih
Doch die Gesellschaft honoriert das Opfer ihres selbst gewählten Exils nicht. Sie ist als Überlebende noch immer in Lebensgefahr, denn die Strategie zur Eindämmung der Pandemie besteht in der Deportation von Infizierten in abgeschottete Lager, die durch die unkontrollierte Verbreitung verschiedenster Virenmutationen primär der strategischen Auslöschung der Erkrankten und nur sekundär dem Schutz der gesunden Bevölkerung dienen. Hanna ist also nicht nur eine Verstoßene, sondern auch eine Gejagte. Während der Rest der Welt langsam zur Normalität zurückkehrt, schlägt sie sich durch Wälder und Gebirge, alle Sinne geschärft, stets wachsam. Im Süden, jenseits der abgeriegelten Landesgrenze, da soll es besser sein. Vielleicht.
Mit ihrem post-pandemischen Setting holt Regisseurin Mariko Minoguchi mit Die andere Seite ihr Kinopublikum in ihrem kollektiven Trauma der COVID19-Pandemie ab. Verlassene Straßen, Atemschutzmasken, Zwiegespräche auf Abstand unter freiem Himmel; was noch vor 10 Jahren rein dystopische Bilder waren, sind heute allgemein zugängliche Erinnerungsbrücken zu Emotionen von Angst, Verzweiflung und Verunsicherung. Doch Minoguchi hat keinen „Corona-Film“ gemacht und Die andere Seite als solchen zu dechiffrieren, läuft ins Leere. Stattdessen nutzt die Regisseurin den noch frischen Zugang zu kollektiv abrufbaren emotionalen Erinnerungen, um etwas noch Universelleres zu erzählen.___STEADY_PAYWALL___
Hanna und die anderen Überlebenden sind ohne eigenes Zutun zu Feindbildern geworden. Im Grunde sind sie selbst Opfer, haben Unvorstellbares überlebt, und sind doch die Gejagten, denen die Mehrheitsgesellschaft nicht mit Empathie, sondern mit Angst oder gar Hass begegnet. Ihr einziger Ausweg ist die Flucht über die Grenze an einen Ort, an dem sie in Frieden leben können. Und weil es ihr einziger Ausweg ist, gehen sie ihn trotz aller Widrigkeiten – durch eine feindliche Natur, durch Kälte, Schmutz und Hunger. Weil es ja sein könnte, dass am Ende dieses gefährlichen Weges ein besseres Leben auf sie wartet.

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Und es ist genau diese emotionale Welt, die Mariko Minoguchi mit ihrem Rückgriff auf das Pandemie-Setting erschafft. Die Handkamera, die nahen Einstellungen, die sich ganz auf die Hauptfigur konzentrieren, lassen das Filmpublikum an Hannas Erleben teilhaben. Die andere Seite ist von der ersten Minute an ruhelos, voller Anspannung. Das Gesicht von Hauptdarstellerin Nina Hoss spiegelt neben ihrer Entschiedenheit auch stets die Entbehrungen und vor allem die Angst wider, die ewige Ruhelosigkeit. Die Natur, in der sie sich bewegt, ist nicht freundlich, sondern herausfordernd: Schlechtes Wetter dominiert, der Wald ist düster und regnerisch, Landschaftspanoramen wirken zwar visuell beeindruckend, aber niemals einladend. Minoguchis Natur-Setting ist kein Zufluchtsort, sondern ein Ort des Übergangs. Ihre Heldin findet hier nicht alles, was sie zum Überleben braucht, muss wiederholt auf Spenden oder Diebstähle aus der Zivilisation zurückgreifen.

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Und so wie Minoguchi Zivilisation und Natur nicht gegeneinander ausspielt, sucht sie auch auf gesellschaftlicher Ebene keine Polarisierung. Die politischen Entscheidungsträger*innen sind unsichtbar, unbedeutend. Sichtbar sind die Ausführenden: Polizei und Grenzpersonal sowie jene, die als faschistische Handlanger Jagd auf die Überlebenden machen. Doch auch diese Menschen bleiben anonym, sind keiner gesellschaftlichen Gruppierung klar zuzuordnen. Frauen bilden das narrative, aber nicht zwingend moralische Zentrum der Erzählung – die wenigen Figuren, mit denen Hanna im Zuge der Filmhandlung interagiert sind mehrheitlich Frauen, aber eben nicht ausschließlich. So sehr wir uns auch bemühen, Mariko Minoguchi erlaubt es uns nicht, aus Die andere Seite Urteile oder Erklärungen abzuleiten.
Auffällig ist, wie bewusst die Regisseurin mit der (Un)Sichtbarkeit von Leid und Schmerz arbeitet. Die Leichen der an der Pandemie verstorbenen sind unsichtbar, doch Hannas Nähen ihrer eigenen Wunde oder ein sterbender Hund werden dem Publikum visuell und intensiv zugemutet. Minoguchi hat also keine Scheu davor, Schmerz und Elend zu veranschaulichen, sondern trifft eine sehr bewusste Auswahl. Leid ist hier nicht beliebig, wird nicht als Schauwert missbraucht, sondern transportiert und vermittelt.

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Die andere Seite ist ein Film über eine emotionale Erfahrungswelt. Und genau darin liegt seine politische Dimension. Das Vokabular der „Lager“, die Flucht über eine geschlossene Grenze und die Verwüstung eines Camps Flüchtender im Wald – all das verweist auf eine emotionale Erfahrungswelt, die in Mitteleuropa vermeintlich zu weit entfernt ist, um ihr politisch und gesellschaftlich empathisch zu begegnen. Mariko Minoguchi baut mithilfe des Pandemie-Settings eine Brücke. Bleibt zu hoffen, dass ihr Publikum mutig genug ist, sie zu überqueren.
Die andere Seite läuft im Programm des FFHH 2026.
- FFHH 2026: Frank & Louis - 28. September 2026
- FFHH 2026: The Idiot(s) – Kurzkritik - 27. September 2026
- FFHH 2026: What Lies Between Us - 27. September 2026



