FddF: Das Golddorf

Mit dem Begriff „Heimatfilm“ verbinden wir Berge, Dirndl und gejodelte Liebeserklärungen. Denn wenn in Deutschland von Heimat die Rede ist, dann geht es oft um südliche Gefilde. Vielleicht liegt das daran, dass in Großstädten wie Berlin die kulturelle Vielfalt so ausgeprägt ist, dass es schwierig ist, eine ur-deutsche Tradition darin zu erkennen, aus der sich ein konkreter Heimatbegriff ableiten ließe, während abgelegene Dörfer in den bayrischen Alpen die Möglichkeit haben, ihre Traditionen weitgehend ohne Einfluss von außen zu konservieren. Und das mag auch der Grund sein, weshalb die Bayer_innen ein besonders enges Verhältnis zu ihrer geographischen und kulturellen Herkunft pflegen. Der Begriff Heimat hat eine tragende Bedeutung.

© Festival des deutschen Films

© Festival des deutschen Films

Was aber passiert, wenn ein Dorf, wie das vertraute und aufgeräumte Bergen im Chiemgau, plötzlich das Quartier für Flüchtlinge wird. Für Menschen, die anders aussehen, anders klingen und unter Umständen auch noch anders beten. Aber Filmemacherin Carolin Genreith wählt das Dorf Bergen nicht nur auf Grund der Kontraste als Schauplatz, sondern vor allem wegen der Gemeinsamkeiten zwischen den Bergener_innern und den Flüchtlingen.

Es ist der Heimat-Begriff, der hier über allem schwebt. Während der Eritreer Fishatsyon und der Afghane Ghafar mit trauriger Sehnsucht in den Augen von ihren Herkunftsländern erzählen, schuhplattelt die nachwachsende Generation fröhlich durch den Trachtenverein, während die älteren Bauern von ihren Lieblingskühen berichten. Niemand in Bergen möchte woanders als in seiner Heimat leben. Genauso wenig wie Ghafar und Fishatsyon.

In der auf den ersten Blick komödiantischen Nebeneinanderstellung des bayrischen Traditionalismus mit den dunkelhäutigen Flüchtlingen, die umgehend als „Fremdkörper“ ins Auge stechen, führt Genreith ihrem Publikum einen fundamental wichtigen Aspekt der Flüchtlingsdebatte vor Augen: Niemand verlässt aus Jux und Dollerei – oder weil es halt in Deutschland ein bisschen bequemer ist als Zuhause – seine Heimat und nimmt eine tausende von Kilometern lange und eine entbehrungsreiche wie auch lebensgefährliche Reise auf sich. Niemand lässt seine Familie zurück, weil es sich Deutschland so herrlich vom Sozialstaat leben lässt. Fishatsyon und Ghafar fürchteten um ihr Leben und nichts hätten sie lieber getan, als in Eritrea bzw. Afghanistan zu bleiben. So kann Das Golddorf den Heimat-Begriff nutzen, um eine Einfühlung in oder vielleicht gar Identifikation mit den fremd wirkenden Flüchtlingen zu ermöglichen.

© Festival des deutschen Films

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Carolin Genreith lässt vornehmlich ihre Protagonist_innen zu Wort kommen, während sie selbst nur als interviewende Stimme und somit Beobachterin auftritt. Damit macht sie klar, dass sie weder zu der Gemeinschaft der Bergener_innen noch zu den Asylbewerber_innen gehört. Sie ist – wie ein Großteil ihres Kinopublikums – eine Außenstehende. Als jene kann sie nur Fragen stellen statt Wahrheiten zu postulieren. Genreith maßt es sich niemals an, Zusammenhänge und Bewertungen zu artikulieren. Es sind allein die Stimmen ihrer Interviewpartner_innen sowie die Montage der einzelnen Szenen und Situationen, die sich gegen den aktuellen Umgang mit Flüchtlingen aussprechen. Damit vermeidet Genreith eine moralische Belehrung des Publikums und bleibt in ihrer Rolle als Filmemacherin auch gegenüber der Diskussion neutral und glaubwürdig.

Die Glaubwürdigkeit der Regisseurin und die Authentizität der unterschiedlichen Protagonist_innen, verleihen Das Golddorf Durchschlagkraft. Die Erzählungen von Fishatsyon und Ghafar sind bedrückend und für empathische Zuschauer_innen schwer ertäglich, ohne dass Genreith durch ihre Inszenierung auf die Tränendrüse drücken würde. Es ist die nicht enden wollende Hilflosigkeit und Auslieferung, die berührt. In ihrem Land sind die Flüchtlinge durch repressive Regierungen, auf der Flucht durch die sadistische Willkür der Schlepper und in Deutschland durch eine starre und menschenferne Bürokratie fremdbestimmt und entmündigt. Monatelang warten sie taten- und hilflos auf eine Information über ihren Aufenthaltsstatus. Monate, in denen die Traumata der Vergangenheit und die Sehnsucht nach Heimat und Familie in ihnen arbeiten.

Diese Zustände sind menschenunwürdig. Das muss Carolin Genreith nicht verbal ausformulieren, um es mit aller Klarheit zu sagen.

Sophie Charlotte Rieger
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