DVD: Erotische Geständnisse der Porno-Queens

© Tiberius

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Deborah Anderson wollte berühmte Pornodarstellerinnen einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen. Die Produktion ihres Fotobuchs, in dem sie 16 Stars des US-amerikanischen „Adult Business“ in Szene setzt, begleitete sie mit einer Videokamera, um das Projekt zusätzlich in einem Dokumentarfilm festzuhalten: Erotische Geständnisse der Porno-Queens.

Allein der deutsche Verleih-Titel und das DVD-Cover zeigen schon, dass irgendetwas hier ganz und gar nicht stimmt (Originaltitel: Aroused, Originalcover hier). Das hat sich Deborah Anderson zwar nicht so ausgesucht, doch deutet diese Aufmachung schon auf den recht kritiklosen Umgang mit den Strukturen der Mainstream-Porno-Industrie hin, den ihr Film aufweist. Der Name kitzelt unseren Voyeurismus („Geständnisse“) und reduziert die Frauen gemeinsam mit dem Cover auf ihren beruflichen Objekt-Status („Porno Queens“), verspricht also quasi einen Porno oder doch zumindest ein pornographisches Erlebnis.

Diese Erwartung wird auf den ersten Blick enttäuscht, denn Erotische Geständnisse der Porno-Queens zeigt vornehmlich durchschnittlich attraktive und eloquente Frauen, die in der Maske für ein anstehendes Fotoshooting sitzen und dabei über ihr Leben plaudern. Die Kamera vermeidet konsequent eine voyeuristische Perspektive und die schwarz-weiße Farbgebung verleiht dem Setting ein – wenn auch recht offensichtlich inszeniertes – künstlerisch wertvolles Antlitz (Ich musste hier immer an die Aussage eines befreundete Fotografen denken, der sagte: “Wenn nichts mehr hilft, hilft schwarz-weiß”). Am Ende, wenn die Damen dann aber vor die Fotokamera treten und Anderson aus unerfindlichen Gründen von schwarz-weiß auf Farbe wechselt, stellt sich zumindest bei mir Enttäuschung ein. Denn diese „ganz andere Perspektive“, von der die Regisseurin zu Beginn ihres Films noch sprach, besteht schließlich wieder in Nacktaufnahmen. Sie sucht den Unterschied zwischen Sinnlichkeit und Sexualität, tappt dabei aber in die Falle, ihre Protagonistinnen letztlich doch wieder als Sexobjekte zu inszenieren, anstatt auf irgendeiner Ebene tatsächlich etwas über diese Begrifflichkeiten auszusagen. Die Pornodarstellerinnen in einem ganz anderen Licht erscheinen zu lassen, hätte für mich bedeutet, ihre Persönlichkeit, ihre Würde, ihre Grazie durch eine ganz andere Art der Fotografie in Szene zu setzen, zum Beispiel in dem man sie in einem ganz anderen Umfeld als ihrem beruflichen zeigt und eben nicht nackt in High Heels.

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Das Projekt erscheint mir seiner Ganzheit unausgegoren. Auf der einen Seite geht es darum, Vorurteile gegenüber Pornodarstellerinnen abzubauen, gleichzeitig aber produziert die Aneinanderreihung ähnlicher Statements durch die Montage des Films neue Klischees. So berichten fast alle Protagonistinnen von einer schweren Kindheit und einem abwesenden Vater, viele von einer streng religiösen Erziehung. Auch haftet der wiederholten Betonung ihrer Unabhängigkeit und Liebe für den Beruf die Verzweiflung von Menschen an, die sich immer wieder für ihr Leben rechtfertigen müssen. Es ist schade, dass Deborah Anderson hier keinen Weg findet, diesen Frauen und ihrer Profession mehr Selbstverständlichkeit oder doch zumindest Natürlichkeit zu verleihen.

Schade ist auch, dass die patriarchalen Strukturen des Mainstream-Pornos gänzlich unerwähnt bleiben. Da wird von einer bedrückend übersteigerten Beschäftigung mit dem eigenen Körper erzählt, der Angst, durch die physische Perfektion auch den Beruf und somit die Lebensgrundlage zu verlieren. Da wird von Brustimplantaten berichtet, als handele es sich um einen alternativlosen Anschub für das Selbstbewusstsein. Da wird ein Drogenkonsum erwähnt, der vornehmlich der Angstbewältigung dient, der Angst vor zu großen Genitalien der Männer oder anderen beruflichen Herausforderungen. Aber all diese Schattenseiten der Profession werden nicht in Verbindung mit einem patriarchalen System gebracht, das von Frauen ebenso physische Perfektion und große Brüste verlangt wie es sich an Bildern ergötzt, in denen große Schwänze in viel zu kleine Körperöffnungen geschoben werden.

erotische gestaendnisse der pornoqueens

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Versteht mich nicht falsch: Gegen Sexarbeit – ob vor oder hinter der Kamera – ist ebenso wenig etwas einzuwenden wie gegen jedwede Form der Perversion, bei der niemand zu Schaden kommt. Dennoch sollten wir unsere Vorstellungen von Sexualität, insbesondere wie sie im Mainstream Porno visualisiert werden, durchaus hinsichtlich patriarchaler Prägungen in Frage stellen: Warum gilt etwas als sexy? Was macht es sexy? Wer nimmt diese Wertung vor? Und wir sollten auf die Alternativen schauen, die es ja durchaus gibt. Alternative Pornographie, die körperliche Vielfalt zelebriert und ihren Darsteller_innen nichts abverlangt, woran sie selbst keine sexuelle Freude hätten.

Ich verstehe, dass Deborah Anderson gerade jene Frauen portraitieren wollte, die wir auf Grund ihrer Arbeit für eine zutiefst sexistische Industrie vielleicht als dumm oder hilflos verurteilen, um sie von ihrem Stigma zu befreien. Doch bleibt sie in ihren Beobachtung zu oberflächlich und läuft damit Gefahr, genau das Gegenteil zu erreichen.

Die endlose Reihung ähnlicher Statements wirkt zunehmend ermüdend. Auch scheitert Erotische Geständnisse der Porno-Queens daran, die einzelnen Protagonistinnen als distinktive Persönlichkeiten zu inszenieren. Insbesondere im letzten „Akt“, in dem die Frauen nackt vor der Kamera liegen, sind die einzelnen Darstellerinnen kaum noch auseinander zu halten. Andersons Bemühungen, sie in einem neuen Licht erscheinen zu lassen, berauben sie erneut ihrer Authentizität und Individualität. Hier wirkt nichts natürlich, nichts echt, nichts persönlich. Die Aussagen der Sprecherinnen bleiben letztlich so flach, dass sich doch alles wieder auf ihr Aussehen und ihre Sexualität konzentriert. Und damit ist Erotische Geständnisse der Porno-Queens letztlich doch genau das was der deutsche Verleih-Titel von Anfang an versprach: ein Porno. Ein Porno der etwas anderen Art, aber dennoch ein Porno.

Veröffentlichung: 5. März 2015

Sophie Charlotte Rieger

Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.
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