Zu Guter Letzt – Die heilige Dreieinigkeit von Sexismus, Rassismus und Klassismus

Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht. Selten war dieser Satz so wahr wie in Hinsicht auf das pseudo Feel-Good-Movie Zu Guter Letzt, das versucht eine emanzipatorisch wertvolle Geschichte zu erzählen, sich dabei aber hoffnungslos in sexistischen, rassistischen und klassistischen Stereotypen verstrickt. Mit etwas gutem oder bösem Willen (das ist Ansichtssache) ließe sich sogar noch das Adjektiv „ableist“ hinzuzufügen.

Aber von vorne: Auf den ersten Blick scheint Zu Guter Letzt die ideale Ausgangsbasis für eine emanzipatorisch wertvolle Geschichte zu bieten. Zwei Frauen*figuren mit einer von Männern* unabhängigen Agenda. Aber so einfach ist es eben nicht und hier zeigt sich einmal mehr, dass der Bechdel-Test zur Evaluation der Geschlechtergerechtigkeit eben doch nicht ausreicht. Den besteht Zu Guter Letzt nämlich problemlos, was den Film aber bedauerlicher Weise nicht weniger sexistisch macht.

© Tobis

Geschäftsfrauen* vs. gute Menschen

Schon die Prämisse, der Katalysator der Handlung, der Startpunkt für die gesamte Filmhandlung ist maximal sexistisch. Heldin Harriet (Shirley MacLaine), ehemals Chefin einer erfolgreichen Werbeagentur, findet sich in vollendeter Isolation wieder. Einsam und allein nimmt sie das von der Haushaltshilfe bereitete Essen ein. Die Tage sind gleichförmig und Abwechslung bietet allein Harriets Ärger über so ziemlich alles und jede_n. Mit einer narzisstischen Persönlichkeit gesegnet, glaubt die verbitterte, alte Frau* sich stets überlegen und scheut vor keiner noch so unnötigen Belehrung zurück. Aber dann entdeckt sie in einem Moment der Schwäche lobduselige Nachrufe in der Zeitung und beschießt, dass auch sie einen solchen posthumen Lobpreis verdient hat.

Das große Problem liegt hier bereits in der Vergleichsgruppe. Denn Harriet schaut nicht etwa auf die Nachrufe erfolgreicher Geschäftsleute, sondern auf die von Frauen*, deren Beruf für ihr Leben entweder keine Rolle gespielt hat oder hier einfach aus sexistischen Gründen vernachlässigt wurde. Fürsorglichkeit und Liebe werden gepriesen, aber von professionellen Errungenschaften ist niemals die Rede. Ohne Sexismus hätte Zu Guter Letzt überhaupt keine Story, sondern wäre ein ereignisarmer Kurzfilm von maximal zehn Minuten. Harriet würde den Nachruf eines Wirtschaftsmagnaten lesen und sich denken: „Ach ja, eines Tages wird dasselbe über mich in der Zeitung stehen.“ Dann würde sie ihr Glas überteuerten Rotwein kippen und die Haushaltshilfe dafür anschnauzen, dass die Temperatur des edlen Tropfens ein Grad zu hoch ist. Aber nein: Harriet möchte keinen Nachruf für eine erfolgreiche Geschäftsfrau*, sondern lieber einen für eine Person, die vor allem für ihre Soft Skills gepriesen wird. Und da sie über jene eben nicht verfügt, muss sie sich diese erst aneignen. Und so beginnt eine Geschichte, die eigentlich gar keine sein sollte.

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Anne (Amanda Seyfried), die bei der Zeitung für die Nachrufe verantwortlich ist, steht Harriet nun quasi als Coach und Biographin zur Seite. Anne übrigens ist natürlich eine weniger beruflich erfolgreiche Figur mit einem Übermaß an Soft Skills in Kombination mit „typisch“ weiblicher* Unsicherheit in Hinblick auf die eigenen Fähigkeiten. So ist das nämlich mit den Frauen*: Entweder sie machen Karriere und sind eiskalte Bitches oder sie schlagen sich als zarte, engelsgleiche Wesen mit einem Mindestlohn durchs Leben.

Als wäre das noch nicht sexistisch genug, feiert Zu Guter Letzt auch noch das Motiv der abwesenden Mutter, das schon seit vielen Jahren eine gesamtgesellschaftliche Angst vor der Emanzipation der Frau* markiert. Natürlich kann Harriet nicht zugleich erfolgreich im Beruf und eine liebevolle Mutter sein. Ähnlich verhält es sich mit Annes Mutter, die zum Ziele ihrer Selbstverwirklichung einst die Familie vom einen auf den anderen Tag verlassen hat. Während Harriet durch die Filmhandlung eine Form der Rehabilitation erfährt, darf Annes Mutter als komplett unsichtbare Figur zu den Vorwürfen nicht einmal Stellung nehmen. Als Zuschauer_innen erfahren wir bis zum Ende nicht, weshalb sie ihre Familie verlassen, weshalb sie ein Leben mit Mann* und Kind aufgegeben hat. Ja, wir können uns im Grunde nicht einmal sicher sein, dass sie wirklich ihren Träumen hinterher jagte. Genauso gut könnte sie nämlich auch von einem Lastwagen überfahren worden oder in der Psychiatrie gelandet sein.

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Die armen Schwarzen – Rassismus meets Klassismus

Eine weitere vollständig abwesende und unfähige Mutter ist die der kleinen Brenda (AnnJewel Lee Dixon). Hier verschränken sich Rassismus, Sexismus und Klassismus auf brillante Weise. Die weiße Harriet hat sich nämlich in den Kopf gesetzt, dass sie zum Ziele eines lobenden Nachrufs unbedingt das Leben eines benachteiligten Menschen verbessern möchte. Und welche Menschen sind benachteiligte Opfer? Genau: People of Color und Menschen mit Behinderung. Deshalb will Harriet am liebsten auch einen schwarzen „Krüppel“ als Zögling, findet mit Brenda dann aber leider nur ein Mündel ohne Behinderung. Macht nix, immerhin ist Brenda schwarz.

Die Einrichtung für Kinder und Jugendliche aus prekären Verhältnissen, die Harriet für ihre Mission aufsucht, ist in diesem Film tatsächlich das nahezu einzige Setting, in dem People of Color auftreten. Dafür sind dort dann aber auch wirklich alle schwarz – bis hin zum Personal. Abgesehen davon gibt es keine andere Figur, und sei ihre Funktion für die Handlung auch noch so vernachlässigbar, die in diesem Film mit einer Person of Color besetzt ist. Ok, zugegeben, Harriets Hausangestellte sind ebenfalls „coloriert“, aber das gehört sich ja so, oder?! Die kleine Brenda wiederum, das Mädchen, das die großmütige Harriet nun unter ihre Fittiche nimmt, verfügt über kaum mehr Eigenschaften als eine Vorliebe zu spontanen Tanzeinlagen (denn wir wissen: schwarze Menschen tanzen… IMMER!) und ein loses Mundwerk (denn wir wissen: schwarze Menschen sprechen alle Slang!). Wenn die weißen Hauptfiguren mit ihrem schwarzen Mädchen an der Hand durchs Bild laufen, möchte die für Rassismus sensibilisierte Kinozuschauerin laut aufheulen. Selten hat das zeitgenössische Kino derartig rassistische Bilder produziert. Es ist, ich finde keine anderen Worte, einfach ZUM KOTZEN! Brendas Mutter übrigens ist natürlich ebenfalls abwesend. Vermutlich liegt sie betrunken oder mit einer Spritze im Arm in der Ecke, denn schließlich ist sie auch schwarz und prekär. In jedem Fall scheint sie keine gute Mutter zu sein, wenn ihre Tochter statt in den eigenen vier Wänden lieber mit einer narzisstischen Geschäftsfrau* auf Selbstläuterungsmission unterwegs ist.

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Soziale Ungerechtigkeit als non plus ultra

Ich fasse bis hierhin noch einmal zusammen: Frauen* sind entweder erfolgreich und egozentrisch oder erfolglos und liebevoll. Wenn sie sich selbst verwirklichen, sind sie IMMER schlechte Mütter. Schwarze Menschen tanzen und schimpfen gerne und leben IMMER prekär. Sie müssen von den weißen Menschen unterstützt und gerettet werden, weil sie das aus eigener Kraft einfach nicht können. Menschen mit Behinderung dienen nur zur Egopolitur weißer Menschen ohne Behinderung und sind überdies am Besten komplett unsichtbar.

Und weil all das noch nicht reicht, setzt Zu Guter Letzt noch einen obendrauf. Die gut betuchte Heldin möchte sich auf ihre alten Tage noch einmal als Radio-DJane versuchen. Zugegebener Maßen hat sie das Zeug dazu – und damit meine ich nicht nur ihre eindrucksvolle Plattensammlung. Sie spaziert also einfach in die Redaktion eines Radiosenders, bietet ihre kostenlosen Dienste an und verdrängt damit binnen Minuten eine junge Redakteurin – ohne dass dies auch nur eine Sekunde problematisiert würde. Als ein Mensch, der selbst darunter leidet, dass Honorare durch privilegierte Umsonstarbeiter_innen gedrückt werden, hätte ich mich auch an dieser Stelle am liebsten auf die Leinwand erbrochen.

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Hauptsache weißen Menschen aus der Oberschicht geht es gut. Wer prekär lebt, weil er die „falsche“ Hautfarbe hat oder zu einer Generation gehört, die gegen Windmühlen für eine gerechte Bezahlung kämpft, dient der weißen, wohlhabenden Oberschicht lediglich als Trittleiter zur Selbstoptimierung und hat es auch nicht anders verdient. Denn nur weiße Menschen aus der Oberschicht haben wirklich etwas auf dem Kasten. Deshalb gehören sie ja auch zur Oberschicht. Ist doch klar, oder?! Damit hat Zu Guter Letzt wahrlich die sexistischste, rassistischste und klassischste Geschichte erzählt, die ich in meiner bisherigen Karriere als Filmjournalistin im Kino erleben durfte. Applaus!

Kinostart: 13. April 2017

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