Sexarbeiterin

Es ist eines der umstrittensten Themen der zeitgenössischen Feminismen: Sexarbeit. Alice Schwarzer verurteilt sie kategorisch als Missbrauch von Frauen*, Sexarbeiter_innen wiederum beharren auf ihre freie Berufswahl. Aber was heißt das eigentlich, Sexarbeiterin zu sein?

© Partisan Filmverleih

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Regisseur Sobo Swobodnik hat eine Antwort. In seinem Dokumentarfilm mit dem eindeutigen Titel Sexarbeiterin begleitet Swobodnik Sexarbeiterin Lena Morgenroth in ihrem privaten und beruflichen Alltag. Dazu gehören sexuelle Dienstleistungen ebenso wie völlig alltägliche Begebenheiten. Die Botschaft des Films ist schon nach wenigen Minuten übermittelt: Sexarbeiterinnen sind Menschen wie alle anderen, leben ein Leben wie alle anderen und üben einen Beruf aus wie alle anderen.

Swobodnik bricht bewusst mit Stereotypen. Die schwarz-weiß Optik seines Films und das Spiel mit Unschärfe distanzieren sich so weit es geht vom Hochglanz-Mainstream-Porno. Lena Morgenroth selbst unterscheidet sich sowohl physisch wie auch in ihrem Auftreten deutlich von der Prostituierten, wie Film und Fernsehen sie gerne präsentieren: eine erfrischend durchschnittliche Person mit bürgerlichem Hintergrund, im gesamtgesellschaftlichen Vergleich eher privilegiert als benachteiligt – weit entfernt jedenfalls von viktimisierten, einfachen Gemütern in 15cm-Stilettos. Viele Zuschauer_innen werden jedoch vor allem von Lenas Begegnungen mit ihren Kund_innen überrascht sein. Swobodnik gelingt es, die Intimität dieser Zusammenkünfte in wunderschönen Bilder einzufangen, die niemals vulgär, schmuddelig oder obszön, sondern stets ästhetisch wirken. Zudem liegt der Schwerpunkt seiner Darstellung nicht auf „sexuellen“ Handlungen wie Masturbation oder Oralverkehr (Geschlechtsverkehr hat Lena mit ihren Kund_innen grundsätzlich nicht), sondern auf zärtlicher Nähe und der gleichberechtigten physischen Begegnung zwischen Dienstleisterin und Kund_in. Damit erweitert Sexarbeiterin wohl für viele Zuschauer_innen nicht nur den Begriff Prostitution, sondern auch den der Sexualität.

© Partisan Filmverleih

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Sexarbeit, so wie sie von Lena Morgenroth und ihren Kolleg_innen ausgeübt wird, hat nichts mit patriarchaler Unterdrückung zu tun. Eine der größten Stärken von Swobodniks Film ist, dass er uns den wichtigen Unterschied zwischen Sexismus und Prostitution vor Augen führt. In einem sexismusfreien Raum stellt Sexarbeit keine Ausbeutung dar. Oder wie Lena es formuliert: „Sie kaufen nicht meinen Körper, sondern meine Dienstleistung.“ Was Alice Schwarzer und ihre Mitstreiter_innen auf die Barrikaden gehen lässt, ist nicht die Sexarbeit als solche, sondern ihre Jahrtausende alte Perviertierung durch das Patriarchat. Deshalb ist mit einem Verbot von Sexarbeit auch niemandem geholfen. Es ist der Sexismus von dem wir uns befreien müssen und nicht der Sex!

Selbstredend ist Lena Morgenroth nur eine von vielen Sexarbeiterinnen und eine sehr privilegierte noch dazu. Diese limitierte Sicht ist die Achillesferse von Swobodniks Film, macht sie ihn doch dafür angreifbar, eine Ausnahme statt der Regel zu präsentieren. Zwangsprostitution und Menschenhandel werden nur ganz am Rande thematisiert, was diese leider sehr verbreiteten Facetten der Sexarbeit verdächtig ausblendet. Der Fokus auf Lena ist auch deshalb problematisch, weil Sexarbeiterin durch die Aneinanderreihung der immer gleichen Elemente – Kundenbegegnung, Alltag, Metagespräche mit Freunden und Verwandten, berufliche Situationen – schnell repetitiv wirkt und der Film die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer riskiert. Vielleicht wäre es zielführender gewesen, mehrere Frauen und somit auch verschiedene Facetten der Sexarbeit zu porträtieren.

© Partisan Filmverleih

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Doch Swobodnik platziert Lena nicht im luftleeren Raum. Er zeigt ihr soziales wie auch berufliches Umfeld, begleitet sie zu Konferenzen und Vorträgen. Sexarbeit, das wird in diesen Szenen besonders deutlich, ist eben doch eine Arbeit wie jede andere, zu der Buchhaltung ebenso gehört wie die Mitgliedschaft in einem Berufsverband. Die Verbindung von administrativen und sexuellen Elementen, beispielsweise wenn Lena vollkommen sachlich aus ihren Kundenakten verschiedenste Fetische vorliest, erzeugt einen leichten, ausschließlich von unserer Scham getragenen Humor.

Als größtes Problem des Films erweist sich bedauerlicher Weise die Filmmusik. Der mehrfach wiederholte Song von Ines Theileis, der insbesondere Bildmontagen begleitet, wirkt neben dem zuweilen bemühten Realismus des Films unpassend dramatisch. Zudem verleiht er der Protagonistin eine kontraproduktive Tragik. Wie treffend und selbstbewusst der Text des Lieds auch sein mag, die Melodie ist eher deprimierend als lebensbejahend.

© Partisan Filmverleih

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Dabei ist doch die Botschaft des Films eindeutig eine bejahende. Sexarbeiterin unternimmt den Versuch, sein Publikum für eine sexismusfreie Form der Prostitution zu sensibilisieren. Eine Prostitution, der es um den Dienst am und für den Menschen geht, um Genuss, Wärme und Nähe. Eine Prostitution jenseits patriarchaler Rollenbilder, die von Menschen aller Geschlechtsidentitäten in Anspruch genommen wird. Eine Prostitution, deren Vertreter_innen sich bewusst für ihren Beruf entschieden und eine Ausbildung – beispielsweise in Körperarbeit – abgeschlossen haben, die Agent_innen ihres Lebens und Arbeitens sind. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Film ein breites Publikum erreicht und nicht nur jene, die dem Titelthema ohnehin schon aufgeschlossen gegenüberstehen.

Sexarbeiterin bekommt ohne jede Einschränkung mein Prädikat „emanzipatorisch wertvoll“, denn der Film zeigt nicht nur eine starke Frau* mit Vorbildfunktion, sondern gibt auch einen Ausblick darauf, wie der Umgang mit Sexualität aussehen kann, wenn Frauen* nicht geraten wird, eine Armeslänge Abstand zu halten.

Kinotermine in Deutschland

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