Professor Marston & the Wonder Women

Na super, dachte ich mir am Anfang von Professor Marston & the Wonder Women, jetzt haben wir endlich den lang ersehnten groß budgetierten und unter weiblicher Regie entstandenen Superheldinnen-Film bekommen und er diente nur als Sprungbrett für das millionste Bio-Pic über einen weißen, heterosexuellen Mann*, nämlich den Wonder Woman Schöpfer William Moulton Marston. Und schon allein beim Wort „Schöpfer“ dreht sich mir der Magen um, weil auch das wieder so ein Klischee ist: Das männliche* Genie erschafft, die Frau* gebiert. Aber so einfach ist die Sache nicht.

Eine kleine Vorwarnung: Weil Wonder Woman ein so bedeutendes Phänomen für den Feminismus war und durch die Verfilmung auch heute wieder ist, bin ich in diesem Text besonders kritisch. Das mag haarspalterisch wirken, aber es ist mir gerade in diesem Fall besonders wichtig, wie schon bei Wonder Woman selbst, nicht nur über die Tatsache des Films selbst zu jubeln, sondern ihn auch aufmerksam daraufhin zu untersuchen, ob er hält, was er verspricht.

Professor Marston & the Wonder Women ist nur auf den ersten Blick ein Bio-Pic, auf den zweiten die Entstehungsgeschichte der Comicreihe um Wonder Woman und auf den dritten eine polyamore Liebesgeschichte. Vielleicht ist es gerade diese Dreifaltigkeit, die Drehbuchautorin und Regisseurin Angela Robinson schließlich im Weg steht. Vielleicht wäre weniger mehr gewesen, direkter, kraftvoller. Es ist nämlich eindeutig die Dreifaltigkeit, die beispielsweise der feministischen Unternehmen der Geschichte ein Bein stellt.

© Sony

Als Bio-Pic nämlich bleibt Professor Marston & the Wonder Women ganz klar die Geschichte eines weißen heterosexuellen Mannes, wenn auch eines Feministen und Freidenkers, dem es unter anderem auch darum geht, Respekt für weibliche* Stärke einzufordern und damit nicht nur Geschlechternormen aufzubrechen, sondern auch Frauen* zu ermächtigen. Wichtig ist dabei, so erzählt es zumindest Robinson in ihrem Film, dass Frauen* aus sich selbst heraus und ohne männliche* Schützenhilfe kraftvoll und erfolgreich sein können. In seiner filmischen Biographie ist William Moulton Marston (Luke Evans) trotzdem der unangefochtene Held, der alleinige Schöpfer Wonder Womans, und vor allem erschreckend makellos. Wo insbesondere seine Ehefrau* Elizabeth (Rebecca Hall) auf Grund ihrer Dominanz immer wieder Sympathiepunkte einbüßt und Olive (Bella Heathcote), die dritte Partei in dieser Ménage à Trois, als naiver und unschuldiger Charakter stets nur reagiert statt agiert, ist William, genannt Bill, klug, moralisch, integer, kreativ, stark, mutig, rational… wie ein Held eben sein muss. Nur in einem einzigen, besonders stereotypen Moment verliert er die Kontrolle und tut das, was Helden eben tun: bösen Menschen in die Fresse hauen. Einen Schandfleck auf seiner strahlend weißen Weste hinterlässt das nicht. Als Zuschauer_innen sind wir Bill stets näher als den beiden Frauen*. Er ist der Erzähler der Geschichte und bestimmt daher die Perspektive. Der Titel deutet es bereits an: Der namentlich erwähnte Professor Marsten ist der Genius, die unbenannten Frauen* sind seine Musen.

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Also doch nur wieder weißes, heterosexuelles Heldentum? Nicht ganz. Als jemand, der die Originalcomics nicht gelesen hat, war Professor Marston and the Wonder Women für mich eine Offenbarung. Denn die zahlreichen feministischen Implikationen der ursprünglichen Figur, waren – zumindest für mich – in der filmischen Adaption nur im Ansatz sichtbar. Wenn Bill der strengen Behördenvertreterin in der Rahmenhandlung seine Intentionen und den Entstehungsprozess des Werkes darlegt, dann erklärt er auch uns den Hintergrund der Figur Wonder Woman und eröffnet damit einen ganz neuen, nämlich immens politischen Blick auf die Comicheldin. Damit kann Angela Robinson im Grunde vielmehr als Patty Jenkins der feministischen Bedeutung Wonder Womans Rechnung tragen und ihr wieder den Status einer Ikone ermöglichen. Der Modus des narrativen Films ist dabei ein Weg, diese Bedeutung einem breiten Publikum zugänglich zu machen und auch Menschen jenseits des (feministischen) Comic-Nerdtums einen Eindruck davon zu vermitteln, welche Tragkraft eine solche fiktive Figur haben kann.

Und schließlich ist Professor Marston & the Wonder Women nicht nur eine Biographie, sondern auch eine Liebesgeschichte und zwar eine immens ungewöhnliche, nämlich die einer glücklichen und nicht durch Konkurrenz getrübten Dreiergemeinschaft aus Bill, der Psychologin Elizabeth, seiner Ehefrau und langjährigen Verbündeten, sowie Olive, die als Studentin das Duo zunächst wissenschaftlich und schließlich romantisch ergänzt. Dabei ist es niemals die ungewöhnliche Konstellation, die diese Liebe gefährdet, sondern stets das gesellschaftliche Korsett, das die drei revolutionär Liebenden vor Herausforderungen stellt. Damit ist Professor Marston & the Wonder Women auch ein kraftvolles Statement für die Legitimität von Polyamorie und – soweit ich weiß – bisher das einzige seiner Art im populären Kino.

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Die Ausrichtung auf ein möglichst breites Publikum bringt natürlich auch seine Probleme mit sich. An Sexszenen zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen hat sich ein Großteil der Zuschauer_innen bereits gewöhnt. Aber drei Personen? Und dann auch noch mit Bondage und BDSM? Offenbar fand auch Angela Robinson, dass dies hinzunehmen ein wenig zu viel von ihrem Publikum verlangt sei, und entschied sich für eine sehr zaghafte Inszenierung der für die Geschichte eigentlich zentralen Sexualität. Das Element von Dominanz und Unterwerfung nämlich ist hier weniger ein Fetisch denn auf psychologischer und gesellschaftlicher Ebene der Forschungsschwerpunkt der drei Figuren, der Schlüssel für den Wonder Woman Comic und damit auch ein Teil des feministischen Unterbaus. Das Private ist also im besten Sinne politisch. So richtig kinky aber geht es dann im Hause Marston nicht zu. Die Interaktion der Figuren ist überraschend unkörperlich und verkopft, beim Verzicht auf zu explizite Darstellungen fallen auch die multiplen Wege indirekter oder metaphorischer Illustration von Fleischeslust unter den Tisch. Besonders kritisch aber sehe ich die wenigen Sexszenen, die bevorzugt die Interaktion der beiden Frauen* abbilden und damit letztlich einen männlichen* Blick einnehmen. Ausgerechnet an dieser Stelle tritt Bill höflich hinter den Damen zurück – leider an der völlig falschen Stelle. Angela Robinson macht ihn im Unterschied zu seinen Partnerinnen niemals zum Objekt erotischer Begierde. Ja, die Beziehung zwischen Olive und Elizabeth steht insgesamt derart im Vordergrund, dass Bill zuweilen wie ein Zaungast wirkt.

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Als Liebesfilm ist Professor Marston & the Wonder Women nicht mehr oder weniger berührend oder kitschig als andere Vertreter seines Genres, hat aber durch seine Figurenkonstellation eine immens liberale und auch empowernde Botschaft, die eine neue Ebene der Rührung schafft – zumindest für Menschen, die sich hiervon auf Grund ihrer sexuellen oder romantischen Orientierung mit den Charakteren identifizieren können: Trost und Ermutigung. Und so kann ich aller Kritikpunkte zum Trotz nicht anders als Professor Marston & the Wonder Women, wenn auch nicht als „emanzipatorisch wertvoll“, dann doch als absolut sehenswert zu bezeichnen

Ein großes Manko jedoch hat der Film: Ich werde Patty Jenkins‘ Wonder Woman nie mehr mit denselben Augen sehen, sondern immer nur als ziemlich kastrierte Version einer großen feministischen Idee. Aber wer weiß, vielleicht kann sich die Regisseurin Wonder Woman als Ikone wieder feministisch aneignen, wenn sie in der nächsten Superheldinnen-Verfilmung stärkeren Einfluss auf das Drehbuch nehmen darf. Mit ihrem ersten Film jedenfalls, da bin ich mir jetzt sicher, wäre William Moulton Marston ziemlich unzufrieden gewesen. Nicht nur wegen des eklatanten Fehlens von Bondage-Szenen.

Kinostart: 2. November 2017

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