PorYes 2017 – Wenn Feminismus lustig und sexy ist

Es war wieder so weit: Viva la Vulva! Am 21. Oktober 2017 wurde von Aktivistin und Sexualwissenschaftlerin Laura Méritt gemeinsam mit ihrem Freudenfluss Netzwerk in Berlin wieder der PorYes Award für feministische Pornographie verliehen. Fand die Veranstaltung beim letzten Mal noch im Kino in den Hackeschen Höfen statt, füllten Fans und Besucher_innen diesmal gleich einen ganzen Theatersaal, nämlich das Hebbel am Ufer, was dem Ereignis die gebührende Portion Pathos verlieh. Das zwinkernde Auge war dabei stets spürbar: Einerseits nehmen die Organisator_innen des Preises ihre Arbeit absolut ernst, andererseits wirken sie niemals verbissen, auch nicht, wenn es um ihre feministische Überzeugung geht. Und genau darin liegt der Schlüssel für den großen Unterhaltungswert des Ganzen: Hier macht Feminismus Spaß!

Die Moderation übernahmen wie schon im vergangenen Jahr Laura Méritt persönlich und Janina Rook, Journalistin und Comedienne, die in einer sympathisch wilden Mischung aus Deutsch und Englisch bilingual durch den Abend führten. Das Vokabular war reich an weiblich*-sexpositiven Neologismen wie „möslichen Dank“ oder auch „Invulvierung“, die Vulva als geradezu heiliges Symbol einer gefeierten Weiblichkeit* omnipräsent. Auch in dieser Hinsicht keine Spur von der Verbissenheit anderer feministischer Zirkel (und Wellen): Der PorYes Award strahlt bei aller Heiligsprechung der Vulva eine große Portion Queerness aus.

Ula Stöckl eröffnet die Preisverleihung © Dorothea Tuch

Offiziell eröffnet wurde die Verleihung übrigens von Schirmherrin Ula Stöckl (Neun Leben hat die Katze), die sich in ihrer Rede ziemlich kurz fasste: „Vögelt doch so lange es Spaß macht.“ Alles klar, machen wir. Gerne! Dieser Satz fast in etwa die lockere und positive Einstellung zu Sexualität zusammen, die die gesamte Veranstaltung ausstrahlt. Nichts ist hier „pfui“, alle Körper sind sexy und erlaubt ist, was allen Beteiligten Freude bereitet.

Auch in diesem Jahr war die PorYes Verleihung wieder ein sexpositives Seelenstreicheln und vor allem eine Fundgrube für eigene sexuelle Inspirationen. Denn – und das kam im Laufe der Verleihung immer wieder zur Sprache – feministische Pornographie hat immer auch einen sexualpädagogischen Auftrag. Und zwar insofern, als dass sie Sexualität lebensnah erzählt, Verhütung thematisiert, aufzeigt wie „consent“ im Liebesspiel sexy sein kann, anstatt unnatürliche Bilder artifizieller Körper und steriler Performances zu inszenieren wie der „Malestream“-Porno . „Vielfalt, Konsens, Fairness“ – das sind die drei Pfeiler feministischer Pornographie, so wie sie PorYes definiert.

Die Gewinner_innen – And the Muschel goes to…

Im Unterschied zu so ziemlich allen anderen Preisverleihungen, denen ich beigewohnt habe (und es waren ein paar!), räumt PorYes den prämierten Werken und Personen großen Raum ein. Die Filmausschnitte waren minutenlang, so dass das Publikum einen tatsächlichen Eindruck von der Arbeit der Gewinner_innen erhalten und Neugierde für ihre Filme entwickeln konnte. Damit auch ihr euch inspirieren lassen könnt, folgt deshalb nun eine kleine Vorstellung der einzelnen Preisträger_innen.

Der erste Award in Form einer lila Muschel ging an Sky Deep für ihren humorvollen, politischen und queeren Vampir-Porno Enactone, in dem orgasmisches Blut als Delikatesse die Basis für Sexszenen liefert, die im wahrsten Sinne des Wortes „juicy“ sind. Dabei geht es neben der offensichtlichen Erotik dieses Schauspiels aber auch um die Identität der Filmemacherin als Woman of Color und damit um weit mehr als simplen Voyeurismus. Und gelacht darf auch werden!

Enactone – Trailer 1 from DYCE on Vimeo.

Die zweite Preisträgerin, Dorrie Lane, wurde für ihre Aufklärungsarbeit geehrt, insbesondere eine Serie von Masturbationsvideos aus den 90ern Jahren, bei denen die Performerinnen das Setting, die Musik und Inszenierung ihres Clips selbst gestalten durften. Das Ergebnis ist eine große Vielfalt an Vulven, die prominent ins Bild gesetzt werden, sowie Einblicke in die Bandbreite an autoerotischen Phantasien unterschiedlichster Frauen*. Die Filme sind also nicht nur sexy Masturbationsclips, sondern vermitteln vor allem eine große Portion positives Körpergefühl und sexuelles Empowerment. Dorrie Lane fertigt übrigens auch zauberschöne Plüsch-Vulven an!

Eine weitere Ehrung erhielt Chanelle Galant, die in Toronto quasi das kanadische Pendant des europäischen PorYes-Awards begründet hat. Galant setzt sich für einen Aspekt der feministischen Pornographie ganz besonders ein, nämlich den der gerechten Bezahlung. Und weil es feministisch ist, beteiligte Personen fair zu entlohnen, ist es auch ebenso feministisch, für Pornographie zu bezahlen. Und damit an der Bedeutung dieser Aussage keine Zweifel entstand, ließ Chanelle Galant sie vom Publikum gleich noch ein einem Sprechchor wiederholen: „Für Porno zu bezahlen, ist feministisch.“ Das kann eins eigentlich nicht oft genug sagen.

Trinity: An Erotic Short Film – Trailer from Ms Naughty (Louise Lush) on Vimeo.

Es folgte ein Preis für Porno-Regisseurin Ms Naughty. Aus der Perspektive einer heterosexuellen Frau* gefilmt, weisen ihre Filme einen besonders starken weiblichen* Blick auf, eine offensichtliche Faszination für Männer*körper. Die gezeigten Ausschnitte bestachen allerdings auch durch ihren Humor, das Spiel mit den normativen Erwartungen des Publikums sowie eine Hingabe an subtile Erotik in Blickwechseln und zärtlichen Nahaufnahmen jenseits der Genital-Close-Ups im „Malestream“-Porno. Auffällig war für mich auch die natürliche Interaktion der Performer_innen, das gemeinsame Lachen und liebevolle Nachfragen nach dem Befinden des Gegenübers. „It’s sexy to talk to each other“, sagte Ms Naughty später auf der Bühne. Wer daran noch Zweifel hat, möge doch bitte einen ihrer Filme schauen!

María Llopis erhielt einen Spezialpreis für ihre Performances, vor allem aber ihre Workshops, denn auch die praktische Vermittlung von Sexualität, die Begegnung, das Ausprobieren, sich Entdecken, ist Teil des feministischen, sexpositiven Verständnisses von Pornographie, begründeten die Moderatorinnen Laura Méritt und Janina Rook die Auszeichnung. Aktuell beschäftigt sich Llopis übrigens mit den Themen orgasmische Geburt, Mutter- und Schwangerschaft und hat dazu auch ein Buch veröffentlicht.

© Amard Bird Films

Die letzte Muschel des Abends wurde an Performer Bishop Black für sein queeres Rollenspektrum vergeben. Die ausgewählten Filmbeispiele zeichneten in der Tat ein Panorama unterschiedlichster sexueller Identitäten, ein fluides Verständnis derselben, ein Gleiten von einer Rolle zur nächsten, ein Spiel mit eben jener Flexibilität sowie die inspirierende Liebe zur eigenen Vielseitigkeit.

Der Abend endete mit einem Konfettiregen, ein Ausdruck des Dankes des Freudenfluss-Teams für die Initiatorinnen des Preises. Diese sympathische Familienstimmung auf der Bühne blieb auch im Finale erhalten, als alle Preisträger_innen auf die Bühne gerufen wurden. Das Freudenfluss-Netzwerk hat seinem Namen auch dieses Jahr wieder alle Ehre gemacht.

© Dorothea Tuch

Feministische Pornographie in Zeiten von Harvey Weinstein

Abschließend stelle ich mir folgende unbequeme Frage: Wenn doch – wie vielfach behauptet – Männer* so viel mehr Pornos konsumieren als Frauen*, dem Thema also im Grunde näher stehen sollten, warum sind sie dann bei einer Veranstaltung wie dieser in der absoluten Minderheit? Weil es fair, konsensuell und divers zugeht? Kann das wirklich sein? Im Zuge der Enthüllungen über Harvey Weinstein gibt es aktuell einen regen Diskurs über die respektvolle Begegnung zwischen Mann* und Frau*, die frappierende Leerstellen aufzeigt. So gibt es beispielsweise noch immer viele, mehrheitlich männlich* identifizierte Menschen, denen es offenbar schwer fällt zwischen Flirt und Belästigung zu unterscheiden.

Feministische Pornographie hat den Auftrag, alle Menschen unabhängig von sexueller Identität oder Vorliebe abzuholen. Deshalb ist die Behauptung, feministische Pornos seien für Frauen* gemacht, totaler Humbug. Feministische Pornographie kann uns allen etwas beibringen: über unsere Körper, über die Mannigfaltigkeit von Sexualität und auch über ein respektvolles erotisches Miteinander. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass feministische Pornographie auch einen Beitrag dazu leisten kann, Sexualität als einvernehmliche, lustvolle und gleichberechtigte Begegnung von Menschen zu etablieren. Ich glaube, wir sollten alle (!) viel mehr feministische Pornos gucken!

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