PFF 2016: Pornos, Ponys und unsichtbare Pussys

Das Internationale Pornfilmfestival in Berlin sorgt immer wieder für Verwirrung. Viele Menschen fragen mich, ob denn da tatsächlich kollektiv Sexfilme konsumiert werden (ja!) und ob sich die Zuschauer_innen währenddessen wohl gegenseitig hemmungslos befummeln (nein!). Wieder andere irritiert, dass im Festivalprogramm auch Spiel- und Dokumentarfilme enthalten sind. Vielleicht kann ja mein diesjähriger Festivalbericht ein bisschen Klarheit schaffen.

Was ist eigentlich ein Porno?

Nach der Vorstellung zu Pagan Variations, meinem Lieblingsfilm dieses Jahr, hörte ich ein Gespräch zwischen zwei Zuschauenden mit: „Das war ja völlig irreführend angekündigt. Das war ja gar kein Porno.“

Hm, mal überlegen. Pagan Variations ist ein Film der ausschließlich das Auge erfreut und keine Narration liefert. Es ist außerdem ein Film, in dem es um viele verschiedene Formen sexuellen Erlebens geht. Was es in Pagan Variations allerdings nicht gibt, ist penetrativer Geschlechtsverkehr. Es amüsiert und bedrückt mich zu gleichen Teilen, wie limitiert der Porno-Begriff oftmals ist, wie vorurteilsbeladen – und das meist im negativen Sinne.

© AJ Dirtystein

© AJ Dirtystein

Pagan Variations ist ein gutes Beispiel dafür, was Pornographie sein kann, wenn wir uns von durchchoreographierten, hell ausgeleuchteten Penetrationsübungen distanzieren und Sexualität mit den Mitteln des audiovisuellen Mediums erforschen. Regisseurin und Performerin AJ Dirtystein nimmt ein Tarotspiel als Basis für ihre Inszenierung unterschiedlicher Körper, Sexualitäten und Fetische. Ihre Bilder sind selbst dann von beeindruckender Schönheit, wenn der Inhalt herausfordert. Es ist gerade die Stilisierung einzelner Praktiken, die für Außenstehende einen Zugang ermöglicht, weil sie wie jede Überzeichnung eine Distanz zwischen Zuschauenden und Performenden schafft. Pagan Variations kreiert gewisser Maßen einen künstlerischen Schutzraum für die dargestellte Sexualität, innerhalb dessen wir unabhängig von unseren eigenen Neigungen die verschiedenen Bilder audiovisuell genießen können. Das Ergebnis ist ein nahezu rauschhaftes Erlebnis, wenn auch nicht zwingend ein sexuell erregendes. Aber ist Pagan Variations deshalb weniger pornographisch?

Leichter fällt die Einordnung in altbekannte Schubladen mit Michelle Flynns Momentum Vol. 4, der mich alles andere als begeistert hat. Die Regisseurin versucht sich an einer Erzählung, scheitert aber daran, ihrem Gesamtwerk einen Rhythmus oder eine Struktur zu verleihen. Momentum Vol. 4 tarnt sich als Roadtrip, ist aber letzten Endes nur eine klassische Aneinanderreihung von Sex- und Masturbationsszenen, von denen insbesondere die letzte deutlich zu lang geraten ist. Die Handlungselemente wirken arg konstruiert und stellen somit eher einen Störfaktor dar. Bis auf einige wenige wirklich schöne Bildkompositionen ist Momentum Vol. 4 in meinen Augen ein recht uninteressantes Werk.

© Michelle Flynn

© Michelle Flynn

Insbesondere im Vergleich mit The Bedroom, den ich hier schon ausführlicher besprochen habe, wird die Hürde der Komplexität sichtbar. Wo The Bedroom als Porno zu sich selbst steht und ein simples Konzept findet, um Sexszenen aneinanderzureihen und doch mit einem roten Faden zu verbinden, verliert sich Momentum Vol. 4 in dem Versuch, sowohl eine Handlung als auch künstlerischen Mehrwert zu bieten. Ich will nicht sagen, dass dieser Anspruch grundsätzlich falsch sei. Es ist nur so wie mit allen Dingen im Leben: Je mehr wir uns vornehmen, desto mehr kann auch schiefgehen. Und manchmal ist es vielleicht einfach besser, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Die Frage nach der Definition von Pornographie ist damit natürlich nicht beantwortet, aber sie ist nun vielleicht weniger wichtig: Ein Porno kann so viel mehr sein als einfach nur abgefilmter Sex.

Dokumentarfilme: Menschen auf der Suche nach Glück und Freiheit

Ich persönlich gehe auch deshalb gerne zum Pornfilmfestival, weil ich immer wieder Themen und Filme finde, die mich herausfordern und/oder meinen Horizont erweitern – nicht nur, aber natürlich auch sexuell.

Dieses Jahr machte mich beispielsweise Être Cheval mit dem Pony-Play vertraut, also dem Verkörpern eines Pferdes, inklusive Kopfgeschirr, Huf-Schuhen und entsprechendem Training. Wie so oft steckt hinter den auf den ersten Blick lustigen Bildern viel mehr als nur die Lust an der Verkleidung. Regisseur Jérôme Clément-Wolz ermöglicht eine große Nähe zu seiner Protagonistin, die in Reiterferien der etwas anderen Art ein Pony-Training durchläuft. Filme wie Être Cheval ermöglichen, dass wir Menschen nicht auf Grund ihrer sexuellen Neigungen verurteilen oder gar pathologisieren, sondern Pony-Play und andere Fetische einfach als das begreifen was sie sind: Dinge, die Menschen glücklich machen.

Eine ganz andere Form der Horizonterweiterung bot der Dokumentarfilm Maldito sea tu nombre, libertad, den ich auf meinem persönlichen Blog etwas ausführlicher besprochen habe, weil er sich schwerlich in das Konzept der FILMLÖWIN einfügen ließ. In dem historischen Dokument aus dem Jahr 1995 kommen Kubaner_innen zu Wort, die sich Ende der 80er Jahre und Anfang der 90er Jahre bewusst mit HIV infizierten, um den staatlichen Repressionen der Epoche zu entgehen. Die Interviews mit den Protagonist_innen machen betroffen, können wir uns hierzulande doch kaum vorstellen, aus welcher Verzweiflung eine solche Entscheidung geboren wird. Umso wichtiger, dass Filme wie dieser uns daran erinnern, dass Freiheit für viele Menschen auch heute noch einen unerreichbaren Luxus darstellt.

Spielfilme: Neue Geschichten braucht die Welt!

Neben Pornos und Dokumentarfilmen gab es auf dem Pornfilmfestival natürlich auch in diesem Jahr Spielfilme zu entdecken, die – meist völlig zu unrecht – in der deutschen Kinolandschaft keine Chance haben. Tangerine von Sean Baker ist so ein Film. Mit kleinem Budget und nur einem iPhone gedreht, führt die Geschichte durch den Tag einer transsexuellen Sexarbeiterin in Los Angeles. Gerade ist Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) aus dem Gefängnis entlassen, da erfährt sie, dass ihr Freund Chester sie mit einer cis-Frau betrogen hat. Wirbelwind Sin-Dee sinnt auf Rache und jagt gemeinsam mit dem Publikum atemlos durch den Straßenstrich in L.A. Die Zuschauer_innen bekommen dabei nicht nur Einblick in Sin-Dees Lebensrealität, sondern auch in das Privatleben eines Freiers. Die große Stärke von Tangerine liegt darin, dass der Film seine Figuren weder verurteilt noch als Opfer darstellt, sondern durch die Bank als liebenswerte Menschen mit Stärken und Schwächen. Humor, Spannung, Tragik und vor allem ein irres Tempo – Tangerine ist ein rundum gelungener, unterhaltsamer und zugleich bildender Film.

Ebenso gelungen ist die polyamore Romanze Hide and Seek von Regisseurin Joanna Coates. Vier vom Leben und der Liebe frustrierte junge Menschen ziehen sich in ein Landhaus zurück und widmen sich einem Experiment der nicht-monogamen Liebe. Von festen Regeln des Zusammenlebens- und liebens ausgehend entwickelt sich die Vierergruppe schon bald zu einer funktionierenden polyamoren Einheit. Doch was passiert, wenn Menschen von außen dazu stoßen oder wenn sich innerhalb der Gruppe plötzlich romantische Gefühle entwickeln? Joanna Coates erzählt ihre Geschichte so liebevoll, mit so wenig Plattitüden und Klischees, zeigt so sinnliche und kreativ-verspielte Momente, dass das Ende ihres Films viel zu schnell kommt. Weder missionarisch noch moralisch belehrend spricht Hide and Seek eine Einladung aus: Es geht auch anders und es kann so schön sein!

Fußnote: Wo ist Vulva?

Ich beschäftige mich schon länger mit der Darstellung der Vulva bzw. ihrer Abwesenheit. Alles begann mit Lars von Triers Nymphomaniac und der immens auffälligen Unsichtbarkeit weiblicher* Genitalien. Unter #WoIstVulva (angelehnt an die Wimmelbild-Bücher Wo ist Walter?) sammle ich bei instagram seit einiger Zeit möseale Formen und Anspielungen im Alltag. Leider hat sich daraus noch kein Virales Phänomen entwickelt, aber das kann ja noch kommen.

© Alamode

© Alamode

Beim Pornfilmfestival war es dieses Jahr der Film Love von Gaspar Noë, der mir das Thema wieder in Erinnerung rief. Die in drei 3D gefilmte Liebesgeschichte, aus der Sicht von Hauptfigur Murphy erzählt, enthält zahlreiche explizite Sexszenen bis hin zum Come-Shot mitten ins Gesicht der Zuschauenden. Der Penis von Hauptdarsteller Karl Glusman erhält ausufernd viel Screentime, doch eine Vulva bleibt trotz gleich zweier zentraler Frauen*figuren im gesamten Film unsichtbar. Wie kann das sein? Ganz einfach: Herr Noë tut so, als würde er auf den Trend natürlicher Schönheit aufspringen und stattet seine Darstellerinnen mit Schamhaarbüschen aus, die an das Brusttoupet von Dieter Thomas Kuhn erinnern: absolut blickdicht. Gepaart mit einer entsprechenden Kameraführung entgeht Love somit dem eigentlichen Tabu (spritzendes Sperma ist nämlich als solches echt nicht mehr zu bezeichnen): der Sichtbarmachung der Vulva.

Und wie fast jeder Porno auf dem Festival zeigte: Schamhaare und die Sichtbarkeit von Labien, Klitoris oder einer vor Lust triefenden Vaginalöffnung schließen sich nicht aus. Vielleicht sollte Gaspar Noë einfach öfter mal zum Pornfilmfestival kommen!

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