Liebe, Sex und Zärtlichkeit – Das 10. Pornfilmfestival Berlin

Pornos gucken mit fremden Menschen – als ich einst meinen ersten Besuch beim Pornfilmfestival Berlin plante, erschien mir dieser Gedanke noch ziemlich skurril. Von einer großen Skepsis gegenüber Pornographie im Allgemeinen ganz zu schweigen. Nun, drei Jahre später, hat sich nicht nur meine Einstellung zum kollektiven Sexfilmgenuss verändert, sondern vor allem meine Sicht auf das Genre selbst. Jeder Besuch des Pornfilmfestivals erweitert meinen Horizont, zeigt mir die Bandbreite sexueller Identitäten und Spielarten und fordert mich auf positive Weise heraus, mich selbst und meine Schubladen von „Normalität“ zu hinterfragen.

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© Pornfilmfestival Berlin

Denn – auch wenn der Titel dies zunächst nicht vermuten lässt – das Pornfilmfestival Berlin zeigt neben einer großen Auswahl an kurzen und langen Hard Core Pornos auch stets eine Reihe von Dokumentarfilmen zu unterschiedlichen Aspekten der menschlichen Sexualität. Und da mir in diesem Jahr die große Ehre zuteil wurde, Mitglied der Jury für die Sektion Dokumentarfilm zu sein, hatte ich nicht nur die Möglichkeit, sondern vor allem auch die Pflicht die unterschiedlichsten Filme zu schauen, von denen ich nun einige exemplarisch vorstellen möchte.

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten…

In Fucking in Love dokumentiert Filmemacherin Justine Pluvinage ihre eigene sexuelle Entfaltung und legt den Schwerpunkt dabei auf post-koitale Momente von Intimität. Trotz dieses autobiographischen Ansatzes bleibt uns die Frau hinter der Kamera aber bedauerlich fremd. Auch gelingt es Pluvinage leider nicht, ihren Film narrativ zu strukturieren. Fucking in Love ist eine lose Aneinanderreihung einzelner „Post-Sexszenen“, die weder eine Geschichte erzählen noch Identifikationspotential schaffen können.

Vorbildlich erzählt und deutlich professioneller produziert ist der sehr klassische Dokumentarfilm Leaving Africa von Iiris Härma, der sowohl eine besondere Frauenfreundschaft wie auch sexuelle Aufklärungsarbeit in Uganda portraitiert. Gemeinsam unterrichten die Finnin Riitta und die Uganderin Kata Männer wie auch Frauen in Sexualkunde und kämpfen auf diese Weise nicht nur gegen Sexismus, sondern auch gegen Aberglauben und religiöse Verklärung. Leaving Africa zeigt dabei eindrücklich die Schlüsselrolle sexueller Aufklärung für Emanzipation und Gleichberechtigung.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Sexing the Transman XXX Vol.4 von Buck Angel, denn hier geht es richtig zur Sache. Zwar interviewt der Regisseur seine Protagonisten auch zu ihrem Transitionsprozess, zu den Veränderungen ihres Körpers und ihrer Sexualität, doch sind es die expliziten Sexszenen, die diesen Film dominieren. Über die Einordnung in die Sektion Dokumentarfilm ließe sich durchaus diskutieren. Über die Bedeutsamkeit des Werks an sich jedoch nicht. Denn Buck Angel schafft nicht nur eine pornographische Repräsentation von Transsexualität, sondern leistet auch wertvolle Aufklärungsarbeit.

trailer YES, WE FUCK! from yes, we fuck! on Vimeo.

Eine ähnliche Mischung bei jedoch um Längen professionellerer Umsetzung bietet der Gewinnerfilm Yes, we fuck! von Antonio Centeno und Raúl de la Morena, der zum diesjährigen Festivalschwerpunkt „Sexualität und Behinderung“ gehört. Die Regisseure geben Einblick in das sexuelle Erleben von Menschen mit körperlichen wie auch geistigen Behinderungen und bleiben dabei nicht auf einer rein informativen Ebene stehen, sondern erzeugen Momente großer Erotik. Yes, we fuck! führt uns die Probleme körperlicher Einschränkungen vor Augen, zeigt, was es bedeutet, sich nicht selbst berühren und masturbieren zu können, ohne seine Protagonist_innen dabei in eine Opferposition zu rücken. Stattdessen wird die Sexualität abseits des „Normalen“ hier zu einer Bereicherung für die nicht-behinderten Zuschauer_innen, zeigt sie doch das breite Spektrum sexuellen Erlebens, das wir viel zu selten erforschen.

Sex und Revolution

Neben den Dokumentarfilmen habe ich natürlich auch den einen oder anderen Blick in die Spielfilmsektion geworfen. Hier fand sich beispielsweise das verstörende Coming of Age Drama Klip von Maja Miloš, in dem sich ein junges Mädchen auf der Suche nach Liebe und Anerkennung immer wieder sexuell erniedrigt. Die erotische Selbstinszenierung durch Handyvideos und Selfies unterstreicht den Entfremdungsprozess der Heldin von ihrer eigenen Sexualität, die ausschließlich für andere, nämlich die Zuschauer_innen, nicht aber für die junge Frau selbst existiert. Klip zeigt eindrucksvoll, wie das Zusammenspiel der modernen Mobil-Technologie und sozialen Medien dazu beiträgt, den sexuellen Objektstatus der Frau zu konstituieren und welchen Herausforderungen die heutige Teenager-Generation in diesem Zusammenhang ausgesetzt ist.

Weit weniger bedrückend und umso unterhaltsamer präsentierte sich die Schweizer Produktion Räuberinnen von Carla Lia Monti, die mit bösartiger Komik das sexistische Märchennarrativ entlarvt. Ein Königspaar sucht die richtige Frau für den heranwachsenden Sohn. Blond muss sie sein, wie sich das für eine Prinzessin gehört. Die Auserwählte aber denkt gar nicht daran, sich dem klassischen Märchenskript gemäß glückselig in ihr Schicksal zu fügen und stiftet stattdessen eine feministische Revolution an. Und einmal entfesselt, macht die geballte anarchische Frauenpower vor nichts mehr Halt!

Warum liegt hier eigentlich eine Designer-Möse?

Ein Festival kann freilich nicht nur Highlights bieten, sondern hält immer auch die eine oder andere Enttäuschung parat. Ich verlasse in der Regel niemals vorzeitig eine Filmvorführung, aber für Fuck the Police von Lily Cade musste ich eine Ausnahme machen. Das lag gar nicht an den haarsträubenden Porno-Dialogen, die auf dem Niveau von „Warum liegt hier eigentlich Stroh?“ rangieren, sondern vor allem an den völlig artifiziellen, überlangen und repetitiven Sexszenen. Auch erschließt sich mir nicht, weshalb ein rein lesbischer Porno ohne Selbstironie auf sexistische Stereotype der Mainstreampornographie zurückgreifen muss. Plastiktitten, aufgespritzte Lippen, chirurgisch optimierte Vorzeigemösen und akrobatische Stellungswechsel – da hätte ich ebenso gut einen beliebigen Sexfilm aus dem Hinterzimmer der Videothek ausleihen können. Auch die gigantösen Umschnalldildos, die mit angestrengt aufgesetzter und oft aggressiver Mackermiene in den Designer-Muschis versenkt wurden, wirkten eher befremdlich als erregend auf mich. Nach etwa 80 von insgesamt 100 Minuten hielt ich es nicht mehr aus und verlies den Kinosaal. Wie sich irgendjemand die dreistündige (!!) ungekürzte Originalfassung dieses Films anschauen kann, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.

© Filly Films

© Filly Films

Und so hat das Pornfilmfestival wieder einmal meinen Horizont erweitert, die Sexualität von Transmenschen und Menschen mit Behinderung für mich in den Bereich des Normalen und Selbstverständlichen gerückt, mir einmal mehr die Bedeutung positiver weiblicher Sexualität für Emanzipation und Gleichberechtigung bewiesen und mich gelehrt, dass auch Frauen schlechte Pornos machen.

In diesem Sinne: Ich freue mich schon jetzt aufs nächste Jahr!

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